Ruhe auf den billigen Plätzen

Predigt am 01.09.2019

Charles de Foucauld war ein französischer Adliger des 19. Jahrhunderts. Aber die Nähe zu den vornehmen Kreisen war ihm egal. Er war ein Sucher, ein Reisender, reiste nach Marokko und ins Heilige Land, war beeindruckt vom ernsten Glauben der Muslime. Später entdeckte er Jesus Christus, entdeckte ihn in Nazareth, interessierte sich für Jesu verborgenen Jahre in seiner Heimatstadt, von denen man nichts weiß. Sein Bemühen: den vorletzten Platz in der Welt einzunehmen. Der letzte war ja schon vergeben. Den hatte Jesus am Kreuz. Aber der vorletzte war vielleicht noch frei. Keine bedeutende Rolle spielen, kein Großer und Mächtiger sein in Kirche und Welt, sondern "ein kleiner Bruder Jesu mitten unter den Armen" - das wollte er versuchen. Als Einsiedler lebte er bei den Tuaregstämmen in der Wüste Sahara. Dort wurde er 1916 in den Wirren des ersten Weltkriegs ermordet. Unter seinen Papieren fand man Pläne zu einer Ordensgründung. Niemand hatte sich ihm zu seinen Lebzeiten angeschlossen. Aber 17 Jahre nach seinem Tod zündete die Idee, und heute gibt es "die kleinen Brüder" und "kleinen Schwestern" überall in der Welt - auch in unserem Bistum, in Duisburg-Marxloh. Dort hat einer der Brüder jahrzehntelang unter Tage auf einer Zeche gearbeitet. Er war und ist den Türken ganz nah, die dort die Mehrheit der Leute bilden. Da wird deutlich, wie der Geist von Charles de Foucauld heute noch lebendig ist: Jesus "auf den billigen Plätzen der Welt" still und unaufdringlich präsent zu halten.

Das ist die erste Geschichte zum Einstieg. Die zweite, ganz kurze kommt aus dem Judentum. Ein Mann ging zu seinem Rabbi und fragte ihn: "Warum nur ist Gott heute so schwer zu finden?" Der Rabbi antwortete: "Weil sich niemand mehr so tief bücken will!"

Die Menschen wollen nach oben. Gott aber will nach unten. In Jesus, hin zu den Menschen. "Er wurde wie ein Sklave – und den Menschen gleich", heißt es bei Paulus.

Haben wir Christen diese Bewegung Gottes, seinen "Abstieg" wirklich ernst genommen? Haben wir Gott nicht immer nur "oben" gesucht, auf dem Thron, bei der Macht, in Glanz und Gloria? Gott - immer der König, nie der Obdachlose? Statt uns "zu bücken" und ihn "unten" zu suchen, - auch in unserem eigenen vergänglichen, schwachen Menschsein?

Einmal im Jahr haben wir den "Gott unten" vor Augen: In der Weihnachtskrippe. Das Kind in der Krippe! Wie, so arm kam Gott daher? Franz von Assisi, im Mittelalter, war der erste, der eine Krippe aufstellte. Er war ja vom armen Jesus zutiefst beeindruckt. Deshalb hatte er sich vom Luxus seiner reichen Kaufmannsfamilie getrennt, hatte sich "gebückt" und so die Armen seiner Zeit als seine Brüder und Schwestern gefunden. In unserer Zeit sind es Menschen wie Mutter Teresa aus Kalkutta in Indien. Auch sie "bückte sich" als junge Nonne und entdeckte Gott in einem verlassenen Kind, irgendwo im Dreck, ausgesetzt im Müll. Sie entdeckte Gott im Leib und Leben von Kranken und Sterbenden.

Sie merken: Das ist eine andere Art der Gotteserfahrung, der Jesusnähe als die übliche. Sonst setzen wir bei der Gottesnähe lieber auf die Schönheit: prächtige Kirchen, erhebende Liturgie, großartige Natur, harmonisches Gemeindeleben.

Ich möchte nun "Gott in der Schönheit" und "Gott in der Kleinheit und Armut" nicht gegeneinander ausspielen. Wir haben verschiedene Zugänge in unserem Leben, in denen uns Gott unterschiedlich begegnet - sozusagen in ganz verschiedener Beleuchtung. Aber von diesem zutiefst christlichen und evangeliumsnahen "Gott in der Armut" ist bei uns selten die Rede. Die Aufstiegslust der Menschen verdrängt den Abstieg Gottes. Daher hat man Mutter Teresa auch wie ein achtes Weltwunder bestaunt: weil so ein Einsatz überaus selten ist, "weil sich niemand mehr so tief bücken will."

Könnte es sein, dass die Kirche in ihren derzeitigen Verlusten und in ihrem "Absturz" sozusagen mit der Nase auf den "Gott in der Armut" gestoßen wird? Dass sie selber "arm" wird in jeder Hinsicht und sich vom alten Glanz und Gloria verabschieden muss? Darf man hoffen, dass sie sich ausrichtet an Krippe und Kreuz und an Leitbildern wie Franz von Assisi, Mutter Teresa und Charles de Foucauld? Christen, die wirklich "brennen", die wirklich nach Gott suchen und fragen, strahlen aus - auch wenn es nur wenige sind in einer "kleinen Herde". Aber vielleicht müssen wir erst einmal durch eine Durststrecke, durch die Wüste hindurch. Vielleicht werden sich die Leute bald nicht mehr abspeisen lassen mit Unterhaltung und Ablenkung, mit Achselzucken auf die Sinnfrage, mit Informationsbergen, die keiner mehr verdauen kann. Vielleicht suchen immer mehr nach Orientierung, nach Weisheit, nach Durchblick und fragen neu nach der Wahrheit. Gibt es etwas Unbedingtes, etwas Letztgültiges - oder ist alles gleichgültig? Alles nur eine Sache menschlicher Vereinbarungen? Gibt es die Wahrheit, heißt sie vielleicht Gott? Werden wir Christen dann da sein, zur Stelle sein - als Gesprächspartner? Mit den Geschichten und mit den Feiern, die für uns wegweisend sind? Mit der Bibel, mit Jesus Christus, mit den großen Zeugen der Wahrheit?

Liebe Schwestern und Brüder, ich hoffe sehr darauf. Bis dahin bleibt als Anstoß zum Weiterdenken und als Weghilfe das Wort des jüdischen Rabbi: Warum Gott so schwer zu finden ist? Weil sich niemand mehr so tief bücken will.