Hirten - ganz wenige, ganz viele

Predigt am 25.04.2021

Wer in der Sprache des Glaubens nicht alles als Hirte gilt!
Mein Hirt ist Gott der Herr, er will mich immer weiden, singen wir in einem Lied. Höher geht´s nicht: also erst mal Gott selber. Der große Hirte. Dann Jesus Christus, der gute Hirte, oft dargestellt mit einem Lamm, das er auf der Schulter trägt.

In der Bibel, im Alten Testament, auch die Könige Israels, aber mit kritischem Unterton: Sie sind schlechte Hirten, haben nicht die Herde im Blick, sondern nur sich selber. An den Schafen liegt ihnen nicht: Es interessiert sie nur der Marktwert: Was bekomme ich für die Wolle, was für das Fleisch!

Jetzt innerhalb der Kirche: Die Bischöfe. Sie sind sogar „Ober-Hirten“. Manchmal schreiben sie Hirten-Briefe. Ansonsten sieht man sie eher selten. Sie sollen, sagt der jetzige Papst Franziskus, „mehr nach Herde, nach den Schafen riechen“, also Stallgeruch haben. So wie er selber, der Papst. Und das „Ober“ im Wort Oberhirte sollen sie am besten durchstreichen.

Weit drunter: Der Pastor. Das ist lateinisch und heißt übersetzt: Hirte. Viele Pastöre lassen sich gern so ansprechen: Unser Pastor. Das ist nicht so amtlich wie Pfarrer. Pastor – das erinnert sie an ihren Auftrag: Sie sind gedacht als gute Hirten, die möglichst viele in der Herde mit Namen kennen und, wie es im Evangelium heißt, eine offene Tür haben. Sie sollen Zugänge schaffen zum Leben mit Gott und mit anderen Menschen. So ist es gedacht. Aber da es kaum noch junge Hirten gibt, die Pastöre immer weniger und also die Gatter und Pferche und Weideplätze der Herde immer größer werden, sind die Namen und Gesichter in der Herde immer weniger im Kopf des Hirten gespeichert, sondern mehr und mehr im Adressencomputer im Pfarrbüro, in den Namenslisten. Das tut den Hirten und der Herde nicht gut. Das bekommt der Pastoral, der Hirtenarbeit nicht. Die Bibel hat es anders vorgesehen.

Hört damit die Reihe der Hirten auf? Gibt es ansonsten nur noch die Schafe in der Herde? Stumm, blökend, zusammengedrängt, immer hinter dem Hirten her? In „Herdenimmunität“, von der dauernd die Rede ist? Und ansonsten ein paar Hunde, die die Schafe bewachen? Nein, ein solches Bild von der Kirche passte nie richtig und passt heute überhaupt nicht mehr. Ich kenne „in der Herde“, also unter den Gläubigen, jede Menge Hirten und Hirtinnen. Auch wenn sie selber sich nie so sehen und nennen würden. Gott sei Dank gibt es in der Herde jede Menge Leute mit echten Hirtenqualitäten.

Was macht den Hirten aus? Hören wir mal rein in den Psalm 23, wo Gott als der große Hirte angerufen wird: „Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Wiesen. Er führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er leitet mich auf rechten Pfaden. Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil. Denn du bist bei mir.“ Das sind die Kernaussagen. Gott ist also einer, der führt und Orientierung gibt, d.h. der die richtigen Wege kennt, vor allem zu den Brunnen, zum Ruheplatz am Wasser, zu den Oasen des Lebens. Und er ist einer, der uns in der finsteren Schlucht nicht hängen lässt, sondern dabei bleibt, uns nicht aufgibt, niemals! Er ist einer, der uns beschützt, mit seinem Stock und Stab die angreifenden wilden Tiere vertreibt und sich in allen Gefährdungen um die Herde kümmert.

Gott sei Dank hat Gott seine Hirtengaben in viele Menschenherzen hineingelegt. Ich denke an die meisten Eltern. Wohl alle Väter und Mütter versuchen, ihre Kinder auf gute Wege mitzunehmen. Sie versuchen es zumindest. Sie „erziehen“, ohne sie zu ziehen und zu zwingen. Eltern sind oft fähige Hirten, wunderbare „Führungskräfte“, die ihr Ja und ihr Nein an der richtigen Stelle sagen, die fördern und fordern. Die auch in ihrem „Nein, so nicht“ ihre Kinder unbedingt lieben. Die wie Löwen und Löwinnen für sie einstehen und kämpfen, wenn‘s sein muss. Und die in der finsteren Schlucht und den ganz engen Stellen, in die kein Licht hinein scheint, in den Abgründen und Krisen des Lebens ihre Kinder und einander nicht im Stich lassen.

Ein Hirte weiß, wo man die Brunnen und das Wasser findet. Vom Wasser lebt die Herde. Mancher Hirte hat nur eine abgestandene stinkende Brühe, eine vergiftete Kloake anzubieten: Wasser, das schadet und krank macht. Das gibt es auch: Hirten, die nicht führen, sondern verführen. Die anbieten, was Menschen nicht bekommt. Was keinen Wert hat und keine Werte. Was den Durst nicht löscht, den Durst nach Leben, nach wirklichem gutem Leben. Die Zeitungen und Nachrichten sind voll von verführerischen Hirten. In der Politik haben sie jetzt ihre große Zeit – mit leeren Versprechungen, mit Tricks und Täuschungen. Sie führen direkt hinein in die finstere Schlucht.

Das Evangelium warnt vor den falschen Hirten, den Verführern und Räubern, vor denen, die der Herde schaden. Und stellt uns Jesus Christus vor Augen, das Leitbild des guten Hirten. In seinen Worten und in seinen Taten liefert er das Wasser des Lebens. Frisches, lebendiges Quellwasser. Worte und Taten, die uns zu Gott bringen und zu den Menschen, die uns tragen und halten. Gedanken und Werte, die aufbauen und nicht zerstören. Wege und Erfahrungen, mit denen man leben und sterben kann. Und den Ruheplatz am Wasser ahnt.