Geistliches Wort vor dem Bild "Barmherzige Dreieinigkeit"


10 Jahre nach dem Tod von Christine Zauzich


Gedenktag mit Freunden des von ihr gegründeten Projekts "Samenkorn" (Guatemala)
in der Abtei Dinklage am 16.11.2019


Schön, dass wir hier zusammen sind,
aus unseren jeweiligen Lebenskreisen aufgebrochen sind
und uns in einer Mitte treffen, hier in Dinklage,
dem Ort, der für Christine eine Mitte ihres Lebens war.
Das Bild, das ich erstmals in diesem Jahr zum Dreifaltigkeitssonntag sah,
hilft uns vielleicht dabei, über "Samenkorn" nachzudenken.

In der Mitte: der Mensch.
Hier einer, dem es besonders übel mitgespielt hat.
Halbtot fast schon, nur noch Haut und Knochen.
Der Verletzte, der zwischen Jerusalem und Jericho
Unter die Räuber fiel.
Dunkler als die anderen, von der Erde genommen.
Der Adam, der aus der Erde, aus der Adama gemacht ist,
aus brüchigem Stoff, aus Staub.
Der Mensch in seiner Hinfälligkeit,
seinen Ängsten und in seinen Grenzen,
der Mensch, der unter seinen Möglichkeiten bleiben muss,
der sich nicht entfalten kann, ausgebremst ist vom Leben.
Der Mensch, der Hilfe braucht, egal wie alt, egal wo.
In Guatemala wie in Deutschland.
Christine ist im Lauf ihres Lebens
diesem Menschen immer näher gerückt
und erschien bei aller Stärke ihres Lebens,
bei aller Intelligenz und Kraft und allen Begabungen,
gerade am Schluss auch als bedürftig –
von Krankheit bedroht, von Konflikten mitgenommen,
auf der Suche nach Gemeinschaft und Beheimatung
und einem letzten Ort, wohin sie gehörte.
Auch der engagierteste Helfer hat seine Wunden und Narben.
Er muss nicht immer stark sein und Haltung bewahren.
Manchmal darf er sich fallen lassen und selber liegen
auf dem dunklen Boden.
Jedenfalls ist der angeschlagene Mensch – zunächst zumindest –
die Mitte des Bildes
und – laut den ermunternden Worten von Papst Franziskus –
die Mitte der Kirche, die der Papst als "Feldlazarett" begreift.

Und die helfenden und rettenden Kräfte
(die "Guten Mächte" Bonhoeffers, die wunderbar bergen)
treten von allen Seiten aus ihren Kreisen heraus,
bleiben nicht bei sich und unter sich, gehen nah ran.
Sie gehen über sich hinaus, überschreiten eine Grenze –
die Grenze zwischen "ihrer" und der "anderen" Welt.
Christine ließ Europa - die Welt der Elite – ein Stück weit hinter sich
und war tief angesprochen
von der mundtot gemachten indigenen Welt,
die damals, in den 80ern und 90ern, in den Zeiten der Gewalt,
langsam ihre Stimme wiederfand.
Sie hörte zu, half, förderte, forderte auch.
Sie ließ sich ein auf das Neue,
auf die Mayas, auf die jungen Leute.

Ein bisschen so
Wie der göttliche Vater,
der in der Plastik von rechts dem Verletzten
kräftig und wirksam "unter die Arme greift".
Unterstützung, damit der Andere
Auf seinen eigenen Beinen wieder gehen
Und sein Leben in die eigene Hand nehmen kann.
Ein etwas pathetisches Wort für diese Unter-Stützung:
Barmherzigkeit. Ganz nüchtern gelebt.
Auch mit Spendensammeln und Vorträgen und Kursen
und Vernetzungen und gebauten Brücken
zwischen den Welten.
Barmherzigkeit, aus der eines wuchs: Hoffnung.
Bei den Armen - und auch bei uns.
Kein Helfersyndrom: Wir müssen immer geben.
Alles hängt an uns!
Sondern: Wir werden auch beschenkt.
Ein großes Miteinander ist möglich.

In der Plastik beugt sich die linke Gestalt tief hinab.
Hin zu den Füßen. Wie bei der Fußwaschung.
Jesus "entäußerte sich", schreibt Paulus,
er verließ seine göttlichen Kreise
und kommt, um zu dienen.
Nicht um sich bedienen zu lassen.
- Warum treffen die Menschen Gott nicht mehr an,
fragt ein jüdischer Rabbi in den "Chassidischen Geschichten",
und er gibt selbst die Antwort:
"Weil sich niemand mehr so tief bücken will!" -
Jesus war es möglich, sich mit den Anderen zu identifizieren.
Für uns mag es genügen, wenn wir versuchen, uns anzunähern.
Das ist schwierig genug!
Niemals von oben herab! Vielleicht von der Seite. Und immer:
Aufmerksam, hörend, fragend,
zögerlich mit besserwisserischen Antworten.
Damit der andere von sich her wachsen kann.

Der dritte göttliche Kreis kommt von oben, und
er war für "Samenkorn" oft spürbar:
Die Flammen, aus denen die Taube dynamisch
herausbricht – hin zum Menschen.
Der Geist, der im Sturzflug, fast wie in einer Attacke,
dreinfährt in die Armut oder Trägheit oder Resignation:
Da muss Leben hinein! So kann es nicht bleiben!
Der Geist der Erneuerung, der Kraft, des Mutes,
der Phantasie, der Vision – und der Überraschungen:
Plötzlich und unvorhergesehen ist ein neuer guter Leiter da!
Plötzlich und unvorhergesehen ist ein neues Haus da - geschenkt!
Und Studenten sind da, die sagen:
"Man hat uns im Projekt beigebracht,
in der Wir- Form zu denken –
und nicht bloß: Ich! Immer nur Ich!"

Danken wir also: für unser Projekt,
für die liebevolle Ausrichtung auf den Menschen,
für das Herausgehen
aus unseren oft so abgeschlossenen Lebenskreisen,
für alle heilsamen Grenzüberschreitungen,
für alles Unter-die Arme-Greifen,
für jede "Fußwaschung",
für jeden Ansturm des Geistes,
für das "Joint Venture" von Gott und Mensch,
für Christus und Christine und Christian,
für den Segen, der da war
und da ist und da sein wird.