Brückensprengung

07.05.2023


Brücken haben für mich etwas Religiöses an sich. Sie verbinden. Was tut Religion anderes, als die Verbindung von Gott und Mensch und von Mensch zu Mensch zu suchen?

Brücken führen über Abgründe, sind oft gebaut über tiefe Täler. Abgründe zu überbrücken – versucht sich nicht der Glaube ständig daran?

Es gab eine Zeit, da hatte ich eine „Brückenphobie“. Vielleicht ein paar Monate lang, nach einem Unfall. Nur mit größter Beklommenheit steuerte ich da über Autobahnbrücken, mit angehaltenem Atem, mit der irren Befürchtung, sie könnte einstürzen, gerade jetzt.

Aber so irre ist die Befürchtung ja nicht. Bei uns in Lüdenscheid hat man vor ziemlich langer Zeit die marode Lebensader Brücke gesperrt und dann heute gesprengt. Der Abgrund tut sich nun nicht mehr im Rahmedetal auf, sondern verlagerte sich in unsere Stadt selbst, wo in großen Teilen das Verkehrschaos herrscht: Staus, Lärm, schlechte Luft, verlorene Zeit, niedrigere Lebensqualität. So mancher will wegziehen. Andere nehmen es mit Energie und Zuversicht – z.B. „Onkel Willis Söhne“, kreative Köpfe, die in einer (illegalen) Nacht- und Nebelaktion die alte nutzlos herumstehende Brücke bemalten: Lasst uns Brücken bauen.

Eine gute Botschaft in der Zeit der Abgründe und Abbrüche! Die Kirche, selber mit lauter Abbruchaktionen schwer beschäftigt, sollte sich die Brückenbaulust wieder deutlichst auf die eigenen Fahnen schreiben. Immerhin nennt sich ihr oberster Chef auf Erden, der Papst, mit einem alten Titel aus der römischen Zeit Pontifex Maximus, höchster Brückenbauer!

„Über sieben Brücken musst du gehen,“ sang einst der Rockstar Peter Maffay. Wahrscheinlich sind es noch etliche mehr, über die wir gehen müssen. Selbst der Tod ist nicht das Ende, sondern eine Brücke, las ich heute Morgen irgendwo. Eine ganze Menge Menschen würde sich über die neue Begehung in der Coronazeit stillgelegter Brücken freuen. Und Gott sicher auch, der uns in den Ereignissen des Lebens zuzurufen scheint: Macht´s wie ich. Baut Brücken. Brücken, und keine Mauern.