Wir haben hier keine bleibende Stadt

Predigt am 31.12.2019

"Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!"
Das ist ein Satz aus dem Hebräerbrief (13,4). Ein starker Satz! Ein Satz, den man gut mit ins neue Jahr nehmen kann.

Wir haben hier keine bleibende Stadt. Wirklich nicht? Wir tun doch alles, um sesshaft zu sein. Wir wollen Heimat und suchen ein Zuhause, wir wollen unserem Leben Stabilität und Dauer geben. So bauen wir Eigenheime oder kaufen Eigentumswohnungen - "etwas fürs Leben", wie wir dann sagen, - etwas, das uns wohl überdauert. Wir stecken viel Energie da hinein, etwas Bleibendes zu schaffen.

"Lass uns drei Hütten bauen," bitten in diesem Sinne die drei Jünger Jesus auf dem Berg der Verklärung. Sie erleben da oben auf dem Berg eine wirkliche Sternstunde, einen Gipfelmoment des Glücks, und dieses Glück wollen sie mit dem Hüttenbau festhalten. Das Glück soll doch bleiben! Stattdessen müssen sie bald wieder heruntergehen in die Täler und Niederungen, wo sich das alltägliche Leben abspielt.

Hütten bauen - das ist ganz menschlich. Hütten in so mancherlei Gestalt: Hütten auch als Dome und Kathedralen, die bis in den Himmel hineinragen. Sie scheinen die Zeiten zu überdauern (selbst wenn ein Brand sie schwer beschädigt, wie 2019 Notre Dame in Paris). Hütten auch als Gedankengebäude, als Wahrheitsgebäude, die fest und unumstößlich dastehen. Hütten, Orte des Zuhauses, Wohnungen, in denen wir uns häuslich und "wohnlich" und dauerhaft einrichten.

Einspruch, sagt unser Satz aus dem Hebräerbrief. Das ist nur die "halbe Miete", die halbe Wahrheit. Wir haben hier keine bleibende Stätte! Was kommt uns da in den Sinn? Die Vergänglichkeit allen Lebens? Der Tod? "Wir sind nur Gast auf Erden"? Ein Unglück, ein Unfall kann uns jederzeit aus unseren Hütten holen? Ja, auch das ist wahr, aber in unserem Wort aus der Bibel eher nur am Rande mitgemeint.

"Wir suchen die zukünftige Stadt," sagt der Hebräerbrief weiter. Die zukünftige. Denken wir da gleich an das "Leben nach dem Tod"? Nach aller Vergänglichkeit auf der Erde, die Ewigkeit? Nach aller Unruhe hier dann die ewige Ruhe? Nein, auch darum geht es unserer Lesung nicht. Eher darum:

Wir Christen sind gedacht als das "wandernde Gottesvolk". Stellen wir uns eine mehrwöchige Wandertour vor: immer wieder neu aufbrechen, jeden Morgen neu. Mit möglichst wenig Ballast und Gepäck wandern. Das Schwere zurücklassen, loslassen. Veränderungen erleben in der Landschaft, mit den Menschen, mit dem Wetter. Sich auf die Wandertruppe verlassen können. Und: das Ziel klar haben, das Ziel immer im Blick. Die Wanderstiefel gehören nach dieser Lesung eher zum Christen als das gemütliche Sofa und der Fernsehsessel.

Im Jahr 2019 wurde sehr deutlich der Wanderweg der Kirche in die Zukunft hinein. Irgendwann nur noch eine katholische Kirche und Gemeinde in Lüdenscheid! Wie viel Vertrautes und Liebgewordenes bleibt da auf der Strecke! Wir müssen wirklich die Wanderstiefel herausholen, wie die Bibel rät. Unser Bischof sagte sehr klar, im Blick auf die Veränderungen, die uns in der Kirche erwarten: "Auch die Kirche ist vergänglich, ist relativ. Wie alles in der Welt. Gott allein bleibt, Gott allein ist ewig!"

In einem Weihnachtsgruß schickt mir ein Freund ein Foto seiner Wohnung, die seit längerem eine Baustelle ist, und schreibt dazu: "Gott kommt hinein in unsere "Baustellen" - nicht in prunkvolle Kathedralen oder zu vermeintlich perfekten Menschen. Ich bin mir sicher: Gott zieht die Baustellen vor, und denke an den Zöllner Zachäus oder an Petrus, der zu Jesus sagt: Herr, geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch! Bei solchen Menschen nimmt Gott Quartier. Wir können Ihn hereinlassen, so wie wir sind, und mit allem, was wir auf dem Kerbholz haben. Er kommt in jede "Bruchbude" hinein, wenn wir Ihn nur lassen. Dann kann Er renovieren und aufräumen - mit uns! In uns!"

Baustelle, Bruchbude: ebenfalls ein Bild des Christen unterwegs, auf seiner Pilgerfahrt zu Gott.

"Gott allein bleibt. Gott allein ist ewig", hat der Bischof gesagt, und ähnlich der Verfasser des Hebräerbriefs: Jesus Christus gestern, heute und in Ewigkeit (13,8). Alles in der Welt ist im Wandel und ändert sich rasant. Das erfahren wir ständig. Und es ist eine durchaus "ungemütliche" Erfahrung, die uns aus dem Gewohnten und Vertrauten, aus unserer "Einrichtung" herausholt.

Für mich ist dies Wandern und Unterwegssein in einer höchst vergänglichen Welt nur möglich im Blick auf den ewigen Gott. Er geht mit uns auf diesem Weg, er wohnt mit in der "Bruchbude" unseres oft so unwohnlichen Lebens, ihm sind und waren die Wanderschuhe niemals fremd. Mit ihm sind wir unterwegs zum ewigen Zuhause. Wir suchen, wir wandern, wir warten. "Warten" trifft es vielleicht am besten. Denn wir können den Himmel nicht durch Gewaltmärsche erlangen, unter Stöhnen und Seufzen, mit Blasen an den Füßen. Per pedes, als große Anstrengung, ist der Himmel nicht erreichbar. Nein, wir dürfen warten, aufmerksam und geduldig - warten auf Jesus Christus, "den Anfänger und Vollender des Glaubens" - wieder so ein schönes Wort aus dem Hebräerbrief. Wir wandern und suchen die göttliche Heimat. Das ist menschlich! Aber wir finden nicht die Heimat, sondern die Heimat / Gott findet uns! Nicht wir kommen zu Gott, sondern Gott kommt zu uns. Das ist göttlich! Wir erreichen das Ziel nicht kraft unserer Anstrengung, sondern dadurch, dass das Ziel zu uns kommt. Siehe Weihnachten! Dafür aber brauchen wir eine Haltung des Erwartens, indem wir Gott nicht aus dem Blick verlieren, sondern aufsehen zu Ihm, mit dem Herzen hören - aufmerksam und wach. Die zukünftige Stadt, die Stadt Gottes, kommt zu uns! In ihr ist Platz genug für alle Menschen. Wir dürfen ihre Bürger sein – auch im neuen Jahr 2020.