Gaudete! Freut euch!

Predigt am 15.12.2019

Vielleicht haben Sie zuhause auch die klassischen Adventskalender - die mit den Türchen. Als Kinder haben wir darum gestritten, wer das jeweilige Tagestürchen aufmachen durfte. Wir waren neugierig, was sich dahinter verbarg - welches Bild und vor allem: welche süße Überraschung! Besonders gespannt waren wir auf die große Tür am 24. Dezember. Da fiel die Überraschung entsprechend größer aus.

Wie bei diesen Kalendern, so hat auch der Advent zwei Schichten. Da ist die glitzernde Oberfläche, und da ist - dahinter geklebt - die Folie, der Hintergrund, auf den man eigentlich aus ist, weil er die Überraschungen bietet. Wie kommt man zu ihnen? Indem man die Türchen aufmacht.

Ja, das ist das Leben: die Oberfläche und die Tiefenschicht, die "Grundierung", und zu ihr kommt man nur, wenn man Türen öffnet. Es gibt kaum eine Handlung, die so adventlich ist wie: Türen aufmachen, "Macht hoch die Tür". Kein Wunder, dass das unser bekanntestes Adventslied ist.

Welche Türen können wir aufmachen? Ja, auch unsere Wohnungstür. Einladungen passen gut zum Advent; dass man sich begegnet, dass man Briefe schreibt und mindestens aneinander denkt.

Ansonsten ist es die "Tür des Herzens". "Komm, o mein Heiland Jesus Christ, mein's Herzens Tür dir offen ist!" Das Herz, unsere Mitte, möchte aus der Verschlossenheit heraus, will sich nicht abschotten. Ein offenes Herz - wachsam, aufmerksam für den Gott, der wie eine Überraschung kommt. Er klopft bei mir an - hoffentlich bin ich dann in mir zuhause!

So gehen im Leben Türen auf und Türen zu, werden geöffnet und zugeschlagen. Und so rücken wir vor - wie im Kalender -, immer weiter, von Jahr zu Jahr, bis dann schließlich das große Tor aufgeht und die große Überraschung kommt, die wir Ewigkeit nennen.

Was könnte jetzt in unserem Leben die Folie sein, die Tiefenschicht hinter den Türen, die die Überraschungen bereithält? Die heutige Liturgie sagt: Das könnte die Freude sein!

Um das recht zu verstehen: Das Leben ist kein Dauerspaß, kein ständiger Karneval, kein permanentes Vergnügen. Das ist auch mit Freude nicht gemeint. Freude kann sehr still und ganz unaufdringlich sein. Ich habe sie schon öfter bei Kranken erlebt, die nicht so sehr jammern (das darf man natürlich auch), sondern die uns umgekehrt mit einer ganz positiven Haltung anstecken - Gelassenheit, Gottvertrauen, Getragen-Sein. Dazwischen möchte ich die Freude ansiedeln: die Freude, die auch den Schmerz kennt und trotzdem Freude bleibt. Freude, die sagt: Es geht auch ohne Angst!

Was ist der Grund dieser Freude? Der Eingangsvers der Messe sagt: "Freut euch, denn der Herr ist da!" Damit ist nicht nur sein Kommen zu Weihnachten gemeint, wo ja die Engel "eine große Freude" verkünden. Ich denke, der Herr ist immer nah - in der Tiefenschicht unseres Lebens. Diese Nähe ist aber oft verstellt: Wir sind oft so abgelenkt. Wir sind von der glitzernden Oberfläche in Beschlag genommen. Die Hektik hat uns fest im Griff. Der weihnachtliche Betrieb lässt einen nicht los. Aber wenn es dann doch mal besinnlich und ruhig wird, kann sich der dringende Wunsch melden nach der Freude, die aus Gott kommt. Eine Freude, die man nicht "machen" kann, die einem eher geschenkt wird. Man muss wohl - in Demut - auf das Machen und die-Dinge-in-den-Griff-kriegen-wollen verzichten und beten: Gott, komm du.

Die Freude kommt nicht allein. Sie wird flankiert von ihren "Geschwistern". In der ersten Lesung aus Jesaja wird den Menschen Mut zugesprochen: "Macht die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest! Sagt den Verzagten: Habt Mut - fürchtet euch nicht!" Das Volk Israel lebte damals in der Verbannung. Es ging ihm innerlich schlecht, die Hoffnung brannte auf ganz kleiner Flamme, sie war fast erloschen. Gott war fern und eine Änderung der Lage nicht in Sicht. Die Propheten wie Jesaja setzten der Hoffnungslosigkeit, Schlaffheit und Resignation etwas entgegen: Habt Mut! Schöne Worte, könnte man denken, was sollte sich allein durch Worte ändern? Aber Jesaja bewirkte viel mit seinen Worten! Die Sehnsucht nach Gott kam zurück zu den Menschen. Wo das Herz des Menschen bislang einer Wüste glich, tat sich nun eine Quelle auf. Dann, so sagt Jesaja, beginnen wir, die Lahmgewordenen, zu springen wie ein Hirsch. Uns, den Blindgewordenen, werden die Augen aufgehen. Die Hoffnung baut sich neu auf, Vertrauen und Mut wachsen, wenn die Freude zur Grund-Melodie unseres Lebens wird - bei allen Nebentönen und Missklängen, die bleiben.

Die zweite Schwester der Freude wird in der Lesung aus dem Jakobusbrief genannt: Geduld. Im Griechischen heißt Geduld: drunter bleiben, oder dran bleiben, auch wenn es schwer wird. Auch die Geduld ist eine ganz aktuelle Tugend. Wir sind oft so kurzatmig, wollen alles am liebsten sofort, wollen schon Früchte ernten, wenn gerade erst gesät ist, und sind dann ohne großen Sinn dafür, wie lange alles wachsen und reifen darf.

Freude. Mut. Geduld - dieser Dreiklang, das ist mein Wunsch für uns alle in diesen Tagen.