Staunkalender 2019

Der Staunkalender wird herausgegeben von der Aktion Gott.net. Jeder Text geht aus von einem Witz, der als Bild (Karikatur) dargestellt wird.

Januar
"Sag mal, Susanne, du bist doch mit einem Archäologen verheiratet. Ist das nicht langweilig?" Susanne: "Im Gegenteil. Je älter ich werde, desto mehr interessiert er sich für mich!" Das neue Jahr. Neu und jung klingt immer gut. Alt - naja. Im Extremfall etwas für Archäologen, für Erforscher des Altertums.
Gehört in diese Epoche auch das Christentum? Entstanden in der Antike, passt es für viele Zeitgenossen am besten ins Museum - und die Bibel ins "Antiquariat". Es hat mehr als zweitausend Jahre auf dem Buckel. Die einen halten das für einen schweren Mangel - so ein altmodischer Verein! Die anderen sagen, mit einem leichten Augenzwinkern: Wenn der Glaube und mit ihm die Kirche eine so lange Zeit überlebt hat, muss ja doch was dran sein!
Ja, es muss was dran sein. Zum Beispiel: die Möglichkeit der ErNEUerung. Seht, ich mache alles neu, sagt Gott auf den letzten Seiten der Bibel. ER macht es - in uns, mit uns, durch uns - und manchmal auch gegen uns.
Februar
Polizist: "Haben Sie denn die rote Ampel nicht gesehen?" "Die Ampel schon, aber nicht Sie!" Warum stehen die Ampeln meistens auf Rot! Ich bin in Eile, mein Blutdruck steigt, und mein Gesicht nimmt mehr und mehr die Farbe der Ampel an: rot! Wer lässt sich schon gerne stoppen . Und das tut die Ampel ja: Halt an. Nicht weiterfahren! Ein paar Augenblicke innehalten. Dem anderen die Vorfahrt lassen.
"Ampel-Menschen" waren und sind die Propheten. STOP - das sagen sie auch: Nicht weiter so! Vorfahrt für Gott und seine Weg-Weisung: Kehrt um!
Ampeln haben gegenüber Propheten einen Vorteil: Die Leute halten sich dran. Fast alle. Kaum einer nimmt die Ampel nur als einen Vorschlag - wie in anderen Ländern. Die "Ampel überfahren" - wer traut sich das bei uns? Die Propheten haben es da schwerer. Die werden oft überhört oder übersehen - wie der Polizist. Sie können bitten, warnen, mahnen. Nur: zwingen können sie nicht! Denn Gott schätzt unsere Freiheit. Innehalten und umkehren - das müssen wir selber wollen.
März
Ein junger Priester hört zum ersten Mal in seinem Dienst die Beichte. Unerfahren wie er ist, bittet er seinen Pfarrer, in der Nähe zu sein und ihm dann eine Rückmeldung zu geben. "Nicht schlecht," sagt der Pfarrer ihm hinterher, "nur würde ich nicht nach jeder schweren Sünde "Boh-ey" sagen!" Das ist reinstes Ruhrgebiet. Wenn einer schwer beeindruckt oder überrascht ist, ruft er in Essen oder Bochum spontan: "Boh-ey!" Und nicht nur da! Es sprudelt so aus ihm raus: Das ist interessant! Toll! Das haut mich um!
Kann das Böse ("die schwere Sünde") faszinieren? Und wie! Wie wäre sonst Hitler zu verstehen? Man muss nur die richtige Propaganda schaffen, fake news in die Welt setzen, starke Gefühle lostreten. Dann kann das Gewissen verrücktspielen! "Boh-ey" angesichts grenzenloser Bereicherung oder spannender Ehebruchsgeschichten in den Illustrierten.
Gute Mädchen kommen in den Himmel. Böse überall hin. Das Buch mit diesem Titel wurde viel gelesen. Das Gute: brav, hausbacken, langweilig? Und das Böse: schillernd, spannend? Da möchte ich es doch mit den guten Mädchen halten. Ich für meine Person möchte "in den Himmel kommen". Und nicht mein Leben verfehlen - auch wenn das vielleicht der amüsantere Weg ist. Es gilt: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.
