Staunkalender 2020

Der Staunkalender wird herausgegeben von der Aktion Gott.net. Jeder Text geht aus von einem Witz, der als Bild (Karikatur) dargestellt wird.

Januar
Ein Postbeamter stempelt den ganzen Tag Briefe. Jemand fragt ihn, ob das nicht langweilig sei. "Nein, kann ich nicht sagen," sagt der Postbeamte. "Ist doch jeden Tag ein anderes Datum!" "Wie langweilig!" Das ist oft ein kleines Todesurteil. Schon Fünfjährige sind damit bei der Hand. Das Langweilige kriegt keine Chance. Es wird ausgeschaltet (Fernsehen), in die Ecke gefeuert (Buch) oder links liegen gelassen (Kirche). Was einmal als langweilig und uncool gilt, erlebt nur selten eine Auferstehung!
Was kann die Kirche da machen? Immer dieselben Worte, immer dieselben Zeichen! Immer dieselben Lieder (auch "neues Liedgut" ist beim zehnten Mal nicht mehr taufrisch!). Mit medialer Krimi-Spannung ist da nichts.
Lange Weile kann zum Wesentlichen führen. "Der Kopf will immer das Neue, das Herz will immer dasselbe!" Liebende werden es nicht leid zu wiederholen: "Ich liebe dich!" Das wird nie langweilig! Und ebenso wenig Gottes Liebeserklärung. Ob wir sie unsererseits mit wachem - nicht gelangweiltem - Herzen aufnehmen?
So übe man sich in die lange Weile ein. Ist doch jeden Tag ein anderes Datum! Um das aufzunehmen, was uns Gott für heute mit auf den Weg geben will.
Februar
Rechtsanwalt: "Leider waren meine Bemühungen, Ihren Prozess zu gewinnen, umsonst." Klient: "Na, bestens. Ich dachte schon, Sie wollten auch noch ein Honorar dafür!" Alles umsonst!, sagt der eine, mit Enttäuschung in der Stimme. Alles umsonst, alles vergeblich!
Alles umsonst?, fragt der andere, und Staunen schwingt mit. Alles umsonst, alles gratis? Kaum zu glauben! Hoffentlich kein Sonderangebot mit Hintergedanken.
Alles gratis. Geschenkt. Ja, diese Großzügigkeit lässt staunen! Und keine Zusatzklauseln, kleingedruckt: keine Vorleistungen. Kein Abstottern von Raten. Kein Trick, mit dem du an der Angel hängst!
Gratis. Das klingt nach Latein. Ist es auch. Die sprachliche Mutter von Gratis heißt gratia, Gnade. Das ist fast ein Fremdwort geworden in der reinen Leistungswelt, in der du dir alles selbst verdienen musst. Und ohne Dank auskommst - du verdankst ja alles dir selber. Furchtbare Welt!
Nein - da lebe ich tausendmal lieber von der Welt des Glaubens her. Von Gott her, bei dem Gnade kein Fremdwort ist, sondern sein Wesen. Er verschenkt sich - in die Schöpfung hinein, in unser Leben hinein, in Jesus Christus hinein. Und in dieser Gnade klingt leise die Einladung mit: Mach es auch so. Und beginne mit dem Dank.
März
"Papa, wie heißt die Schwiegermutter von Adam", fragt der Achtjährige seinen Vater. "Weißt du," sagt der Vater, "Adam hatte keine Schwiegermutter. Er lebte doch im Paradies!" Die armen Schwiegermütter! Ständig müssen sie für Witze herhalten (Schwiegerväter haben es da besser!). Ich kenne eine ganze Reihe von ihnen, die durchaus ins Paradies passen. Die Schwiegertöchter schwärmen von ihnen: Sie seien überhaupt nicht kontrollierend, distanziert und dominant! Keine spitzen Bemerkungen! Keine Argusaugen, die kritisch überwachen! Nein, ein wohlwollender liebevoller Blick sei ihnen eigen, ein Vertrauen ohne Hintergedanken.
Das Paradies (am Anfang und am Ende der Zeiten, im Jenseits und im Diesseits unserer Erde) stelle ich mir vor als Treffpunkt derer, die Jesus selig preist. Die reinen Herzen, transparent und klar, ohne krumme Touren. Die selbstlos Liebenden, die Friedensstifter, die Gewaltlosen. Die Schüler und Schülerinnen Gottes. Und alle, die den Weg mit Sehnsucht gehen, auch wenn sie über Steine stolpern und dabei auf die Nase fallen. Die Armen im Geist, die den Reichtum nicht in sich selbst finden, sondern in Ihm, dem Magneten Gott, der sie alle vereint. Alle. Wohl auch die Schwiegermütter.
