Befreiung aus den Sklavereien

Predigt am 08.09.2019

Familie kann etwas sehr Schönes sein. Familie kann auch etwas ziemlich Schreckliches sein. Das Schöne: der Zusammenhalt, die Fürsorge, der Schutz, die Gemeinschaft. Das Schreckliche: der Druck, die Macht der Väter, die Bevormundung. Tradition und Moralin - statt Liebe.

Das Familienleben zur Zeit Jesu müssen wir uns sehr anders vorstellen als das heutige. Heute gehen wir aus von persönlicher Freiheit, von den Rechten des Individuums in einer Kleinfamilie, wo jeder seinen eigenen Weg finden soll. Damals war alles vorgegeben und vorgezeichnet. Eine Großfamilie, ein Clan, vielleicht Dutzende von Menschen. Ein starker Chef, der Vater oder Großvater, der unumschränkt das Sagen hatte. Fest vorgeschriebene Rollen, besonders für die Frauen. Man blieb fast immer im selben Beruf - Fischer, Bauer, Handwerker - und am selben Ort und lebte so ähnlich wie die Vorfahren. Die Familienehre war einer der höchsten Werte. Versuchte einer seinen eigenen Weg und "brach aus", brachte das der Familie Schande. Man wurde ein- oder ausgesperrt. Würden wir in eine solche traditionelle Familie des Orients hineinkatapultiert - ich denke, es würde uns allen die Luft zum Atmen fehlen, wir würden ersticken.

Manche von Ihnen haben vielleicht im letzten Jahr den Kinofilm "Maria Magdalena" gesehen. Da ist eine junge Frau von großer feinfühliger Ausstrahlung - anders als die anderen. Sie will ganz sie selbst sein. Ihr Vater und vor allem ihre Brüder verstehen sie nicht und haben nur eines im Sinn: sie möglichst schnell, mit viel Druck, unter die Haube und in die Ehe zu bringen. Maria Magdalena entzieht sich ihnen und schließt sich als erste Frau der Jesusbewegung an. Dort findet sie, was sie sucht.

Auch bei Jesus ist die Beziehung zum eigenen Clan wohl nicht reine Harmonie gewesen. Das Evangelium deutet an, dass Verwandte kommen, um Jesus zurückzuholen und "unter Verschluss" zu halten. Sein öffentliches Wirken und seine Freiheit sind ihnen peinlich. Sie meinen, er "blamiere" die Familie und bringe Schande über sie, er sei so etwas wie das "schwarze Schaf" und der lästige Außenseiter.

Auf Grund solcher Erfahrungen urteilt Jesus immer wieder kritisch und sehr hart über die Familien seiner Zeit. Sie blockieren die Freiheit des Einzelnen, behindern das Neue, das wachsen will, zum Beispiel: die Nachfolge Jesu. Originalton Jesu: "Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben geringachtet (in alter Übersetzung steht da sogar hasst!), kann er nicht mein Jünger sein!"

Nun, wo liegt da die Frohe Botschaft? Nicht im Hass und der Geringschätzung. Sondern darin, dass der Mensch "ins Weite geführt wird": Du sollst nicht eingesperrt sein in der Welt der Tradition und der Familie. Die Familie ist nicht als Gefängnis gedacht. Nicht sie hat das Sagen, sondern Gott hat das Sagen. Vielleicht spürst du, dass Er dich ruft - woandershin, etwa in die Nachfolge Jesu, in eine neue "Familie" von Brüdern und Schwestern. In eine Richtung, wohin es dich innerlich zieht. Dann zieh los - ganz konsequent. Wie Maria Magdalena. Wie die Jünger.

Auch die heutige Lesung aus dem ganz kurzen, fast privaten Philemonbrief ist so eine Art Befreiungsruf. Da geht es um eine Grundlage der damaligen Gesellschaft: die Sklaverei. Sklaven gehörten zum Haushalt einer Familie. Sie waren unfrei und rechtlos. Sie waren Eigentum - ähnlich wie Haustiere. Liefen sie davon, wurden sie schwer bestraft.

Paulus sitzt im Gefängnis und lernt da den Sklaven Onesimus kennen. Dieser ist seinem Herrn Philemon weggelaufen, einem Christen. Onesimus hat sich im Gefängnis von Paulus taufen lassen. Der Herr und der Sklave gehören jetzt also beide zur Gemeinde. Geht das für die beiden: "Auf Augenhöhe" miteinander leben? Paulus meint: Ja. Und so schreibt er dem Herrn, dem Philemon, und bittet ihn, den Sklaven als "geliebten Bruder" wieder aufzunehmen und von Bestrafung abzusehen. Der Sklave - ein Bruder! Paulus liefert keine Argumente, um die Sklaverei grundsätzlich abzuschaffen. Und so besteht sie noch bis ins 19. Jahrhundert fort, praktiziert und gebilligt von der Christenheit. Aber Paulus "unterläuft" sie sozusagen, er nimmt ihr den Stachel. Dein Sklave ist dein Bruder!

Paulus ist überzeugt: Durch die Taufe werden Menschen zu Brüdern und Schwestern. Und so werden sie in den Kirchen und Gottesdiensten ja immer noch angeredet: als Schwestern und Brüder. Die kann man sich nicht aussuchen - im Unterschied zu Freunden, die ich mir auswähle. Brüder und Schwestern sind einem vorgegeben und aufgegeben, als Aufgabe. Da sind also Leute in den Kirchenbänken, die mir menschlich oft fremd sind, die ich nicht mit Namen kenne. Und alle zusammen bilden sie die "Familie Jesu Christi". Eines ist ihnen bei allen Unterschieden gemeinsam: die Ausrichtung auf den gemeinsamen Vater, auf Gott. Und auf den "großen Bruder", Jesus Christus. Der zeigt den Weg zur Brüderlichkeit, zum Geschwistersein. Aber als Befreiungsweg, in aller Freiheit.