April
Muslim und Christ im Flugzeug. Muslim: "Sie tun mir leid. Ich gehe nach Mekka und sehe dort Grab und Leichnam Mohammeds. Sie gehen nach Jerusalem und finden dort nur ein leeres Grab." Christ: "Genau das ist der Unterschied." Leer - das klingt nicht gut. Leere Kassen. Leeres Portemonnaie. Leere Worte. Leere Kirchen. Wir zerbrechen uns den Kopf darüber, wie wir die Leere wieder füllen können: Wie kommt Geld in die Kassen und Geist in die Worte? Wie kommen die Leute wieder in die Kirche? Leere - ein Alarmzeichen!
Und das leere Grab von Ostern? Das ist die große Ausnahme! Da - nur da - ist Leere Reichtum und Fülle. Kein Alarm-, sondern ein Siegeszeichen: "Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?" (1 Kor 15,55) Denn der, den das Grab nicht halten konnte, lebt. Man kann und muss nicht zu einem Leichnam wallfahren, wie nach Mekka. Man kann zuhause bleiben. Er ist auch da zu finden: in deinen Nächsten. Gleich um die Ecke. In dir selbst. In allem ganz tief verborgen. Den Tod hat er abgehängt, das Grab begraben. Er ist das ewige Leben.
Mai
Tom kommt von der Kirche nach Hause. Vater: "Na, was hat der Pfarrer denn heute in der Kirche gesagt?" "Er hat gesagt, die Eltern sollen ihre Kinder nicht so viel fragen, sondern selber in die Kirche kommen!" Bravo, Tom! Du (und dein Pfarrer, der von Dir wahrscheinlich nur vorgeschoben wurde) hast was kapiert: Kirche ist keine Kinderverwahranstalt. Auch kein frommer Unterricht. Kirche ist Feier des Glaubens. Und wie kommt man zum Glauben? Durch Menschen. Am besten durch die Familie, durch Vater und Mutter. Die können zeigen und vorleben, dass und wie Glaube zum Leben gehört. Schade, wenn die das wegdelegieren: an den Kindergarten, an die Schule, an die Gemeinde. "Dafür sind die ja da," sagt der Vater und schickt Dich in die Kirche. Immerhin. Leg ihm mal einen Zettel aufs Kopfkissen - mit dem Zitat: "Das ist die einzige, ewige Erziehung: von der Wahrheit so überzeugt sein, dass man es wagt, sie (s)einem Kinde zu sagen." Ist von G. K. Chesterton und schon hundert Jahre alt. Kannst googeln, wer das war. Vielleicht kommt Ihr darüber ins Gespräch, Du und Dein Vater. Und geht am nächsten Sonntag zusammen.
Juni
Beim Hausarzt. "Für Ihr Gewicht müssten Sie über zwei Meter groß sein!" "Ich weiß! Aber ich kann essen, was ich will – ich werde einfach nicht größer!" Mir geht's auch so. Von der Waage her gesehen müsste ich einen halben Meter größer sein. Aber Wachstum nach oben, in die Höhe, ist in meinem Alter nicht mehr drin. Eher steht Schrumpfen an! Die einzige Richtung, in der man noch wachsen kann: in die Tiefe. Nach innen.
Eine Entrümpelungsaktion wäre da hilfreich. Das Innere ähnelt einem Keller: Ablagerungen aus alten Zeiten. Vieles hat sich überlebt, ist nur noch Ballast, ist Müll: alte Abneigungen und Vorurteile, überholte Prioritäten oder schlechte Gewohnheiten. Ab in die Tonne.
So wird man schlanker, innerlich. Dazu ein motivierendes Wort von Chesterton: Warum können Engel fliegen? Weil sie sich leicht nehmen.
