Erich Geisbauer (†) – 88

Predigt am 24. August 2026

Lassen Sie uns eine Art Gedenkblatt für Erich Geisbauer entwerfen. Eine Seite der Erinnerung. Erich selber machte so etwas gerne. Er dokumentierte, er fotografierte, sammelte Fotos, hielt Ereignisse und Veranstaltungen gerne fest. Auf sein Gedenkblatt gehören, wie ich finde, einmal Worte, Zitate, und da hat Erich sich selbst oft bei Adolph Kolping bedient, der ja sehr treffend und anschaulich formulieren konnte. Die Familie hat Ähnliches gemacht und dieses Kolping-Zitat auf die Todesanzeige gesetzt: „Das Herz wird von der Liebe regiert, und die Liebe zum Menschen ist der beste Lehrmeister.“ Man kann sagen, dass Erich bei dem Lehrmeister Adolph Kolping in die Schule gegangen ist. Kolping hat über alle Lebensbereiche von Erich Treffliches gesagt – über die Familie, über Arbeit und Beruf, über den Glauben und die Kirche, über die Gesellschaft. Und so fand Erich eine starke Orientierung für sein Leben.

Fotos und Bilder verstärken und veranschaulichen das, die ebenfalls auf das Gedenkblatt gehören. Ich selber habe mal ein Foto von Erich und Inge gemacht, auf der gemeinsamen Reise nach Guatemala in den 90er-Jahren. Die beiden halten eine große Kokosnuss – passend für dieses Land! – und trinken mit Strohhalmen daraus. Sie halten sich dabei bei der Hand, wie bei ihrer Trauung. In dem Bild ist beides drin: das Vertrautsein miteinander und der Mut, sich auf etwas Neues einzulassen, auf ein ziemlich exotisches Land – und eben auf Kokosnüsse.

Was passt noch aufs Gedenkblatt? Welche Bilder? Erich hatte – ich sagte es schon – eine Orientierung für sein Leben. Und die brauchte er auch. 1937 geboren, im tschechischen Grenzgebiet nach Bayern hin, geriet das übersichtliche Dorfleben schon in seiner Kindheit ins Durcheinander. 1946 wurde die Familie heimatvertrieben und kam nach Passau, den südöstlichsten Punkt unseres Landes. Eine schöne Gegend, aber damals mit viel zu wenig Arbeitsplätzen und Lehrstellen. 1953, mit 16 Jahren, erfuhr Erich, dass es im fernen und unbekannten Lüdenscheid ein Lehrlingsheim gab, das Medardusheim, das von der Kolpingsfamilie geführt wurde und Lehrstellen vermittelte. So kam Erich nach Lüdenscheid, zu Kolping, zu Inge und in einen Beruf.
Alles in einem! Diese Jahre um 1955 gaben die Weichenstellung für das ganze weitere Leben. Er lernte und arbeitete als Betriebsschlosser bei Paulmann und Crone, bei Busch-Jäger und Vossloh, ehe er dann in der Fa. Markes 16 Jahre lang bis zur Rente als Betriebsleiter tätig war. Ein Super-Handwerker, sagt Inge. Um mit Adolph Kolping zu sprechen: Solange ich gekonnt, habe ich gearbeitet. Wird´s Feierabend früher als gedacht – nun, in Gottes Namen. Nochmal Kolping: Also nur guten und frischen Mut, auch wenn das Stück Arbeit noch so riesig aussehen sollte. Gott, der die hohen Alpen aufgetürmt hat, hat auch die Pfade gezeigt, die über die Berge führen.

Wohl noch wichtiger war für Erich die Familie. Auch darin war Kolping auf seiner Seite: Das erste, das der Mensch im Leben vorfindet, das letzte, wonach er die Hand ausstreckt, das kostbarste, was er im Leben besitzt, ist die Familie. 1956 lernte er Inge kennen, wie das damals bei Katholiken so ging – bei einem Fest in der Gaststätte Streppel. 1959 heirateten die beiden, und dann kamen vier Kinder – drei Söhne und die Tochter Christine. Ihr Tod vor drei Jahren war ein großer Schmerz.

1972 bezog die Familie das eigene Haus im Amselweg. Erich war ein Familienmensch, sehr umgänglich und liebevoll. Keiner, der Konflikte schuf oder nährte, aber auch keiner, der sein Herz und seine Gefühle auf der Zunge trug. Er war sehr glücklich, wenn die gesamte Familie – zuletzt vier Generationen, ein Urenkel war schon dabei – in jährlichen Familienfreizeiten an einem Wochenende zusammenkam: rund zwanzig Personen, zwanzig Geisbauers.

Ja, und die Freizeit – das war jahrzehntelang Kolping. Ich weiß nicht genau, wie lange Erich Vorsitzender war. Es mögen mehr als 40 Jahre gewesen sein. Mit einer unglaublichen Treue und Loyalität stand er für die Kolpingfamilie ein. Adolph Kolping hatte gesagt: Wir dürfen das Christentum nicht zwischen den Kirchenmauern einschließen wollen. Die Ausrichtung auf die Gesellschaft, auf Beruf und Arbeitswelt, auf Ehe und Familie war bei den Kolpingleuten immer präsent. Erich war verbandlich sehr strukturiert und vernetzte sich gut mit dem Diözesanverband, mit der Bezirksebene, mit dem Kreis „Ehe in der Lebensmitte“; auch die internationale Ausrichtung interessierte ihn, so nahm er an einer Kolpingsreise nach Brasilien teil. Er war bis zum Schluss die treibende Kraft hinter der Kolping-Stiftung, die kleine und größere soziale Projekte finanziell unterstützt. Und mit diesem sozialen Interesse gehörte er auch jahrelang dem Rat der Stadt Lüdenscheid an.

In seinem 88. Jahr brach die tödliche Krankheit aus. Die Leidenszeit war nicht lang – etwa seit Mai. Stürze zeigten den Gehirntumor an. Die letzten Wochen und Tage verbrachte er im Haus Reseda. Die Familie konnte sich von ihm verabschieden. Er starb friedlich am 1. August.

Auch für die Verstorbenen hat Adolph Kolping ein Wort: „Ist es nicht ein herrlicher Gedanke, den das Christentum uns nahelegt, dass diejenigen, die im Leben hienieden sich gegenseitig zum Heil verhalfen, drüben sich wiederfinden, wo unzerreißbare Bande ewiger Freundschaft die Kinder Gottes miteinander verbinden? Das ist ein großer Trost beim Andenken an unsere Verstorbenen…“