April
"Haben Sie nicht gehört, wie wir die halbe Nacht an Ihre Wand geklopft haben?" "Ich bitte Sie," sagt der Nachbar. "Das macht doch nichts - wir hatten eh eine kleine Feier!" Klopfzeichen mit der Faust an die Wand (oder mit dem Besenstiel an die Decke) - aus Ärger: Es ist viel zu laut!
Klopfzeichen im Gefängnis, von Zelle zu Zelle: Wir müssen miteinander reden!
Klopfzeichen an die Tür: Macht auf! Lasst uns rein!
Im Zeitalter der Smartphones sind die Klopfzeichen weithin abgelöst von Klingeltönen. Aber einer - sehr traditionell! - benutzt sie immer noch! Auch auf die Gefahr hin, dass wir die Klopfzeichensprache verlernt haben: Gott klopft unentwegt bei uns an. Er schickt uns Menschen und Nöte und Freuden und andere Gelegenheiten vorbei - hoffentlich sind wir dann zu Hause!
Umgekehrt lädt Er uns ein, bei ihm anzuklopfen: Klopfet an, und es wird euch aufgetan!
Am weitesten hat Er die Tür aufgemacht zu Ostern. Selbst der Tod zeigt sich als Tor. Und Gott als Liebe, grenzenlos.
Ja - "wir müssen miteinander reden!"
Mai
Was hat Sie denn hierhergeführt?", will der Gefängnispfarrer vom Gefangenen wissen. "Mein Glaube! Ich habe geglaubt, die Bank hätte keine Alarmanlage!" Allerweltswort Glaube. Selbst im Gefängnis wird geglaubt, was das Zeug hält: Ich glaube, man wird mich frühzeitig entlassen. Ich glaube, vor dem Typ da muss ich mich sehr hüten!
In der Gefängniskapelle hat das Wort Glaube einen anderen Klang. Es gibt einen, sagt da der Pfarrer, der euch hier schon, hinter diesen Gittern, befreien kann. Der euch nicht als Kriminelle sieht, selbst wenn er eure schlimmen Taten ganz fürchterlich findet, - sondern als Menschen, als seine Kinder. Und der öffnet euch alle Tore, selbst das letzte - den Tod -, um mit euch zu feiern.
Die meisten Häftlinge haben diesen Glauben eher hinter sich. Rückstände sind vielleicht noch da, Erinnerungen aus der Kindheit. Aber in der Kapelle - und in der eigenen Herzenskammer - wandert bei manchen der Glaube von hinten nach vorn. Sie spüren ihn in sich und vor sich. Verhalten noch: Vielleicht ist es ja wahr! Vielleicht - das reicht, um weiter zu suchen.
Juni
"Sag mal", fragt eine Freundin die andere. "Jetzt bist du dreißig Jahre verheiratet. Was reizt dich noch an deinem Mann?" Antwort: "Jedes Wort!" Das muss ja ein reizender Mann sein! Jedes Wort von ihm treibt die Gattin auf die Palme! Genauer: Er selbst - in seiner ganzen Person - wirkt so, egal ob er spricht oder den Mund hält. Die Frau denkt: Ich kann dich nicht mehr sehen! Nicht mehr den, den ich damals sah, vor dem Traualtar.
Damals: Eine Reizüberflutung mit Glück! Eine Anziehungskraft wie ein Magnet! Ein Liebreiz wie ein Pfeil ins Herz (wenn man das von Männern so sagen kann).
Und dann die dreißig Jahre ----
Ja, mit der Zeit verschleißen sich die Dinge - und leider auch die Menschen. Aber es ist kein Naturgesetz, dass die Liebe vergänglich ist! Beide hätten die Liebe pflegen müssen - so wie man seine Blumen pflegt und ihnen im Wasser das gibt, was sie brauchen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät.
Nein, unsere Liebe ist verletzlich, ja vergänglich. Nur Gottes Liebe ist ewig. Könnten wir ihn mehr einbeziehen, als den Dritten im Bunde - wie damals vor dem Traualtar
---- ob dann die Liebe auferstehen kann?