Und ein Trostwort für die Gewichtigen - wider jeden Diätwahn: Auch Dicke können in den Himmel kommen. Die Waagen Gottes wiegen anders. Und anderes.
Juli
Der Sohn des Fußballstars bringt stolz sein Zeugnis nach Hause: "Papa, mein Vertrag mit der dritten Klasse wurde erfolgreich verlängert!" Respekt: Da ist einer im dritten Schuljahr (na, eigentlich im vierten!) und redet schon so, als gehörte er zum diplomatischen Dienst! Früh übt sich, wer ein Schönfärber werden will. Und die Dinge schön zu reden ist groß in Mode. In den Suchanzeigen für Partnerschaft z.B. steht für geschieden: eheerfahren. Klönabende in der Gemeindegruppe werden abgerechnet als Kommunikationsseminare. Rassisten verstehen sich als Patrioten. Jemanden kündigen heißt im BWL-Jargon heute "freisetzen". Unsere Sprache wird gedehnt wie ein Gummiband. Und die Wahrheit verschwindet hinter den Worten.
Gegenposition: Die Bibel. Das Evangelium mit seinem Interesse an Wahrheit und Wahrhaftigkeit und seiner Abneigung gegen Verdrehungen und Lüge. In der Bergpredigt sagt Jesus (Mt 5,37): "Eure Rede aber sei Ja! Ja! Nein! Nein! Was darüber ist, ist vom Übel!" - Und darum jetzt kein Wort mehr.
August
Zwei reiche Geschäftsleute im Gespräch: "Mein Gewissen ist rein!" "Du benutzt es ja auch nie!" Ein reines Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen, sagt man so. Falsch! Das gute Gewissen ist eine Erfindung des Teufels, schrieb einst Albert Schweitzer, Urwaldarzt und Friedensnobelpreisträger. Er wusste, wie das ruhige gute Gewissen wirken kann. Es macht selbstzufrieden, träge, satt. Man überhört die inneren Wecker, selbst die Alarmglocken, und schlummert seelisch vor sich hin. Das ist nicht mein Problem und nicht meine Schuld, das geht mich nichts an, sagt das eingeschläferte "gute Gewissen" und hält sich Fragen und Herausforderungen vom Leib. Geht mich nichts an.
Aber so leicht kommen wir nicht davon. Kain, wo ist dein Bruder Abel? Diese Frage Gottes auf der Seite zwei oder drei der Bibel hallt nach. Wo ist dein Bruder? Und wo bist du? Im Schlummersessel, auf deinem Ruhekissen? Oder drängt dich dein Unruhegewissen an die Orte und Stellen, wo du hingehörst, wo man dich braucht? Viele Fragen. Aber es sind die Fragen, die das Gewissen in Bewegung halten. Oft mehr als die Antworten.
September
Dicker: "Wenn man dich so anschaut, meint man, es sei eine Hungersnot ausgebrochen." Dünner: "Und wenn man dich so anschaut, könnte man meinen, du bist schuld daran." Seit Adam und Eva, Kain und Abel hängen wir Menschen zusammen wie die Kletten, ist unser Leben miteinander verflochten. Das Verhalten und die Schuld von A wirkt sich aus im Leben von B. Der Dicke verursacht eine kleine "Hungersnot", und für den Dünnen bleibt nicht viel übrig. Unsere Väter haben saure Trauben gegessen, und ihren Söhnen sind die Zähne stumpf geworden, heißt es in der Bibel, bei Ezechiel.
Heute ist diese Verflechtung global, weltweit. In den reichen Ländern sind viele Kunden aus auf Schnäppchenpreise. Ein Pfund Kaffee sollte nicht mehr als 3 Euro kosten, meinen sie. Dass man den Kaffeepflückern in Südamerika entsprechend nur Hungerlöhne zahlt, stört sie nicht besonders. Früher hat man diesen Zusammenhang "Erbsünde" genannt: mitgehangen, mitgefangen. Umso wichtiger heute: die Haltung der Solidarität. Schuld wird aufgefangen durch gemeinsames Tragen.
