(Un)heilige Familien

Predigt am 29.12.2019

Zwei Millionen Frauen oder Männer ziehen in unserem Land ihre Kinder alleine groß. Drei Millionen Menschen leben in nichtehelichen Lebensgemeinschaften zusammen. Hunderttausende Ehen und Familien brechen jährlich auseinander. Kinder zu bekommen ist ein Armutsrisiko geworden. Das sind Fakten, an denen man am Sonntag der Hl. Familie nicht vorbeikommt.

Die Familie hat im Leben der Kirche einen ganz hohen Stellenwert. Das Ideal einer "heilen Familie" ist lange sehr hochgehalten worden. Die Kirche stemmt sich gerade in Familienfragen gegen viele neue Entwicklungen, tut sich mit ihnen schwer. Hing sie da einem Traum nach, der sich längst als Utopie erwiesen hat?

Was denken da die Partner, die miteinander im Clinch liegen: die Eltern, die nicht mehr wissen, wie sie mit ihren heranwachsenden Kindern umgehen sollen, oder die Altgewordenen, deren Enkelkinder sich beim Weihnachtsbesuch mehr fürs Smartphone interessieren als für den Opa oder die Oma?

Gottseidank gibt es auch die andere Seite, immer noch. Die Freude der Großeltern über den ersten Enkel, das Leuchten in den Augen, wenn sie von ihm erzählen.

Oder: Eine junge unheilbar erkrankte Frau. Fast jeden Tag war ihre Schwester bei ihr. Sie sprachen über alles, und sie kamen sich so nah wie nie im Leben zuvor. Es waren glückliche Stunden mitten in der Qual, eine Freude mitten im Leid.

Oder: Der Vater, der seine drei Kinder nach der schmerzlichen Trennung von seiner Frau allein großzieht, ein Leben mit großen Einschränkungen, oft genug Stress pur, der nicht mehr viel übrig ließ an Kraft und Energie. Aber man kann spüren, wie stolz er auf seine Kinder ist (und ein wenig auch auf sich).

Nein, sie ist wirklich nicht rosig, die Lage vieler Familien. Und doch leuchtet immer wieder etwas auf in ihnen, das zum Kostbarsten gehört in unserer Welt: Menschen, unterschiedlichen Geschlechts und Alters, unterschiedlicher Herkunft und Prägung, manchmal auch unterschiedlicher Nation und Religion, leben da auf engstem Raum miteinander. Sie lieben sich, sie streiten sich auch, sie lachen miteinander und weinen, sie verletzen und heilen sich gegenseitig, sie stehen gemeinsam im Kampf des Lebens und erleben dabei Sieg und Niederlage. Sie helfen einander und nutzen manchmal einander aus, sie teilen Freud und Leid. Und wenn es hart auf hart kommt, kann man sich auf sie am ehesten verlassen. Sie teilen das Leben, wie es kommt und ist.

Familie ist ein Schmelztiegel des Lebens. Wo sonst wird das Leben ähnlich intensiv erfahren, erlitten und errungen? Familie hat eine große Leuchtkraft, und dieses Licht leuchtet in so vielen Farben, wie es Menschen gibt.

Meine Lieblingsgeschichte zum Thema Familie - eine wahre Geschichte:

Ein junger Mann von zwanzig Jahren hatte seine Eltern schwer beleidigt und ihren guten Ruf beschädigt. Der Vater, ein Bauer, sagte zum Sohn: Lass dich hier nie mehr blicken! Und wage es nicht, mein Haus je wieder zu betreten! So stark war der Bruch, und der Sohn ging weg, den Tod in der Seele, so zog er davon.
Wochen später wurde ihm erst voll bewusst, was er da angerichtet hatte, und er sagte sich: "Ich bin wirklich ein Schuft. Ich muss nach Hause und meine Eltern um Verzeihung bitten!" Aber er hatte solche Angst, dass sein Vater ihn im hohen Bogen hinauswarf, und so schrieb er ihm einen Brief: "Papa, wirklich, ich habe solchen Mist gebaut, ich versteh mich selber nicht. Ich bitte euch um Verzeihung. Ich möchte so gern zu euch zurück nach Hause, aber ich habe solche Angst, dass Du bei deinem Nein bleibst. Wenn du mir verzeihen kannst, dann häng ein weißes Tuch in den Apfelbaum vor eurem Haus - in den letzten Baum der Allee vor eurem Haus." Und zu seinem besten Freund sagte der Junge: "Ich bitte dich, begleite mich dorthin. Ich fahre, und 500 Meter vorm Haus übernimmst du das Steuer, und ich sitze neben dir und schließe die Augen. Du fährst die Apfelbaumallee herunter und hältst. Und wenn ich dann das weiße Tuch sehe, stürze ich ins Haus. Wenn kein Tuch da ist, fahren wir weiter, und ich werde nicht mehr zurückkehren!"
Gesagt, getan. Der Wagen rollt durch die Allee auf den letzten Baum zu. Und der Sohn, mit geschlossenen Augen, fragt den Freund: "Nun sag, hängt da das weiße Tuch im Baum?" Und der Freund antwortet: "Nein, mein Lieber, kein Tuch im letzten Baum - aber Hunderte davon, längs der ganzen Allee!"

So kann es in Familien zugehen: Streit und Konflikt bis zum Geht-nicht-mehr, und dann: diese Versöhnung.

So sorgenvoll uns vieles stimmen mag, so unverkennbar strahlt uns auch heute das Licht aus vielen Farben entgegen: In der Treue und Liebe vieler Eheleute, die mit ihren Kindern in verlässlicher Gemeinschaft zusammenstehen. In der Tapferkeit, mit der sich Alleinerziehende den Herausforderungen stellen. In der Freiheit und Achtung voreinander, die das Zusammenleben vieler Partnerschaften prägt. In der ehrlichen Auseinandersetzung mit sich selbst bei Menschen, deren Beziehung gescheitert ist. Gottes Geist weht, wo er will, und sein Licht leuchtet auch auf aus den zerbrochenen und unvollendeten Formen unseres Lebens. Sein Licht leuchtet uns überall dort entgegen, wo Menschen gut und aufmerksam miteinander umgehen. Denn: Wo Güte und Liebe, da wohnt Gott.

Gott schenke und erhalte unseren Familien dieses Licht in allen seinen Farben.