Juli
"Hast du schon Pläne für die Ferien gemacht?" "Brauche ich nicht! Meine Frau bestimmt, wohin, mein Chef bestimmt, wann, und meine Bank rechnet aus, wie lange!" Ziemlich illusionslos, der Typ mit seinen bescheidenen Urlaubsplänen. Viel zu melden hat er nicht. Immer bestimmen andere: Der Chef, die Finanzen, die Sachzwänge - und nicht zuletzt die Ehefrau.
Als er noch jung war, hat er von der Freiheit geträumt. Keine Gängelei mehr! Tun und lassen, was man will! Aber sein Leben wurde dann ein ständiger Kompromiss zwischen dem, was er wollte, und dem, was andere wollten.
Wenn alles Dreinreden von außen aufhören würde und ich selbst unumschränkt das Sagen hätte - wäre ich dann frei?
Nehme ich mein Ich unter die Lupe, dann ist die Aussicht trüb: möchte ich ganz an mich selbst gebunden, mir selbst ausgeliefert sein: meiner Lust und Unlust, meinen unklaren Gefühlen, meiner Trägheit, meinen Trieben und Ängsten?
Was diktiert mich von innen? Wo bleibt da die Freiheit?
Gott, gibt es einen geheimen Mittelpunkt in mir, der mich mit dir verbindet - und von dem her sich alles ordnet? Verbunden mit dir, gebunden an dich - ansonsten herrlich frei? Damit könnte ich gut leben.
August
Ein Arzt hält einen Vortrag über das Altwerden. "Das Altwerden zeigt sich an drei Symptomen. Das erste Symptom ist die Vergesslichkeit - und die anderen beiden? Habe ich leider vergessen!" Was wollte ich eigentlich schreiben? Hab's vergessen, es geht einem ja genug im Kopf herum. Ach ja: Vielleicht ist es ganz gut, dass man nicht alles behält! Dass das Gedächtnis wie ein Sieb ist, durch das viele Zahlen, Namen, Nachrichten und Fakten flutschen. Dass man manchen Ballast im Gehirn los wird. Aber vieles bleibt eben auch im Sieb hängen - und steht uns weiter zur Verfügung. Ich hoffe, das Wesentliche. Vieles, das von Kindheit an prägt und unseren Gefühlen, ja unserem Menschsein Farbe gibt. Das uns mal am Herzen lag und da immer noch liegt. Auch der Glaube. Erinnere dich der Taten Gottes, sagt er. Bewahre sie auf in deinem Inneren. Auch mit Hilfe der Feste und Feiern und Sonntage, die alle die Erinnerung wachhalten. Schreib diese Erinnerung groß - schließ dich nicht den Vergesslichen an. Gedenke, Mensch! Halte es mit der göttlichen Liebeserklärung: Ich vergesse dich nicht.
September
Leon macht seine Hausaufgaben gern in der Küche. Seiner Mutter berichtet er. "Ich lerne jetzt gleichzeitig Englisch, Latein und Algebra!" Die Mutter stolz: "Das ist ja klasse, mein Junge! Was heißt z.B. "Guten Tag!" auf Algebra?" Da kamen die Flüchtlinge aus Eritrea. Und sprachen nur Tigrinisch. Die "Fremdsprache" Deutsch zu lernen "macht den Kopf kaputt", sagten sie später. Anfangs redeten wir mit Händen und Füßen. Die Worte waren noch schwach. Aber wir merkten: Die Sprache ist wie eine Brücke. Es dauert lange, bis du drüber bist. Noch stehen wir an verschiedenen Ufern. Und "fremdeln". Sie begriffen die Worte noch nicht - und doch verstanden wir uns schon. Sie verstanden das Ungesagte, unseren guten Willen, unsere Versuche, ihnen zu helfen. Und darüber wuchs die Freundschaft.
Gott, wie Flüchtlinge kommen wir zu dir. In der Fremdheit der Welt suchen wir Heimat. Die Brücke zu uns ist Dein Wort. Deine Sprache ist keine Fremdsprache, kein Kirchenlatein, kein frommer Einheitssound. Du sprichst menschlich-göttlich: in der Bibel - und in allem, was das Leben dazuschreibt. Du sprichst, und Du kannst schweigen, im Geheimnis bleiben. Aus allem kannst Du sprechen - in der Natur, in der Musik, in Begegnungen. Ja, selbst in Algebra.
