Maria Himmelfahrt

Predigt am 15.08.2021

In Trauerfeiern verlese ich gern diesen kurzen Text:

Ich gehe meinen Weg vertrauend darauf, dass er kein Irrweg, sondern ein Heimweg ist.
Ich gehe meinen Weg vertrauend darauf, dass er mich nicht bloß an ein Ende, sondern an ein Ziel führt.
Ich gehe meinen Weg vertrauend darauf, dass, wenn ich gefragt werde, wohin ich gehe, dann antworten kann: immer nach Haus.


Am wichtigsten sind mir an diesem Text die beiden Worte: Ende und Ziel. Ja, wir sind nur Gast auf Erden, und das Leben ist eine große Wanderung. Wie bei jedem Weg wollen wir wissen, wohin es geht. Wo kommen wir an? Ist es nur ein Ende? Ist es das, dass wir uns alle mal begraben lassen können? Endet alles im Grab? Oder gibt es ein Ziel, auf das wir uns vorbereiten, auf das wir uns vielleicht sogar freuen können? Dass wir wirklich ankommen? In einem Zustand, den wir Himmel nennen? Der Himmel, ein ewiges Zuhause? Ein Zuhause, ein Beheimatet-Sein nach allen Irrwegen und Umwegen in dieser verwirrenden Welt?

Der große Dichter Gottfried Benn, ein Pfarrerssohn, er selber nicht gerade ein glühender Christ, sagt gleichwohl: „Wir werden nicht fallen. Wir werden steigen.“
Ja - diese Hoffnung treibt mich an. Wir werden nicht verschwinden wie in einem großen Loch, wir werden nicht ins Nichts fallen. Wir werden steigen. Wir werden aufgenommen in den Himmel. Wir werden erwartet.

Bei einer meiner letzten Beerdigungen in Altena gab mir eine Angehörige diesen Text, ich sollte ihn in der Trauerfeier verlesen.
„Denk dir ein Bild. Weites Meer. Ein Segelschiff setzt seine weißen Segel und gleitet hinaus in die offene See. Du siehst, wie es kleiner und kleiner wird. Wo Wasser und Himmel sich treffen, verschwindet es.
Da sagt jemand: Nun ist es gegangen. Ein anderer sagt: Es kommt.
Der Tod ist ein Horizont, und ein Horizont ist nichts anderes als die Grenzen unseres Sehens. Wenn wir um einen Menschen trauern, freuen sich andere, ihn hinter der Grenze wiederzusehen.“ (Henry van Dyke)

Der Tod wie ein Horizont. Weiter können wir nicht sehen. Aber weiter können wir – glauben. Und zu glauben – das ist mehr und anders als schöne Träume! Es gibt Wegweiser, große Hinweise, die zum Himmel zeigen, zu Gott, zu einer Liebe, die uns erwartet und dann umgibt. Der wichtigste Hinweis ist Ostern, die Auferstehung Jesu. „Aufgefahren in den Himmel“, bekennen wir im Credo.
Vielleicht machen manche den Vorbehalt: „Nun ja, Jesus ist ein Sonderfall. Immerhin der Sohn Gottes! Da wächst wieder zusammen, was zusammengehört! Der passt in den Himmel. Aber wir Normalsterblichen?“

Die Kirche ist solchen Gedanken und Vorbehalten nicht gefolgt. Sie schaut auf eine „Normalsterbliche“, auf Maria. Sie kommt nicht „von oben“, wie Christus. Sie kommt „von unten“, aus dem Volk. Eine junge Frau, aus Nazareth, einem Kaff am Rande Israels. Eine von uns. Im Evangelium (Lk 1, 39-56) singt sie das Magnificat: „Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.“

Was zeichnet diese junge Frau aus? Diese Szene berührt mich besonders: Da kommt überraschend ein Engel, ein Bote Gottes, mit einer Zumutung, einem Auftrag für Mutige: Du sollst Mutter werden. Mutter Christi. Maria denkt nach und sagt zögernd Ja. Und seitdem wohnt der Himmel in ihr.

Vielleicht passiert uns manchmal so ein Hauch davon. Jemand kommt – ein Engel, ein Bote in Menschengestalt – und hat eine Herausforderung für uns. Etwas, das wir selber noch gar nicht im Blick haben. Du bist doch frisch in Rente, könntest Du dich nicht um diese Familie aus Syrien kümmern? Und was sage ich? Nein, ich will erstmal meine Unabhängigkeit genießen? Ich will mich zu nichts verpflichten? Ich bin zu alt? Oder: Ich bin zu jung? Tausend mögliche Ausflüchte!
Ich kann aber auch – zögernd – Ja sagen. Und vielleicht zieht etwas vom Himmel in mein Herz.

So ist Maria das große Modell des christlichen Lebens. Das große Vorbild an Mut und an Heiligkeit. Unser heutiges Fest sagt: Es gibt ein lohnendes Ziel, nach allem. Nicht bloß ein Ende, sondern ein Ziel! Den Himmel. Lebe darauf zu. Geh darauf zu. Er zeigt sich, er tut sich auf, du kannst unter einem geöffneten Himmel leben. Wie Maria. Sie war – bald nach Jesus - die erste, die „in den Himmel aufgenommen wurde“. Die Erste, aber nicht die Einzige. Eine unübersehbare Schar ist ihr gefolgt, ist angekommen in der Zielgeraden.
Auch ich bin, auch du bist ein Kandidat für den Himmel. Hoffentlich!

Eigenartig: Der entsprechende Glaubenssatz, das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel wurde erst sehr spät formuliert, wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Kritiker fragten: Hatte der Papst keine anderen Sorgen, als in diesen schwierigen Zeiten so ein Dogma festzuschreiben? Andere, darunter der berühmte protestantische Psychiater C. G. Jung, fanden das Dogma sehr tröstlich und stärkend. Denn was war damals mit dem Bild vom Menschen geschehen? Der Mensch – entwürdigt, gefoltert, in den KZs und anderswo umgebracht wie ein Stück Vieh. Der Mensch – vertrieben in die Fremde, heimatlos in der Welt, ohne eigenen Platz. Der Mensch – nur ein kleines Rädchen im Getriebe der Wirtschaft. Der Mensch – ausgemustert, überflüssig geworden, ratlos, ziellos.

Es gibt wohl kaum ein stärkeres Gegenbild dazu als Maria Himmelfahrt und in ihrem Gefolge die Himmelfahrt des Menschen! Der Mensch – ein Himmelskandidat! Der Mensch mit dem großen Ziel: mit der Hoffnung, dass unser Leben nicht mit dem Tod ausgelöscht wird. Mit all unseren Erlebnissen, Erfahrungen, Stärken und Schwächen – sozusagen mit Haut und Haar, mit Leib und Seele – sind wir aufgehoben in Gott. Mit allem. Daran sollten wir uns manchmal erinnern, wie heute. Und es mit Freude feiern!