Oktober
"Na, wie war denn deine Autofahrt mit Papa?" "Ganz toll, Mama! Wir haben zwei Hornochsen, einen Knallkopp, fünf Armleuchter und einen Vollidioten überholt!" Dieses Trommelfeuer von Schimpfwörtern, abrufbereit in vielen von uns: Zwanzig oder dreißig haben wir bestimmt auf Lager. Und wie viele Lobesworte? Erfindungsreich sind wir eher in Koseworten der Liebe: Schatz, Herzchen. Aber im Lob des Nächsten, der Kollegin, des Nachbarn sind die meisten erstaunlich wortkarg oder stumm. Die Worte, die andere erfreuen, stärken und aufbauen könnten, stellen sich nicht ein - nach dem Motto: Wer nicht tadelt, lobt damit genug!
Ich rufe gerne auf zum herzhaften Loben! Und fühle mich erinnert an das schöne lateinische Wort benedicere - gut sprechen. Meistens wird es übersetzt mit "segnen" (im Gegensatz zu maledicere, schlecht sprechen, verfluchen). Wer "gut spricht" über andere und mit ihnen, der sieht sie "mit den Augen Gottes", auf jeden Fall mit einem verständnisvollen Blick. Er segnet - und ist gesegnet.
November
Pfarrer: "Frau Huber, sie sind lange nicht mehr in die Kirche gekommen." "Herr Pfarrer, meine Tochter spielt Harfe." "Aber das ist doch kein Grund!" "Naja, ich weiß nicht mehr so genau, ob ich noch in den Himmel möchte!" Was man damals ziemlich genau wusste: wie der Himmel aussah. Hallelujasingen auf Wolke Sieben, mit oder ohne Harfe. Wie in Barockkirchen halt, in den Deckengemälden. Gott sitzt auf seinem Thron, und die Engel flattern herum. Komisch nur: Früher, im Mittelalter etwa, war der Himmel so leer wie die Kirchen heute: Der normale Christ hielt sich nicht für himmelswürdig, eher für einen Kandidaten der Hölle, wo man sich qualvoll drängelte. Der Himmel war nur was für Heilige. Die heutige Christenheit hält es genau umgekehrt. Kaum einer ist noch so naiv, sich den Himmel auszumalen. Aber bestimmt ist er voll - so ziemlich jeder kommt rein. Hitler und Stalin wohl nicht, aber ansonsten.
Ob wir da richtig liegen? Gern höre ich auf den großen Michelangelo, der im hohen Alter schrieb: Der Gott, der uns ins Dasein rief, wird uns im Tod doch nicht im Stich lassen.
Dezember
"Guck mal! Eine Krippe im Schaufenster! In alles bringen sie die Religion hinein! Jetzt verquicken sie die Geschenkartikel sogar mit Weihnachten!" So kann man Ursache und Wirkung vertauschen! Soll wirklich vorgekommen sein, die Szene vor dem Schaufenster. Und wiederholt sich zuhause, bei der Bescherung. Die Kinder wühlen sich durch die Verpackung, freuen sich, wenn der Wunschzettel eingehalten wurde, und machen manchmal auch lange Gesichter. Wie ich damals, über die Socken und Hemden: Das war so uncool. Die Flut der Geschenke ist wie eine Dampfwalze - sie kann alles andere ziemlich plattmachen, die Gedanken, die Erinnerungen, die eigentlich anstehende Frage: Was macht den Heiligabend zu einem "heiligen Abend" - und was ist das überhaupt: heilig?
Heilig ist das Geschenk, das den Heiligabend in Gang brachte. Ein Kind in der Krippe. Es zeigt uns: Gott ist ganz groß darin, sich klein zu machen. Gott zeigt sich im Babyformat. Er wird Mensch. Einer von uns, ganz nah. Wenn das kein Anlass ist fürs Fragen - und für die Freude, fürs Feiern.