Weihnachten 2019

Predigt am 25.12.2019

Weihnachten ist der Tag der Geschenke. Schön verpackt, mit Schleifen und Sternen und in viel Weihnachtspapier, liegen sie da. Jedes Geschenk enthält eine kleinere oder größere Portion Zuneigung und Aufmerksamkeit. Jedes Geschenk ist eine kleine Brücke der Liebe.

Welches Geschenk könnten wir Jesus machen? Ihm, dem Gottessohn? Weihnachten ist ja schließlich seine große weltweite "Geburtstagsparty"! Was könnte ihm Freude machen? "Gold, Weihrauch und Myrrhe" hat er ja schon.

Eine Geschichte gibt diese Antwort.

In einer Gemeinde sollte ein Krippenspiel sein - wie jedes Jahr am Heiligen Abend. Diesmal hatten junge Leute das Krippenspiel selbst geschrieben. Und sie hatten wirklich an alles gedacht. Sogar an Ochs und Esel.
Bei der Generalprobe ging so einiges schief. Kaum einer hatte seinen Text im Kopf, die Kulisse war noch kolossal unfertig, und was das Schlimmste war: die drei Könige hatte man schlichtweg vergessen. Aus unerfindlichen Gründen hatte man diese Rollen überhaupt nicht besetzt. Man hielt sie aber für unentbehrlich und schlug vor, in der Gemeinde herumzufragen, wer spontan bereit wäre, die Könige zu spielen. Es würde genügen, ohne großen Text nur ein Geschenk mitzubringen und dieses an der Krippe abzulegen.
Gesagt, getan.
Und so war es wieder einmal ganz plötzlich Weihnachten, und der Heilige Abend begann. Die Kirche war voll, die Leute waren gespannt und die Schauspieler aufgeregt. Das Krippenspiel begann, und es begann gut, es lief wunderbar, niemand blieb hängen. Und wenn doch mal einer ans Stottern kam, war es genau an der richtigen Stelle und hat zur Weihnachtsgeschichte wunderbar gepasst.
Und dann die letzte Szene: Auftritt der drei Könige, die im letzten Augenblick zu dieser Ehre gekommen waren. Ungeprobt sozusagen traten sie auf, ganz live, wie es eben ist im Leben.
Der erste König war ein Mann, Mitte vierzig vielleicht. Er hatte eine Krücke dabei, brauchte sie aber wohl nicht mehr. Alle spitzten die Ohren, als er die Krücke vor der Krippe ablegte und sagte: "Ich hatte in diesem Jahr einen Autounfall. Ich lag lange im Krankenhaus. Niemand konnte mir sagen, ob ich je wieder laufen kann. Jeder kleine Fortschritt war für mich ein Geschenk. Diese Zeit hat mein Leben verändert. Ich bin aufmerksamer und dankbarer geworden. Es gibt für mich nichts Kleines und Selbstverständliches mehr - aufstehen am Morgen, sitzen, gehen und stehen, dabei sein, alles ist wunderbar. Alles ein Geschenk! Ich lege diese Krücke vor die Krippe als Zeichen meines Dankes für den, der mich wieder auf die Beine gebracht hat!"
Es war still geworden in der Kirche, als der zweite König nach vorn trat. Der zweite König war eine Königin, Mutter von zwei Kindern. Sie sagte: "Ich schenke dir etwas, was man nicht kaufen und nicht sehen und nicht einpacken kann. Und was mir heute das Wertvollste ist! Ich schenke dir mein Ja, mein Einverständnis zu meinem Leben, wie es geworden ist, so wie du es bis heute geführt hast, auch wenn ich zwischendurch nicht mehr immer glauben konnte, dass du wirklich einen Plan für mich hast. Ich schenke dir mein Ja zu meinem Leben und zu allem, was dazugehört: meine Schwächen und Stärken, meine Ängste und meine Sehnsucht; die Menschen, die zu mir gehören, mein Ja auch zu meinem Zweifel und zu meinem Glauben. Ich schenke dir mein Ja zu dir, du Heiland der Welt!"
Jetzt trat der dritte König vor. Ein junger Mann mit abenteuerlicher Frisur, top gekleidet, gut gestylt, passend zu jeder Party. Er sagte: "Ich bin der König mit den leeren Händen! Ich habe nichts zu bieten. In mir ist so viel Unruhe und Angst. Ich sehe nur so aus, als ob ich ein tolles Leben hätte. Aber hinter der coolen Fassade ist nichts, kein Selbstvertrauen, kein Sinn, keine Hoffnung. Dafür aber viel, was schon kaputt gegangen ist. Viel Vergebliches, viele Enttäuschungen. Ich bin der König mit den leeren Händen. Ich zweifle an so ziemlich allem. Auch an dir, Kind in der Krippe. Meine Hände sind leer. Und mein Herz ist voll - voller Sehnsucht, dass es anders wird. Dass Geborgenheit und Vertrauen wachsen. Ich bin jetzt hier und halte dir meine leeren Hände hin. Ich bin gespannt, was du für mich bereit hast!"
Jetzt war es noch stiller in der Kirche. Eine Sprachlosigkeit, die auf den Leuten lastete, bis der heilige Josef spontan zur Krippe ging, einen Strohhalm herausnahm, ihn dem jungen König in die leeren Hände gab und sagte: "Das Kind in der Krippe ist der Strohhalm, an den du dich klammern kannst!"
Da spürten so ziemlich alle, dass auch sie mehr oder weniger Könige mit leeren Händen waren, trotz voller Taschen und vieler Geschenke. Und so kam es, dass am Ende alle Leute in der Kirche nach vorne zur Krippe gingen und sich auch einen Strohhalm nahmen.
Und so wurde es deutlich: Am Heiligen Abend ist es gar keine Schande, mit leeren Händen dazustehen. Denn wie sonst könnte man etwas entgegennehmen, etwas bekommen - vom Kind in der Krippe?

(von Ludwig Burgdörfer, aus: "Erst eilig, dann heilig", Brunnenverlag 2018)

Weihnachten könnte also sein: der Griff nach dem Strohhalm. Oder denke ich: Im Leben wird einem nichts geschenkt; auf die Leistung kommt es an? Was hilft da ein Strohhalm? Dann wäre eine neue Blickrichtung gut: Was gibt mir das Kind, was bringt es mit in diese Welt? Wie strahlt es in mein Leben hinein? Welche Kraft hat es, mich zu verändern, mein leeres Herz oder meine leeren Hände zu füllen? Und ich, der Beschenkte, kann dann zu einem werden, der mit vollem Herzen teilen und schenken kann.