Sea Watch - Samariter*innen

Predigt am 14.076.2019

Sagt Ihnen der Name Carola Rackete etwas? Immer noch ist sie in den Schlagzeilen: die junge deutsche Kapitänin. Sie hat in Seenot geratene afrikanische Flüchtlinge auf ihr Schiff genommen und in Lampedusa an Land gebracht. Darf sie nicht, sagt der italienische Innenminister. Sie wurde verhaftet und dann freigelassen. Jetzt erwartet sie ihren Prozess, wahrscheinlich muss sie mit einer hohen Geldstrafe rechnen. Eine Gesetzesbrecherin? Oder eine Heldin? Der Typ "barmherziger Samariter" heute?

Wer ist denn nun mein Nächster, fragt der Schriftgelehrte im Evangelium. Ich höre heraus: Das hat doch wohl seine Grenze mit der Nächstenliebe! Klar: die Familie gehört dazu. Für die fühlte man sich mit verantwortlich. Dann die Freunde, die Nachbarn. Die, die einem Gutes getan haben. Äußerste Grenze: der Stammes- oder Volksgenosse. Offensichtlich möchte der Schriftgelehrte Grenzen ziehen: Bis dahin und nicht weiter!

Nicht nur der Schriftgelehrte dachte damals so. Heutige Menschen singen vielleicht lauthals das Lied mit "Zieh den Kreis nicht zu klein"! Aber wenn es dann drauf ankommt im wirklichen Leben, dann fallen die Kreise doch oft bescheiden aus! Man bleibt meist unter seinesgleichen, im engeren Kreis, in der Familie, bei Bekannten und Freunden.

Das ist nicht die Kreisbildung, die Jesus im Sinn hat. Jesus mit seinem göttlich und menschlich riesigen Herzen zieht den Kreis sehr groß. Er ist einer, der die sichtbaren und unsichtbaren Grenzen unterläuft. Im Meer ertrinkende Afrikaner würde er heute als Nächste vorstellen. Seine Hauptperson und sein Held im Gleichnis ist ein Mann aus Samarien. Ein Samariter. Mit den Leuten von dort wollten die Juden nichts zu tun haben. Mit denen sprach man nicht. Das waren "Ketzer", die den eigentlich gemeinsamen Glauben anders auslegten. So standen die Samariter eindeutig "außerhalb des Kreises"! Und es ist schon sehr stark, dass Jesus einen dieser Fremden, dieser Feinde zur Lichtgestalt im Gleichnis macht. Stellen Sie sich einen Rabbi im heutigen Israel vor: Was würde der erleben, wenn er einen Palästinenser, einen Araber in seiner Ansprache so ideal wie den Samariter zeichnet, so barmherzig, während die eigenen religiösen Vertreter: Priester und Levit kalten Blicks vorbeirauschen und nicht an Hilfe denken.

Der Samariter hatte "Mitleid" mit dem Verletzten. Unserer Sprache fehlt das passende Wort. Mitleid klingt so rührselig und flach, Barmherzigkeit so altmodisch. Gemeint ist, dass das Leiden eines anderen Menschen mich ganz tief im Herzen berührt - so tief, dass ich dem Leidenden beim Tragen und Ertragen helfen will. Dass mir alle Ausreden unmöglich werden. Dass ich nicht sagen kann: Das geht mich nichts an. Ich bin nicht zuständig. Dazu sind Fachleute da. Der da ist nicht mein Bruder, ist nicht mein Nächster. Der da gehört nicht in den Kreis.

Bald nach seiner Wahl 2013 ist Papst Franziskus nach Lampedusa gefahren. Seine erste größere Reise als Papst führte ihn nicht in die Zentren der Macht, sondern an die Ränder, an die Bruchstellen der Welt. Dort landen die Bootsflüchtlinge aus Afrika, wenn sie Glück haben. Andere sind schon unterwegs gekentert und ertrunken. Der Papst weiß, wie Europa offiziell dazu steht: wie Priester und Levit im Gleichnis: die sahen das Elend und gingen vorüber. Eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Elend macht sich breit, und sie hat ihre Ausreden: Das Boot Europa ist voll. Oder: Die Seenothelfer unterstützen die Schlepper. Der Papst hat damals in Lampedusa sehr eindringlich, geradezu prophetisch gesprochen: Gott fragt wie am Anfang: "Wo ist dein Bruder?"

Wir haben weithin den Sinn für brüderliche Verantwortung verloren. Vielleicht denken wir angesichts des Halbtoten am Straßenrand "Ach, der Arme!" und gehen auf unserem Weg weiter. Die Wohlstandskultur macht uns unempfindlich. Sie lässt uns wie in Seifenblasen leben, in Illusionen, und führt uns in die Gleichgültigkeit. Ja, wir geraten in die Globalisierung der Gleichgültigkeit! Wir haben uns an das Leiden der anderen gewöhnt, es berührt uns nicht, wir weinen nicht mehr, es geht uns nichts an! Der Papst hat dort vor sechs Jahren einen Buß-Gottesdienst gehalten. Er hat um Vergebung gebeten für alle, die sich im eigenen Wohlstand einschließen und in dieser "Seifenblase" abstumpfen und ihr Herz betäuben. Die Frage Gottes aus den ersten Seiten der Bibel wird neu gestellt: "Kain, wo ist dein Bruder Abel - wo ist dein Nächster?" Das bleibt eine der ganz großen Anfragen Gottes an die Menschheit, an uns.

Der fremde Reisende aus Samarien hat eine Antwort gefunden. Er sieht den Verletzten und lässt, was er sieht, in sein Herz. Dann "geht er hin zu ihm" - und nicht vorüber. Er leistet "erste Hilfe", bringt ihn zu einem Ort der Hilfe, der Herberge, und bittet einen anderen, den Wirt, um weitere Pflege. Er "spannt andere ein" in die Hilfe. Das alles ist nicht nur gut gemeint, sondern auch gut gemacht! Mit Herz und Verstand, mit Händen und Füßen, mit seiner ganzen Person weiß der Samariter zu helfen.

Und er erinnert darin an Jesus. Die Christenheit der ersten Jahrhunderte hat Jesus mit dem Samariter verglichen, dem Außenseiter und Fremdling mit dem barmherzigen Blick. Auch Jesus sieht die Kranken und Unglücklichen an und wird in seinem Inneren vom Mitleiden gepackt. Für Jesus sind die Menschen insgesamt verletzt und verletzlich, "unter die Räuber gefallen", am Boden liegend, unerlöst. Priester und Levit können oder wollen ihnen nicht helfen - d.h. das Gesetz und der Kult richten sie nicht wieder auf. Da muss die Liebe selbst kommen, Gott selbst muss kommen in seinem Sohn, in seiner Barmherzigkeit, und die verletzte Menschheit heilen und erlösen. Und in die Herberge bringen, zur weiteren Pflege. Herberge: das ist ein Bild für die Kirche. Da soll weiter gesorgt werden, da soll Zeit zur Heilung sein, da soll der verletzte Mensch mit seinen Lebenswunden "in guten Händen sein", gut aufgehoben.

Wo komme ich selbst vor in dem Gleichnis Jesu? Manchmal war ich der Verletzte. Oftmals ein Vorübergehender, der nicht sah und nicht sehen wollte. Manchmal der Samariter. Ich möchte mich sehen können im Personal der Herberge. Ich möchte mich sehen können in einer Kirche, in der Gottes- und Nächstenliebe sich miteinander verbinden.