Petrus, der Fels
Predigt am 23. August 2026
Gott sei Dank für diesen Petrus – für diesen Fischer aus Galiläa mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Petrus war ein Mann der Emotionen – einer, der sich mitreißen und alles stehen und liegen ließ. Einer, der mutig vertrauen
wollte, der übers Wasser lief und dann schnell baden ging. Der Jesus vor dem Leiden und dem Kreuz bewahren wollte und sich damit eine Abfuhr einhandelte. Der nach Jesu Verhaftung nicht floh, aber am Kohlenfeuer der Wachposten
seinen Freund und Herrn verleugnete und somit kläglich scheiterte. Der bitterlich weinte, weil er versagt hatte, und weinte, weil ihm vergeben wurde. Dieser Mensch steht nicht gerade als Held da in der Bibel. Er steht da als
Mensch, und Menschen sind launenhaft, widersprüchlich und oft unzuverlässig. Sie haben Angst. Felsenfeste Naturen sind eher die Seltenheit, feste Bindungen zerbrechen und zerbröckeln häufig im Lauf der Zeit. Petrus war wirklich
keine Ausnahme: als wankelmütig zeichnet ihn die Bibel, als einen Angsthasen: er sagte nicht immer das Richtige, doch im entscheidenden Moment bekannte er den Glauben an Jesus, und so wurde er zum Fels, zum Fundament. Simon wird
zum Petrus.
Orts- und Szenenwechsel – von Jerusalem nach Rom. Die meisten Rompilger, die noch gut zu Fuß sind, wollen in die Peterskuppel. Ziemlich schwindlig kann es einem da werden, wenn man im Petersdom den schmalen Rundgang durch das
Innere der riesigen Kuppel entlang geht. Schwindlig, wenn man nach unten sieht. Dorthin, wo alles begonnen hat: mit dem Grab des Fischers Petrus, der hier notdürftig nach der Art der Armen beigesetzt wurde, vor fast 2000 Jahren.
Und schwindlig wird es einem auch, wenn man nach oben blickt: 1,40 Meter sind die Buchstaben groß, die um das Kuppelinnere herumlaufen. Zu lesen ist dort: „Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche
bauen“ (Mt 16,18).
Nicht nur körperlich kann einem da im Inneren der Peterskuppel schwindlig werden. Auch geistlich, im Glauben, muss man versuchen, diesen riesigen Gegensatz auszuhalten. Der arme Fischer Petrus, der hier in vatikanischem Boden
verscharrt wurde, und die gewaltige Zusage, dass er der Felsenmann und das Fundament sein wird für alle, die an Christus glauben und zu seiner Kirche gehören.
Aus sich selbst heraus, von seinem Charakter her, konnte der wankelmütige und impulsive Petrus sicher kein Fels werden. Aber sein Glaube ist felsenfest: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,16), so
bekennt er den Glauben, ganz kurz, in einem Satz.
Seither stehen jeder Christ und die Kirche als Ganze in dieser Spannung: Wenn wir „nach unten“ blicken, erkennen wir die eigene Armseligkeit, die Fehler und die Lauheit so vieler. Den mangelnden Mut und die verpassten Chancen.
Eine Geschichte mit vielen Macken und Irrwegen. Eine ganze Reihe unheiliger Päpste zum Beispiel. Die führten Kriege, dachten nur an Luxus und Macht und waren kilometerweit von Jesus entfernt. Da kann einem wirklich schwindlig, ja
übel werden.
Doch wenn die Kirche „nach oben“ blickt, wenn sie Jesus Christus als Sohn Gottes bekennt, dann steht sie auf festem Boden, auf klarem Fundament. Dann bleibt sie ihrem Ursprung treu. Von Anfang an haben sich die Bischöfe von Rom
und mit ihnen ungezählte Gläubige fest an dieses Bekenntnis des Petrus gehalten – bis heute.
In bewegten Zeiten braucht es beides: den nüchternen Blick auf Kirche und Welt, der manches Durcheinander aushält und zu entwirren sucht. Und den felsenfesten und frohen Glauben, dass sich der große Gott uns in Jesus Christus
gezeigt und mitgeteilt hat. Dieser Glaube macht nicht schwindlig, sondern er beschwingt.
Eine Stimme aus der evangelischen Kirche, die frühere Bischöfin Margot Käßmann, hat vor kurzem im Blick auf Papst Leo XIV gesagt: „Ich denke, in dieser ganzen hysterischen Aufgeregtheit unserer Zeit, gerade in diesen Tagen, in
denen eine Nachricht die andere jagt, strahlt der Papst eine Ruhe und Gelassenheit von 2000 Jahren Erfahrung Christentum aus.“
Ja, es ist gut, wenn der Papst sich nicht als Sprecher des Zeitgeistes aufführt. Er ist nicht gedacht als Fähnchen im Wind. Gut, wenn wenigstens noch einer Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt! Weil er für den Fels steht, für das
Fundament, für eine Stabilität und Verlässlichkeit, die Gott seiner Kirche zugedacht und geschenkt hat. Auf diese Basis, auf diesen Felsen, so sagt Jesus weiter, baut er seine Kirche, in der wir alle lebendige Steine sein dürfen.
Lebendige Bausteine, die nicht eine Ruine oder einen „lost place“ bilden, sondern – hoffentlich – ein geistiges Zuhause.
Ohne sicheren Grund und ohne klare Basis stürzt ein Gebäude zusammen. Aber das eigentlich Spannende ist ja nicht das Fundament, sondern das Gebäude selber – mit all seiner Architektur, mit seinen Ecken und Winkeln, mit Farben,
Formen, Materialien, mit Umbauten und Anbauten, mit Denkmalschutz und Renovierungen. Es ist ein großer Gesamtkomplex, den wir bewohnen und in dem Gott uns Heimat, Zuflucht, Geborgenheit und Gemeinschaft schenken will. Unser
Glaube, unsere Kirche. Sie kann dem Glauben ein lebendiges Zuhause geben, sie kann mit Gottes Hilfe dieses erhoffte geistige Zuhause sein.