Der Aussatz und der Amazonas

Predigt am 13.10.2019

Ich möchte heute etwas sagen zu den biblischen Texten, also zum Aussatz. Und dann etwas zur aktuellen Amazonassynode in Rom. Haben die beiden Punkte etwas miteinander zu tun? Ja, sie haben. Der rote Faden heißt, grob gesagt: Ausgegrenzt sein - oder Gemeinschaft.

Viele Menschen sind wirklich ausgeschlossen, ausgegrenzt, abgehängt. Wahrscheinlich niemand so stark wie Aussätzige, Leprakranke: Die tragen das schon im Namen: Ausgesetzt! Ausgesetzt, ausgestoßen, weil die Krankheit so furchtbar ansteckend war. Aussätzige wohnten unter ihresgleichen, etwa in Höhlen, fernab von den anderen. Einen Aussätzigen zur Zeit Jesu musste man sich mindestens 15 Meter vom Leibe halten. Das, was Menschen an Nähe guttut, eine Umarmung etwa, war da nun wirklich nicht möglich.
Noch schlimmer: Diese Krankheit sei eine Strafe Gottes. So sagten die Schriftgelehrten. Eine Strafe für die eigenen Sünden - oder die der Eltern. Schicksal sei das. Unrein seien sie vor Gott und den Menschen. Also: Auch Gott ist gegen sie!
Und die Aussätzigen übernehmen diese Meinung. Ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstachtung sind ganz unten, gleich Null. Das ist die Hölle schon mitten im Leben - ohne Hoffnung, ohne Liebe, ohne Gott.

Bis Jesus kommt! Er ist der Vorläufer der heutigen Integrations- und Inklusionsgedanken. Auf jeden Fall denkt und handelt er ganz anders als die Schriftgelehrten! Gott straft die Menschen nicht mit Krankheit. Jesus glaubt nicht an ein blindes gnadenloses Schicksal. Er glaubt an einen sehenden Vater. An einen Gott, der die Menschen - seine Schöpfung, seine Kinder - in Liebe anschaut. Später, im Mittelalter, im Sinne Jesu, wird der heilige Franziskus auf einen Aussätzigen zugehen und ihn umarmen und küssen. Er überwindet die Angst und den Ekel und wird dem Kranken zum Bruder, zum Nächsten. So fängt Heilung an!

Dem Fremden, dem Samariter im Evangelium ging die Heilung "tief unter die Haut". Er geht verwandelt, als ein anderer aus der furchtbaren Krankheit hervor. "Steh auf und geh!", sagt Jesus zu ihm. Der Fremde kann zu sich stehen und zu den anderen gehen. Ihm geht auf: Ich bin Kind Gottes, Freund Gottes, einer, der jetzt auf seinen eigenen Beinen ungehindert durch Gottes Welt laufen kann. Einer, dessen Hände nicht mehr verkrüppelt sind, sondern handeln können. Einer, dessen Gesicht niemanden mehr abstößt, sondern "ansehnlich" wird. Einer, der mit Selbstvertrauen dazugehört - zu Gott und den Menschen.
"Steh auf und geh": Diese Ermutigung Jesu, damals an einen aussätzigen Samariter, ist auch heute noch zu hören. In der aktuellen kirchlichen Lage zum Beispiel in der wichtigen Amazonassynode, zu der Papst Franziskus viele Bischöfe und Christen in den Vatikan eingeladen hat.
In dem riesigen Gebiet des Amazonas, in Brasilien, Peru und anderen Ländern, leben die Abgehängten und Ausgestoßenen, die "Aussätzigen" von heute. Stämme von Indianern, denen man den Lebensraum nimmt. Kleine Bauern und landlose Arbeiter am Rande der Welt und am Rand unseres Bewusstseins. Sie werden Opfer der Ausbeutung, der Abholzung und Brandrodung, der Zerstörung ihrer Umwelt. Mächtige wirtschaftliche Interessen der großen globalisierten Unternehmen sind da am Werk, die z.B. an die reichen Erdölvorräte wollen. Der Protest gegen die Brandrodung war vor kurzem auch in Europa zu hören: aber nicht, um die Menschen am Amazonas zu schützen, sondern weil wir Angst haben um uns selber, um das Klima, um den Verlust der "grünen Lunge" des Regenwalds.

Die Menschen am Amazonas werden also weithin als "der letzte Dreck" behandelt. Und nun erleben sie auf einmal, dass die Kirche sie aus dem Abseits holt und in den Mittelpunkt stellt. Hier auf der Synode sprechen nun indianische Frauen und Männer - mit wachsender Lebendigkeit und Selbstbewusstsein. Sie bringen eine ausgeprägte Kultur und Spiritualität mit, die ganz von der Schöpfung her lebt. Man hört ihnen zu, sie haben etwas zu sagen. Sie sind immer mehr Subjekte, Handelnde der eigenen Entwicklung und nicht bloß Behandelte wie bisher, über die man verfügen kann. Wie könnt ihr in Zukunft Kirche sein, so werden sie gefragt. Und viele Erwartungen knüpfen sich weltweit daran. Etwa die, dass bewährte indianische Familienväter in den riesigen Gemeinden, mit viel zu wenigen Missionaren, zu Priestern geweiht werden oder engagierte Frauen die Eucharistie feiern können.

Interessant für uns, dass uns also von den "excluidos", den Ausgeschlossenen, den Menschen am Rande, den Urwaldleuten am Amazonas, ein großer Impuls geschenkt wird, der auch unsere traurige kirchliche Lage in Europa prägen und verändern kann.

Dazugehören - das ist der Ruf im Reich Gottes. Niemals andere ausgrenzen und ausschließen und sich selber auch nicht absondern! Dazugehören: in lebendiger Verbindung sein mit den anderen. In gegenseitiger Wertschätzung, für alle. Schwesterlich, brüderlich. Das könnte Kirche sein.

Jesus ruft auch in unser Leben hinein: "Steh auf und geh!" Mit ihm können wir aufstehen aus allem, was uns niederdrückt, werden wir einmal sogar auferstehen, und können gehen, wie holprig, staubig, abwegig unsere Wege auch sein mögen. Steh auf und geh - und danke dem Herrn!