Auf ein Neues!

Predigt am 01.12.2019

Auf ein Neues! Etwas Neues setzt heute ein, mit dem 1. Advent. Ein neues Kirchenjahr. Ob es etwas wirklich Neues bringt? Oder ob alles beim Alten bleibt? "The same procedure as every year", wie es zu jedem Silvester in dem kleinen Kultfilm "Dinner for one" bzw. "Der 90. Geburtstag" heißt? Jedes Jahr dasselbe?

Der Einstieg in den Advent beginnt liturgisch mit einem Schock. Die Sterne werden vom Himmel fallen, alle Völker der Erde jammern und klagen, es wird sein wie in den Tagen der großen Sintflut. Biblische Worte, zweitausend Jahre alt. Und nun Worte von heute. Greta Thunberg, die 16-jährige Prophetin aus Schweden, beim Weltwirtschaftsforum in Davos, vor lauter Politikern und Unternehmern: "Ich will eure Hoffnung nicht. Ich will, dass ihr in Panik geratet!" Ja - Panik über den Lauf der Welt. Alle Völker der Erde werden jammern und klagen. Aber zunächst machen sie weiter, als wenn nichts wäre.

Vor zwei Tagen haben die Geschäftemacher den Black Friday veranstaltet. Da hatten die Schnäppchenjäger einen guten Tag. Auf vieles gab es Rabatt, der Kaufrausch schwappte hoch: Sonderangebote mit Milliardenumsätzen - in den USA das größte Konsumfest des Jahres.
Am selben Tag: Friday for future - Freitag für die Zukunft, die Demonstration - vor allem junger Menschen - für eine Zukunft, die nicht von steigenden Temperaturen und steigendem Meeresspiegel bestimmt ist: Es wird sein wie in den Tagen der großen Flut. Vielleicht dreihundert Leute zogen durch Lüdenscheid und riefen: Wir sind hier, und wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!

Black Friday und Friday for future: Beides gleichzeitig, ein Widerspruch in sich! Ungezügelter Konsum führt dazu, die Umwelt zu beschädigen, und der Schülerprotest ist wie ein Schrei danach, die bedrohte Welt zu retten. Was wird sich durchsetzen - Beschädigung oder Rettung? Wollen wir beides? Wie halbherzig ist unser Verhalten?

Ich habe in dieser widersprüchlichen Lage gute Gedanken bei Papst Franziskus gesucht und gefunden. Ein Schlüsselwort für unsere Situation heißt bei ihm: Korruption. Damit meint er nicht nur, dass das Geld in den eigenen Taschen verschwindet. Er will sagen, dass der Zustand der Welt korrumpiert ist, pervertiert ist. Die gute Schöpfung Gottes ist offen für das Böse. Der Papst spricht durchaus vom Teufel, der alles durcheinanderbringt - in der Welt wie in der Kirche.

Korruption, Perversion ist, wenn z.B.
- Flüge nach Mallorca für 20 Euro angeboten werden und die Luft durch Billigflüge immer mehr verschmutzt wird
- Väter ihre Kinder zur Verfügung stellen für Kinderpornografie
- die Gleichberechtigung der Frauen heute immer noch verhindert wird - auch in der Kirche
- Europa Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken lässt und Rettungsschiffe behindert werden
- Fußballspieler das Hundert- oder Fünfhundertfache verdienen vom Gehalt einer Krankenschwester
- der Mensch durch die Arbeitsverhältnisse immer mehr isoliert und vereinzelt wird und die sozialen Kontakte immer weiter schrumpfen.

Das schreit alles zum Himmel. Da wird Gutes korrumpiert und ins Gegenteil verkehrt. Da wird in den unterschiedlichsten Bereichen Missbrauch getrieben. Motiv ist meistens das Geld, die Macht, die Habgier. Der Papst meint: Diese Perversion wird nur beendet durch eine Konversion, eine Umkehr und Bekehrung des Herzens. Äußere Reformen und bessere Gesetze sind wichtig und nötig, aber es kommt auf unsere Haltung an - eben auf unser Herz. Und vielleicht ist die Adventszeit, ebenso wie die Fastenzeit, eine gute Gelegenheit, unsere Haltung vor Gott und den Menschen zu überprüfen und herauszufinden, wo wir selber in der "Korruption" stecken, wo wir selber korrumpierbar sind und Missbrauch begehen, d.h. schlechten Gebrauch machen von unserer Zeit, von unseren Mitteln und Möglichkeiten.

Die Kirche in Deutschland spürt deutlich, dass auch sie korrumpiert ist, oft falsch angepasst an die Welt, ständig um sich selber kreisend, manchmal nur noch mit Lippenbekenntnissen auf Gott ausgerichtet. Die Macht und das Geld sind auch in ihr eine ständige Versuchung. Sie, die Kirche, muss sich als erste bekehren, wenn sie der Welt und Gesellschaft Bekehrung predigen will. Ja, es muss anders werden - aber wie? Die Bischöfe schlagen einen synodalen Weg vor, der heute beginnt.

Das ist eine schwierige Gratwanderung. Nur wieder reden und folgenlos diskutieren: das reicht nicht. Dafür ist den meisten zu Recht die Zeit zu schade. Nur äußere Reformen der Struktur, wie die Abschaffung des Zölibates, reichen auch nicht. Damit werden die Verhältnisse nicht viel besser. Helfen können die Worte aus der Lesung: Bedenkt die gegenwärtige Zeit. Steht auf vom Schlaf. Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis, die Korruption, und anlegen die Waffen des Lichts.

Ja, wir brauchen die Waffen des Lichts. Das Licht darf sich nicht verkriechen, es muss förmlich kämpfen. Kämpfen mit sehr mächtigen Gegnern - in mir selbst, und in der ganzen Welt. Beten wir aufrichtig um die Umkehr des Herzens, in das Gott kommen will. Aufs Neue!