Gesandte an Christi statt

Predigt am 27.10.2019

Fast in jedem Jahr ernennt Papst Franziskus neue Kardinäle. Ein Deutscher war bisher nicht dabei. Auch kein Franzose und nur ganz wenige Amerikaner. Dafür aber Bischöfe von den Kapverdischen Inseln, Mali oder Bangladesch, von Laos oder Papua-Neuguinea, von Mauritius, Marokko, Nikaragua oder Burkina Faso. Bei manchen Ländern muss man wohl im Atlas nachschlagen! Wo liegt das Land denn genau?

Gerade auf solche Länder setzt der Papst offensichtlich für die Zukunft der Kirche. Eine große Region um den Amazonas herum ist gerade in Rom zu einer Synode versammelt. Indianische Menschen mit Federschmuck tagen mit im Konferenzraum, der ansonsten nur Bischöfe sieht. Auf die südlichen Länder setzt der Papst seine Hoffnung. Und darum sollen die Kardinäle "von den Rändern der Erde" seinen Nachfolger wählen. Sie stellen schon eine sehr große Gruppe im Konklave dar.

Missionsländer - so sagte man lange Zeit. Heute spricht man lieber von "junge Kirchen". Jung, weil sie erst vor 80 oder 100 Jahren an den Start gingen, als die europäischen Missionare kamen. Jung auch, weil in den Kirchenbänken Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sich drängeln und das Bild bestimmen. Da kann man hierzulande nur von träumen!

Jung sind auch die Schwestern, die auf dem Plakat des Weltmissionssonntags unterwegs sind. Junge Leute haben oft ein offenes Herz und neigen dann dazu, sich begeistern zu lassen, fasziniert zu sein. Die müde Skepsis, die kritische reservierte Distanz und die Resignation sind ihnen (noch) fremd. Der Glaube an Jesus Christus kann sie begeistern, kann sie faszinieren. Warum? Weil sie sehen, wie Jesus zu den Menschen steht. Und weil sie tagtäglich erleben, wie anders und wie schlecht Menschen in ihrem Umfeld behandelt werden.

Nehmen wir als Beispiel das heutige Evangelium (Lk 18.9-14), die Geschichte mit dem Pharisäer und dem Zöllner im Tempel. Da ist der Pharisäer, der angesehene Bürger; stolz lobt er sich für seinen vorbildlichen Lebenswandel, schwelgt in Selbstgerechtigkeit und blickt auf die anderen herunter. Auf der anderen Seite steht der Zöllner, der sich seiner Schwächen und Fehler bewusst ist und sich ganz der Liebe und Gnade Gottes anvertraut.

Und Gott? Er schaut nicht auf den äußeren Anschein, auf Reichtum und Stellung; er blickt ins Herz der Menschen. Gott sieht, wie ehrlich und wahrhaftig sich der Zöllner vor ihn stellt, der so wenig vorzuweisen hat. Und Gottes Herz schlägt für ihn! Für ihn, den die anderen eher ausgrenzen und geringschätzen.

Schon im Alten Testament, so in der Lesung aus dem Buch Jesus Sirach, wird Gott in seiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gezeigt. Bei ihm geht es anders zu als in der Welt: Die Reichen werden dem Armen gegenüber nicht bevorzugt, und die Klage eines ungerecht Behandelten wird nicht überhört. Und das wird im Leben und im Mund Jesu so intensiv deutlich: Gott hat ein offenes, ein "barmherziges" Herz für die Nöte und Sorgen der Menschen. Gerade die Einfachen und Armen fühlen sich angenommen von ihm.

Die drei Schwestern auf dem Plakat sind unterwegs in ihrem Gebiet. Das liegt in Nordostindien, am Fuße des Himalajas, Richtung Tibet. Keine einfache Gegend: Eine der ärmsten und am wenigsten entwickelten Regionen Indiens - mit zweihundert verschiedenen Volksgruppen. Das bedeutet viele Konflikte untereinander, auch viel Missverstehen und Gewalt. Unterschiedliche Sprachen machen die Lage nicht leichter. Die Kultur der Bergstämme wird von den anderen Indern geringgeschätzt; man hält Abstand zu ihnen.

Die drei Ordensschwestern nun halten es da anders. Sie besuchen regelmäßig die Menschen in den entlegenen Dörfern. Deshalb werden sie dort liebevoll "Touring Sisters" genannt. Sie kümmern sich um die Alten und die Kranken, helfen in Fragen der Ernährung und Gesundheit und ermutigen die Eltern, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Die Leute spüren, dass die Schwestern sie ernst nehmen und sie mit Würde und Respekt behandeln. So entsteht Beziehung, und so wächst Vertrauen. Und irgendwann kommt die Frage an die Schwestern: Warum tut ihr das? Warum scheut ihr nicht die weiten Wege zu uns? Warum sind wir euch wichtig? Und dann - und eigentlich nur dann - können die Schwestern von ihrem Glauben erzählen. Von diesem Jesus, der sie fasziniert, weil er den Menschen ganz zugewandt war und ist, weil er für Frieden und Versöhnung steht und sie deshalb ihre Hoffnung auf ihn setzen. Und so sind sie wirklich "Gesandte an Christi statt", wie es auf unserem Plakat als Mottowort heißt.

Jesus kann auch heute Menschen faszinieren! In einer Welt, die immer unverständlicher und friedloser wird, in der die Spannungen und Konflikte zunehmen, ist sein Wort und seine Haltung die beste Richtschnur. Was könnte besser und wichtiger sein, als sich in seinem Sinne einzusetzen - für Versöhnung, für die Würde des Menschen, für Bildung, für die Armen und Kranken? Was faszinierender, als sich im anderen zu finden, im Nächsten, in den Brüdern und Schwestern? Eine Sicht vom Leben, die nicht bloß die Missionare und Ordensschwestern bewegen und begeistern kann, sondern eigentlich jeden, der sich "Christ" nennt. "Gesandte an Christi statt" -; das ist nichts für Spezialisten. Das können wir alle sein.