Bei einer Silberhochzeit

Predigt am 07.09.2019

Ich darf den Tag schon vor dem Abend loben,
denn wenn es Nacht wird, weiß ich dich bei mir.
Bei dir ist meine Dunkelheit gut aufgehoben,
sobald Dämonen mein Gemüt umtoben,
schickst Du sie weg - und sie gehorchen dir.

Ich darf den Tag schon vor dem Abend loben,
denn keine Zeit hat uns einander fremd gemacht.
Das Leben lebt, wir sind mal unten, sind mal oben,
doch immer miteinander wunderbar verwoben,
Wir wachsen - und wir geben aufeinander Acht.

Ich darf den Tag schon vor dem Abend loben,
denn jeder Tag ist auch ein Tag mit Dir.
Wenn unser Abend kommt, entschweben wir nach oben
und freuen uns, das nächste Stück zu proben -
Verrückte Welt - was sind wir gerne hier! (Sören Callsen)

Ich darf den Tag schon vor dem Abend loben. Darum sind wir jetzt hier. Zum Feiern, zum Loben. Zur Einstimmung in das letzte Wort: Was sind wir gerne hier.
Meistens hört man es anders. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben! So sprechen die Vorsichtigen, die Bedenkenträger, die immer auf Sicherheit gehen. Freu dich nicht zu früh! Es kann bis zum Abend, bis zum Ende noch einiges schiefgehen in dieser verrückten Welt! Man soll erst vom Ende, vom Ergebnis her urteilen!?

Halten wir uns da lieber an das "Ich darf"! Wir dürfen es uns erlauben, schon mittendrin, auf dem Weg und nicht erst am Ziel, den Tag und das Leben zu loben. Und die Ehe auch. Und Euch auch.

Das Leben loben. Das kann man bei Euch spüren! Ihr seid immer, und nicht nur heute, von Menschen umgeben, die diese Lebensfreude an Euch schätzen. So unterschiedlich Ihr im Einzelnen seid, so klare Konturen habt Ihr als "Gesamtpaket"! Eine große Einheit und Verbundenheit merkt man Euch an - als hättet ihr Modell gestanden für die Lesung aus Kohelet! Da, in der Lesung, wird ganz ungeschminkt von der Kraft der Zweisamkeit erzählt: "Zwei haben es besser als einer allein - zusammen können sie mehr erreichen. Stürzt einer, hilft ihm der andere auf. Wenn zwei in der Kälte zusammenliegen, wärmt einer den anderen."

Euer Gedicht "Lovesong" drückt das etwas poetischer aus - da seid Ihr "miteinander wunderbar verwoben". Ja, sehr auf die Familie gerichtet, treu auf einen starken Freundeskreis bedacht, gastfreundlich mit gedecktem Tisch, sehr an Menschen interessiert. Gerade das gute Gedächtnis der Gattin trägt viel dazu bei, dass keiner der Freunde und Bekannten übersehen und vergessen wird.

Nichts könnte Euch auseinanderbringen - auch nicht "die Dämonen, die das Gemüt umtoben". Die müssten sich schon sehr warm anziehen, um es mit Euch aufzunehmen!

Ihr seid außerdem eine herrliche Mischung aus konservativ-bewahrend und aufgeschlossen fürs Neue. Was sich im Leben bewährt hat - diese Werte finden in Euch überzeugte Verteidiger, gerade auch der Glaube. Mit Wischi-Waschi könnt Ihr da nichts anfangen, und Eure Diskussionslust hält viele Runden aus. Aber das Neue reizt Euch auch: reisen in Bekanntes und noch Unbekanntes. Zweimal konnte ich dabei sein - in Rom und Barcelona. Da hat uns der Architekt Antoni Gaudi umgehauen, der das Bewährte und das ganz Neue so unglaublich miteinander verbunden hat. Besonders in der Sagrada Familia! Neugierde bringt Ihr mit in Richtung Kunst, Theater, Kino, Konzert, Event - mit inspiriert von dem zweiten Priester hier vorn. Und so bleibt Euch die Langeweile einer routiniert vor sich hin plätschernden Beziehung erspart. Mit den Worten des Gedichts: Das Leben lebt. Wir sind mal unten, sind mal oben. Aber nie im Stillstand, nie in der Erstarrung. Denn: "Wir wachsen - und wir geben aufeinander Acht."

In dem Gedicht wird immer ein Du angesprochen. "Denn jeder Tag ist auch ein Tag mit Dir." Was schwingt mit in diesem Du? Natürlich der andere. Ich glaube, der Dichter hätte nichts dagegen, wenn man zugleich auch das große göttliche Du mit heraushört. Von diesem großen Du stammt alle Liebe. Die von vor 25 Jahren, und die heutige. Und die von morgen. Bei der Goldenen Hochzeit, zum Beispiel.

Und dann kommt irgendwann der Abend und die Nacht und der Tod. Und dann entschweben wir nach oben und freuen uns, das nächste Stück zu proben. Und bleiben vereint. Nie allein. Immer im Du.