Martyrium - die größte Liebe: Richard Henkes

Predigt an Allerheiligen 01.11.2019

Ich möchte von einem Mann erzählen, der vor kurzem, am 15. September, im Dom zu Limburg seliggesprochen wurde. Es ist der Pallottinerpater Richard Henkes, gestorben 1945 im KZ in Dachau. Mein Interesse an ihm hat auch damit zu tun, dass er 1900 in dem Westerwälder Dorf Ruppach geboren wurde, dessen Pfarrer ein guter Bekannter und Freund von mir ist.

Richard Henkes arbeitete in seinem Orden als Lehrer und Erzieher, als Exerzitienbegleiter und Wallfahrtsprediger in Schönstatt und in Oberschlesien. Vor seiner Priesterweihe schrieb er in sein Tagebuch, als Priester wolle er "Kreuzträger für andere" sein. Im Dritten Reich bekam er reiche Gelegenheit dazu. Er hatte schon früh erkannt, dass die Nazis Gott klein machten und aus der Öffentlichkeit verdrängten. In ihrer neuheidnischen Gesinnung sollte der arische Mensch ganz großgeschrieben werden: der Held, der Krieger und Kämpfer, der Volksgenosse, strahlend in die Zukunft schreitend - in allem das Gegenteil des Schmerzensmannes Jesus am Kreuz, den sie verachteten. Dass faktisch aus den so groß aufgeblähten Menschen Sklaven wurden, eine millionenfach hingeopferte Masse, im Krieg verreckt, viele als "lebensunwertes Leben" bezeichnet - ja, das wissen wir heute. Und man kann es nur mit Entsetzen wahrnehmen, dass diese alten Nazi-Töne heute wieder auferstehen, gerade bei den Jüngeren, und in die Gesellschaft und Politik hineindringen.

Der Pater Henkes hatte da ein sehr waches Gespür und großen Mut. "Einer muss ja die Wahrheit sagen", erklärte er öfter. Die Nazis empfanden ihn deutlich als Gegner. Mehrfach wurde er von der Gestapo vorgeladen und verhört. In Branitz prangerte er öffentlich in einer Predigt das Euthanasie-Programm der Nazis an und wandte sich gegen den Abtransport von psychisch und geistig kranken Menschen aus den dortigen großen Heilanstalten. Da wurde er 1943 von der Gestapo verhaftet, sieben Wochen lang in Ratibor in Isolationshaft gehalten und zum Abtransport ins Konzentrationslager Dachau verurteilt. Dort teilte er anderthalb Jahre lang das unmenschlich harte Lagerleben mit vielen hundert anderen, ermutigte seine Gefährten, kümmerte sich um die besonders verachteten Tschechen und Osteuropäer. In Dachau fing Ende 1944 eine Typhusepidemie an, und der Quarantäneblock, in dem die am Typhus erkrankten Gefangenen lagen, wurde zum trost- und hoffnungslosesten Ort des Lagers. Auf eigenen Wunsch, ganz freiwillig, ließ Henkes sich dort als Krankenpfleger und Seelsorger einschließen. Er wusste, wie gefährlich das war; er setzte also wirklich sein Leben ein! Nach zwei Monaten war er von der Seuche angesteckt und starb fünf Tage später, am 22. Februar 1945, kurz vor Kriegsende.

"Er gab sein Leben hin". Diesen Satz hören wir in jeder Messe, er steht wirklich im Zentrum unserer Gottesdienste. "Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird." So wird das Leben Jesu Christi zusammengefasst in einem Wort: Hingabe. Richard Henkes hat aus der Eucharistie heraus gelebt, diese Hingabe ist ihm "in Fleisch und Blut übergegangen". Im Blick auf die Typhuskranken dachte er nicht an sich, sondern an das Bibelwort: "Niemand hat eine größere Liebe als der, der sein Leben hingibt und loslassen kann für die anderen!" Also nicht: "Rette sich wer kann! Nichts wie weg!" Sondern: "Rette den, der's nicht mehr kann! Nichts wie hin!" Vielleicht kannte er das Beispiel seines Altersgenossen, des polnischen Paters Maximilian Kolbe, der 1941 stellvertretend für einen anderen Gefangenen, einen Familienvater, im KZ Auschwitz in den Hungerbunker ging. Auch er ein Seliger, ein Heiliger der Kirche! Weil er wie Jesus gehandelt hat: Freiwillig, stellvertretend, das Kreuz der anderen auf sich nehmen und für sie sein Leben hingeben. Beide gelten als Märtyrer, die aus Glauben heraus und in der Nachfolge Jesu ihr eigenes Leben loslassen konnten - zugunsten anderer. Radikale Nächstenliebe!

Maximilian Kolbe, Richard Henkes: zwei sehr große Paar Schuhe in den Fußstapfen Jesu! Wer kann das schon. Aber wir sollten die Seligen und Heiligen nicht auf ein unerreichbares Podest stellen; Allerheiligen ist kein Heldengedenktag! Niemand von uns muss sein Leben hingeben. Niemand muss sich selber aufgeben. Aber in die Bewegung der Heiligen können und dürfen und sollen wir alle einsteigen: Raus aus der reinen Komfortzone und der Bequemlichkeit. Hin zu den anderen. Und dadurch: Hin zu Gott.

In diesem Sinne gibt es wahrscheinlich eine ganze Menge "Heilige" auch im heutigen Heimatdorf Ruppach oder in unserer Stadt Lüdenscheid. Der Heimatpfarrer sagte mir, dass die heutigen Angehörigen von Richard Henkes in Ruppach durchaus nicht alle glaubens- und kirchennah seien. Aber vielleicht doch "hingebungsvoll"! Was für ein gutes Beispiel geht von Menschen aus, die selbstlos, liebevoll und wie selbstverständlich für kranke Angehörige da sind und für sie viel Zeit und Kraft einsetzen. Oder die sich um Flüchtlingskinder kümmern und andere Menschen, die arm dran sind. In diesem Dasein-für-andere leuchtet immer etwas auf von Gottes grenzenloser Liebe. Bei den Heiligen ist die göttliche Leuchtkraft unbeschreiblich. Wir christlichen "Normalverbraucher" schaffen es vielleicht nur bis zum Teelicht und zur Schwachstromfunzel. Aber Hauptsache: Es leuchtet!