Oktober
"Du hast Post vom Finanzamt bekommen?" "Ja, Schatz, ich habe jetzt Frieden mit ihnen. Der Brief hat die Überschrift "Letzte Mahnung"!" Letzte Mahnung. Wer nicht drauf eingeht, kriegt Probleme: Pfändung vom Finanzamt. Oder sonst eine Katastrophe. Im Großen: Die Erderwärmung, das Weltklima. Greta Thunberg und die jungen Leute von "Friday for future" verstehen sich als letzte Mahner. Die empfundene Uhrzeit: Fünf vor zwölf (oder noch später!). Die bedrohliche Perspektive: Der Weltuntergang - in Raten, oder auf einen Schlag. Apokalyptische Stimmung liegt in der Luft. Die jungen Leute wittern das am deutlichsten.
Gott, und Du? Wird da die Rechnung ohne den Wirt gemacht? Damals, in Deiner biblischen Zeit, waren auch letzte Mahner da. Johannes der Täufer, zum Beispiel. Auch bei ihm stand es kurz vor Zwölf, die Axt lag schon an der Baumwurzel. Es drohte das Gericht, der Untergang der alten Weltzeit, als göttliche Tat. Aber stattdessen kam das Heil - ganz menschlich, in Jesus Christus. Und blieb in der Welt, als große Hoffnungsspur. Gilt diese Hoffnung auch für ein besseres Klima? Für die Bewahrung der Schöpfung? Du und wir im Bunde - im Einsatz dafür?
November
Mutter: "Weißt du, dass ein Mensch nach seinem Tod zu Staub wird?" Sohn: "Mama, dann komm schnell! Unter meinem Bett hat sich jemand umgebracht!" Was ist der Mensch? Gibt es etwas Gemeinsames zwischen Adolf Hitler und Mutter Teresa, zwischen Massenmördern und Heiligen? Der Mensch ist nicht leicht auf einen Nenner zu bringen - es gibt da immer ein "Einerseits - andererseits".
Auch in der Bibel. Im Psalm 8 ist der Mensch fast ein Superman - man könnte hochmütig werden: "Du hast ihn nur um ein Geringes unter die Engel gestellt, mit Ehr ihn gekrönt und mit Herrlichkeit!" Einerseits! Andererseits: "Vom Staub bist du genommen, und zum Staub kehrst du zurück." Das Aschenkreuz, das diese Worte begleitet, führt zum demütigen Blick. Der Staub verträgt sich nicht mit Überschätzung und Größenwahn. Er ist flüchtige Materie, die im Wind verweht, und zeigt an, wie brüchig und vergänglich wir sind. Aber dem Adam, dem Menschen aus Erdenstaub, hat Gott seinen Geist eingehaucht - und allen Menschen danach. Das also sind wir, von der Schöpfung bis heute: Staub der Erde - und Geisthauch Gottes in uns.
Dezember
Arzt zum Patienten: "Ihre Krankheit ist sehr selten - eigentlich inzwischen ausgestorben!" Patient: "Entschuldigung, ich kann nichts dafür - ich musste so lange im Wartezimmer warten!" Ja, die Zeit im Wartezimmer - beim Arzt - kann lang werden! Eine wahre Geduldsprobe! Fast Totenstille dazu, keiner sagt was. Einer checkt Emails, eine schnappt Zeitschriften über die Royals, ein alter Mann döst vor sich hin. Und einige warten einfach nur, ruhig und gefasst, ohne Ablenkung. Bis die Tür aufgeht und der Name gerufen wird.
Die Adventszeit ist der große Warteraum der Christen. Der Advent sagt uns, dass wir Wartende sind. Nein, nicht bloß auf das Weihnachtsfest! Nicht bloß: Noch sechsmal schlafen! Wir warten, dass Gott kommt. Dein Reich komme, dein Frieden! Wir warten und fragen - wie der Lieddichter des 17. Jahrhunderts: "Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?"
Ich möchte bei denen sein, die im Warteraum des Advent - siehe oben - ruhig und gefasst sind, ohne Ablenkung. Die Geduld lernen, ohne Däumchen zu drehen. Die mit dem Blick eines Bauern, der sät - und es dann ruhig wachsen lässt. Und sich auf die zarten Knospen freut, die Zeichen des neuen Lebens.
Ja, die Tür wird aufgehen!