Durch die enge Tür

Predigt am 25.08.2019

Weltweit brannten und brennen Kirchen. In manchen muslimischen Ländern, aber auch in Indien, in Sri Lanka, in Indonesien. Christen leben dort oft in Angst und Schrecken. Sie spüren hautnah: Ihr Glaube ist gefährlich, lebensbedrohlich. Schon immer erlebten sie sich in diesen Ländern als "Bürger zweiter Klasse". Viele waren benachteiligt und diskriminiert. Aber jetzt: oft der blanke Terror. Und das nur, weil Menschen zu ihrem Glauben stehen und sich damit nicht verstecken. Und das nur, weil sie anders sind - eine Minderheit.

Unsere Situation in Westeuropa ist ganz unterschiedlich. Dass es gefährlich ist, seinen Glauben zu bekennen, das haben wir in den Jahrzehnten nach Hitler nicht erfahren müssen. Wir haben ihn in aller Freiheit und im Frieden leben können. Gott sei Dank! Das Glaubensleben war gesetzlich geschützt, gesellschaftlich anerkannt. Es war geradezu privilegiert. Hier bei uns wuchs daraus eine andere Gefahr: im eigenen Glauben so "verwöhnt", so wenig gefordert und herausgefordert, so satt zu sein, dass der Glaube in seinem Wohlleben sozusagen "schläfrig" wurde, erschlaffte, saft- und kraftlos wurde. Die beiden letzten Päpste haben aus unterschiedlichem Blickwinkel immer wieder darauf aufmerksam gemacht: Papst Benedikt unter dem Stichwort "Verweltlichung" und Papst Franziskus unter dem Stichwort "Kirche für die Armen, ja arme Kirche" - also eine Kirche, die nicht um sich selber kreist, sondern auf die Menschen bezogen ist, besonders die "an den Rändern", die, die arm dran sind.

Ein neuer "Typ" von Glauben ist heute bei uns auf dem Vormarsch. Ich überzeichne ihn jetzt etwas: ein Glaube, der "angenehm" ist wie eine Entspannungsmassage. Das Leben ist schon kompliziert genug mit allem Stress und allen Problemen - da soll der Glaube guttun, entlasten. Er soll nur geben, positive Gefühle, aber er soll möglichst nichts fordern, nichts kosten - auch keine Mühe. Glaube soll da so etwas sein wie eine Oase zum Durchatmen, zum Aufatmen. Glaube (oder Spiritualität, wie man dann lieber sagt) soll mich zur Ruhe bringen, zu mir selbst. Nicht das Kreuz Jesu ist z.B. in den Geschäften, etwa in unserer Buchhandlung, zu sehen und zu kaufen, sondern der sitzende Buddha mit seinem Lächeln und seiner Ausgeglichenheit. Der wird für viele zum Leitbild. Und der Dalai-Lama: auch lächelnd und ausgeglichen. Die Mühe und Übung, die hinter diesem Lächeln und dieser Gelassenheit steckt, wird eher übersehen - die Disziplin in der Meditation, das Ringen um Verzicht und Loslassen. Man sieht auf das Ergebnis und möchte es auch haben. Möglichst schnell! "Was gibt mir das?", ist oft die Zugangsfrage, und nicht: "Was muss ich dafür tun?"

Dabei sagt die Erfahrung doch: Nichts fällt vom Himmel. Alles will eingeübt werden. Wer Klavier spielen und nicht bloß herumklimpern will, muss täglich üben. Eine alte Großmutter unterhält sich mit ihrem kleinen Enkel. Der versucht, gut zu sein, aber es klappt nicht so einfach. Immer wieder fällt er dabei auf die Nase. Er ist enttäuscht, dass das Gutsein so schwer ist. "Ja," sagt die Oma versonnen, "beim Gutsein muss man viel üben!" "Hast du auch viel üben müssen?", fragt der kleine Enkel. "Ich übe immer noch", sagt die Großmutter. Ja, man muss viel und lange einüben in Sachen Glauben, Hoffen und Lieben. Jesus drückt das aus in dem Satz des heutigen Evangeliums: "Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen!"

Man muss üben, lebenslang. Mit allen Kräften. Das Gottvertrauen, das Gebet, die Liebe zum Nächsten, das Leben mit der Kirche - alles will eingeübt sein. Wer glauben will, muss den Glauben auch ernst nehmen, muss möglichst konsequent sein. So "ein bisschen Glaube", ein kleines Sahnehäubchen auf dem Leben - ein bisschen Glaube als Verzierung für festliche Stunden - das reicht nicht, das gibt dem Leben nicht die Kraft und die Würze.

"Was nichts kostet, ist auch nichts wert!" Was nie meine Kraft, mein Interesse, meine Zeit und meine Liebe gekostet hat, ist für mich auch nichts wert. Das sagt die Erfahrung, und sie gilt auch für den Glauben. Der Glaube steht im Zeichen des Kreuzes. Das Kreuz sagt uns: Die Liebe zum Menschen hat Jesus das Leben gekostet! "Drunter" hat er es nicht getan! Das ist die "enge Tür" im Evangelium.

Gewiss kann und wird der Glaube auch eine Oase im rauen Alltag sein, ein Ort des Auftankens und der Ermutigung - ein Ort, wo ich nicht ständig etwas leisten muss. Aber es braucht auch die "enge Tür": die heilsame Unruhe, dass ich mich nicht vorschnell mit meinem Leben und meinen Fehlern zufriedengebe. Die Unruhe, die mich vor bequemer Trägheit bewahrt, vor geistigem Stillstand. Zum Nulltarif ist ein erwachsener Glaube nicht zu haben. Er "kostet" Einüben, Zeit, Anstrengung, Nachdenken und oft genug den Kampf mit dem "inneren Schweinehund", der die allerbequemsten Wege gehen will.

"Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen!" Fördern und fordern, wie es heute in der Erziehung heißt. Herausfordern: das ist der Weg Jesu. Um Überforderungen geht es dabei nicht. Es geht darum, dass wir das tun, was wir können - nicht mehr und nicht weniger. Und dass wir merken: Wer gibt, der empfängt. Wer gibt, der empfängt Sinn und Zufriedenheit - Früchte, die uns guttun. So wird auch das strenge Wort von der "engen Tür" zur Frohen Botschaft. Wenn du dich nicht einrichtest in einem bequemen, selbstbezogenen Leben, wenn dich die "enge Tür" dazu bringt, entschiedener und bewusster den Weg mit Gott und den anderen zu gehen, dann wird dein Leben reicher und dein Glaube erfüllter. Dann erntest du die guten Früchte.