Dramatische Hochzeit

Predigt am 11. Oktober 2026

Möchten Sie an der Stelle des Petrus gewesen sein? Ich möchte nicht hören müssen: „Tritt hinter mich, du Satan!“ Eine richtige Schockbehandlung! Letzte Woche hieß es noch: „Du bist Petrus, der Fels…“ Und jetzt: Du Satan!

Manchmal gibt es Märchenhochzeiten, und die ganze Welt schaut zu. Wenn ein Prinz in London oder Monaco seine Prinzessin heiratet oder die Sängerin Taylor Swift ihren Freund. Da wird dann rauschend gefeiert. Das ist grandios geplant und inszeniert, und die Illustrierten sind wochenlang voll davon. Meine Tanten waren bei so etwas immer sehr gerührt, und sie seufzten beim Mitfeiern: Das ist ja wirklich eine Traumhochzeit!

Im Gleichnis des Evangeliums hörten wir anderes. Keine Traumhochzeit. Eher ein Alptraum! Unbegreiflich. Beängstigend! Obwohl auch hier alles bestens vorbereitet wurde, der König viele ausgesuchte Gäste eingeladen hatte und ein wirklich prächtiges Fest zu erwarten war. Aber es kommt alles anders. Die Gäste kommen nicht. Die Eingeladenen reagieren nicht einmal. Sie entschuldigen sich nicht. Nein, sie gehen einfach ihren Geschäften nach, gehen auf den Acker, gehen in den Laden. Alles ist wichtiger als dieses Hochzeitsfest.

Und dann das Drama. Übersteigert, auf die Spitze getrieben, mehr als im wirklichen Leben. Es gibt Mord und Totschlag. Manche Eingeladene töten die Diener des Königs, die sie zur Hochzeit abholen sollten. Warum, wird nicht gesagt. Der König reagiert grausam. Er schickt ein ganzes Heer aus, lässt die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen. Blut und Gemetzel überall! Schließlich lässt der verärgerte und frustrierte König Menschen von der Straße holen, von den „Hecken und Zäunen“. Er würfelt die Schar der Gäste bunt durcheinander. Lauter Zufallstreffer: Gute und Böse. Arme und Reiche.

Nun kann endlich gefeiert werden. Aber noch einmal kommt es zum Skandal: Der König geht durch die Reihen und mustert seine Gäste. Und da ist einer dabei, der ihm nicht passt. Der ist nicht richtig angezogen – dem fehlt die hochzeitliche Festkleidung. Und der wird dann im hohen Bogen herausgeschmissen „in die äußerste Finsternis“. Denn, so heißt es am Schluss: „Viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt.“

Merkwürdiges Fest! Solche Überreaktion des Gastgebers! Wer denn wird mit solcher Gewalt und Zerstörung reagieren? Und schmeißt einen Gast hinaus, nur weil er ohne Krawatte kam, und droht ihm mit Unheil und Vernichtung? Das soll ein Bild fürs Himmelreich sein?

Versuchen wir, diese harte, überzogene Bildsprache zu übersetzen. Der Evangelist Matthäus will etwa dies sagen: Der König ist Gott, der für seinen Sohn Jesus Christus das endgültige Hochzeitsmahl, das Reich Gottes vorbereitet hat. Dazu werden die Propheten und dann die Apostel ausgesandt, um das Volk Israel einzuladen. Aber das Volk hält sich abseits, es will nicht, und die religiösen Führer des Volkes lassen viele Boten Gottes misshandeln und töten. Die Zerstörung Jerusalems durch die Römer – 40 Jahre nach der Kreuzigung Jesu – wird als Strafgericht über Israel gedeutet.

„Geht also hinaus auf die Straßen, an die Hecken und Zäune und ladet alle zur Hochzeit ein“, das meint die Menschen, die nicht zum Volk Israel gehören. Heiden-Christen, Menschen aus den anderen Kulturen, die bald schon zu den ersten Christen stoßen. Unter ihnen gibt es Gute und Böse. Eben auch solche, die trotz ihrer Taufe, ihrer Eingliederung in die christliche Gemeinde kein „hochzeitliches Gewand“ tragen. Die ersten Christengemeinden erkennen sich also in dem Gleichnis wieder: Bunt zusammengewürfelt, Juden und Heiden, Gute und Böse, mehr oder weniger hochzeitlich gekleidete und geprägte Menschen – sie alle sind der Einladung Gottes schließlich gefolgt und zusammengekommen. Ihnen allen schärft Matthäus – weiß Gott sehr zugespitzt – mit dem Gleichnis einiges ein. Und zwar:

Erstens: Alle sind eingeladen zum Fest des Lebens mit Gott. Alle Mutigen und Ängstlichen, alle Nachdenklichen und Oberflächlichen, alle vom Leben schwer Gezeichneten und Verwöhnten, alle Großen und Kleinen, alle Verzagten und Hoffenden. Alle, wirklich alle. Gott kann und will für jeden Menschen Lebensgrund und Basis des Vertrauens sein. Egal, woher er kommt und was er mitbringt. Keiner ist da von vornherein ausgeschlossen. Keiner muss abseits stehen.

Zweitens: Es genügt nicht, einmal die Einladung zum Hochzeitsmahl angenommen zu haben. Es genügt nicht, irgendwann einmal getauft worden zu sein. Wenn ihr die Einladung Gottes annehmt, wirklich annehmt, dann auch richtig, sagt Matthäus. Dann muss das durch das Leben gehen, dann muss es im Leben sichtbar und erkennbar werden – erkennbar wie die Kleidung. Dann seid ihr wirklich Schwestern und Brüder Jesu Christi, auch wenn ihr ständig hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Aber hört nie auf, Euch darum zu bemühen, meint Matthäus. Hört nie auf, Christen zu werden!

Drittens: Daher kommt es schon auf den richtigen Stoff eures Kleides an, wenn ihr die Einladung richtig versteht. Der Mann, der aus dem Festsaal achtkantig herausgeschmissen wurde, war ohne hochzeitliches Gewand erschienen. Matthäus meint damit nicht das äußerliche Kleid – so wichtig kann Kleidung niemals sein! Das neue Leben, das in der Taufe geschenkt wird, das „neue Kleid“, das sozusagen durch die Taufe angezogen wird, darauf kommt es an! Die wichtigsten Fäden, aus denen das neue Kleid gewebt ist, sind:

- Liebe, die das Wohl des anderen will, Nächstenliebe, die Hand und Fuß bekommt
- Hoffnung, die auch bei bitteren Erfahrungen nicht aufgibt
- Vertrauen und Glaube, der Gott am Werk weiß
- Umkehr, die mich aus Irrwegen und Sackgassen herausführt.

Aus diesen und ähnlichen Fäden ist das hochzeitliche Gewand gemacht.

Liebe Christen, wirklich: Die Hochzeit aus dem Gleichnis ist alles andere als eine Traum-Hochzeit. Hier lief es nicht nach Plan. Aber eines kann man wohl sagen: Sie ist noch nicht vorbei. Sie geht weiter. Das Fest Gottes ist da. Mit uns heute, auch hier und jetzt in unseren Gottesdiensten. Achten wir auf die Fäden, die das Gewebe unseres Lebens ausmachen. Dass sie nicht verschlissen sind. Dass sie halten.