Bleib dran ...

Predigt am 02.05.2021

Bleib dran,
sagt die Frau am Telefon,
die gerade gestört wird.
Please hold the line,
halte die Verbindung.
Bleib dran an dem Fall,
sagt der Polizeichef
zur Kommissarin im Krimi.
Bleib dran an den Tasten,
sagt die Klavierlehrerin,
hör nicht auf.
Bleibt dran am Weinstock,
sagt Jesus zu den Jüngern,
als ihnen
der Glaube Mühe macht.
Immer: Bleib dran!
Bleib dran am Ball.
Schalte dich ein,
nicht aus.
Gib nicht auf.
Lass nicht locker.
Sei hartnäckig.
Hab Geduld.
Lass dich nicht beirren.

Heute ist die Zeit der Beirrung
und der Ungeduld.
„Bleiben“, dran bleiben –
da geht vielen die Puste aus.
Langfristig mag man‘s nicht.
Die Abwechslung zerstreut,
der Reiz des Neuen lockt.
Der Zeitgeist drängt sich auf,
und das Bonmot ist wohl wahr:
Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt,
wird bald zum Witwer.
Wie kann man sich sammeln
bei so vielen Abbrüchen?
Wie die Treue leben,
die Beziehung pflegen,
die Gemeinschaft erneuern?
Um im Bild zu sprechen,
in den Worten des Evangeliums:
Wie am Weinstock dran bleiben,
die eigene Rebe nicht abbrechen lassen,
und dann nur für sich dastehen –
ein einzelner isolierter Zweig –
und erleben, was ein einzelner Zweig
eben so erlebt:
Verdorren?

Corona beschleunigt das Verdorren.
Jeder steht erstmal für sich –
ein einzelner isolierter Zweig
in seiner Wohnung.
Die Gemeinschaft kann
sich kaum treffen,
der Weinstock
scheint zu welken.
Und der Wein ist sauer…
Ja, was tun?
Vielleicht als erstes:
Die Gefahr eingestehen,
dass der Glaube
verdorren kann
in diesen Zeiten.
Auch mein Glaube.
Der Sonntagsglaube,
mit dem man zur Kirche geht.
Die Routine ist gestört.
Viele befürchten
ein großes Wegbleiben
auch nach Corona.
Aber das ist
kein Naturverhängnis.
Wir brauchen
nicht fatalistisch
darauf zu starren.
Das liegt an uns!
An jedem Einzelnen,
an unserer Entscheidung.
Wollt auch ihr gehen,
fragt Jesus die Jünger,
und einer -Petrus –
fragt zurück:
Wohin denn, Herr?
Wohin sollen wir gehen?
Du hast Worte ewigen Lebens!

Genau das
müssen wir spüren können
in diesen Zeiten.
Vielleicht vermissen wir
die Worte ewigen Lebens,
die Kraft des Weinstocks,
dieses „Wir in dir“
und „Du in uns“:
Vielleicht vermissen wir
auf vielerlei Ebenen
die Kraft der Beziehung –
wir, die Individualisten,
wir, die Abgeschnittenen,
wir, die Verdorrungsgefährdeten,
vermissen
die Beziehung des Herzens
zu Jesus,
vermissen die Kommunion
mit ihm,
und es ist gut, sich zu fragen
und einzugestehen,
ob wir etwas vermissen.

Uns bleibt vieles,
das in unseren Händen liegt
und in unseren Herzen.
Beten können wir, auch wenn
die Kirchen geschlossen sind,
beten in den Familien,
es neu versuchen.
Man muss sich dabei
nicht komisch vorkommen –
Katholiken lassen gerne beten…
und trauen sich oft nicht, es selbst
in kleiner Gemeinschaft zu tun.
Man kann es neu versuchen.

Die Frage des Petrus –
Wohin sollen wir denn gehen?
können wir in uns
nachklingen lassen
und dabei nachdenken über
den Wert des Glaubens für uns…
Und auch wenn
menschliche Beziehungen
zur Zeit noch
schwierig zu leben sind,
können wir mit allen
technischen Hilfsmitteln
anderen zeigen,
dass wir an sie denken,
dass sie uns wichtig sind,
dass wir sie brauchen,
dass wir sie lieben.
Selbst Briefe werden
wieder geschrieben…

Das alles und
noch vieles mehr könnte
die reiche Frucht sein
in dieser merkwürdigen Zeit.
Frucht, die aus der
Beziehung wächst,
aus der Gemeinschaft,
aus der Communio
mit Gott
und den Menschen.
Diese Beziehung
kennt keinen Lockdown.
Aber sie kennt die Freude -
die Freude an den
Worten des ewigen Lebens.