Der gesellige Gott

Predigt am Dreifaltigkeitssonntag 16.06.2019

"Du musst aber ganz schön einsam sein," schreibt eine Achtjährige in den berühmten "Kinderbriefen an den lieben Gott". Vielleicht hat sie ihren Vater mal sagen hören, je höher hinauf, desto einsamer würde es. Der Vater hat dabei wohl an die Bundeskanzlerin und an den Papst gedacht, die beide in ihren hohen Stellungen vermutlich einsam sind. Noch höher hinauf - denkt das Kind. Es denkt an Gott. Christen kennen dieses Thema. Sie sprechen von der "Dreifaltigkeit" und verkünden damit nicht einen einsamen Gott, sondern die "gesellige Gottheit" - mit den drei Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist. Einsamkeit kommt da nicht auf!

Die anderen Religionen sehen es anders. Sie glauben entweder nur an einen einzigen Gott, oder sie glauben an viele Götter, wie die Hindus. Entweder - oder! Am meisten macht heute der Islam von sich reden. Wie das Judentum kommt er aus der Wüste. Ein Gott wird in der Wüste geglaubt - ein Gott, der allein wahr ist, der allein Gehorsam fordern darf, der keine fremden Götter neben sich duldet. Kritiker sagen, dass ein solcher Glauben zu Intoleranz, zu Rechthaberei und Gewalt führt. Andere Glaubensarten gelten dann als falsch, als unwahr, als Gegner, die man bekämpfen und bekehren muss. Gott erscheint da als ein "eifersüchtiger" Gott, der sich abgrenzt und zum Kampf gegen die "Ungläubigen" ruft. Ein strenger Monotheismus! Alles, was mit "mono" beginnt, so sagen die Kritiker weiter, ist überholt: Die Monarchie, d.h. die Herrschaft eines Einzelnen, etwa eines Kaisers. Stattdessen zählt Demokratie. Der Monolog, die Dauerrede eines Einzelnen. Stattdessen suchen wir den Dialog. Und dann eben auch der strenge Monotheismus. Stattdessen - ja, was stattdessen?

Wir Christen sagen: Stattdessen der Glaube an den dreifaltigen Gott! Ein Gott in drei Personen, zwischen denen Liebe fließt, Beziehung, engste Gemeinschaft! Einer beziehungsarmen und oft liebesleeren Zeit wird damit ein beziehungsreicher Gott vorgestellt. Dreifaltigkeit - das ist kein Wort aus dem Museum, kein überholter Begriff der Vergangenheit - im Gegenteil! Es sagt: Gott ist nicht wie ein unnahbarer, einsamer Monarch auf seinem Thron, er lebt nicht - bildlich - einsam und allein, sondern er lebt sozusagen in "Wohngemeinschaft": ein "geselliger Gott". Er ist die Liebe. Diese Wohngemeinschaft ist der Himmel. Ich hoffe, da - nach meinem Tod - auch einziehen zu dürfen in diese große WG. Als Hölle stelle ich mir dagegen völlige Lieblosigkeit und Einsamkeit vor.

Mit jedem Kreuzzeichen, mit jedem Gebetsanfang treten wir an "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes". Jesus schickt die Jünger aus und sagt ihnen, sie sollten taufen in diesem Namen. Die Kirche hat dann rund vierhundert Jahre gebraucht, um weiterzudenken, was das heißt: ein Gott, aber in drei Personen - der Vater, der Sohn Jesus Christus und der Heilige Geist. Sie hat sich damit tief ins göttliche Geheimnis hineingedacht, hat sich auf Worte Jesu gestützt, wie sie vor allem im Johannesevangelium vorkommen, etwa: "Ich und der Vater sind eins." Der Sohn, Jesus Christus, ist nicht nur ein Prophet, ein von Gott überzeugter Prediger wie viele andere, ein religiöses Genie - er ist eins mit dem Vater! Welcher Mensch sonst könnte das von sich behaupten?

Kommunion, Gemeinschaft - das ist nach Gottes Art. Gott ist Liebe, weiß die Bibel: Liebe, die sich mitteilt, die aus sich herausgeht, die sich verströmt in die Schöpfung hinein. Warum hat Gott die Welt erschaffen? Die Kirchenväter sagten: Es gibt die Welt, weil Gott ein Gegenüber wollte, das er lieben kann. Wie geht denn lieben, wenn nichts und niemand da ist, den man lieben kann. Und so hat Gott uns Menschen in einen Bund der Liebe, in eine Freundschaft gerufen. "Ihr Freunde Gottes allzugleich" - singen wir und meinen nicht nur die Heiligen, sondern auch uns selbst!

Das wird mir immer ganz bewusst bei den Trauungen und Hochzeiten in der Kirche: Gott ist der Erfinder und der "Weltmeister" der Liebe. Er ist das Modell: er, der dreifaltige Gott. Wir sind sein Ebenbild - nicht geschaffen und gemeint als einsame, abgekapselte, in sich verschlossene Einzelkämpfer, jeder nur für sich. Wir sind geschaffen füreinander und miteinander! Ohne den Anderen könnte ich nicht sein. Ohne die Liebe würde keiner von uns existieren. Dazu gehört auch, dass man den Anderen in seinem Anderssein respektieren und schätzen kann. Wenn alle gleich wären - wie schrecklich! Dann brauchte keiner den anderen - der Mann nicht die Frau und die Frau nicht den Mann. Erst der "Andere" kann uns ergänzen und herausfordern und korrigieren. Und so entsteht eine Einheit unter den Verschiedenen: in großer Vielfalt, im Miteinander, im Austausch und in der Ergänzung - so ist es in der Familie, so ist es in der Kirche, so ist es in der Ökumene. Überall wirkt das göttliche dreifaltige Modell der Liebe weiter.

"Malt ein Bild von Gott," bittet der Religionslehrer in der Grundschule. "Kann ich nicht", sagt ein Junge, "ich habe keinen Goldstift dabei!" "Ich nehme alle Farben", meint ein Mädchen, "ganz bunt soll das Bild werden." Ein buntes, vielfältiges, "dreifaltiges" Bild. Nicht bloß der Goldstift, sondern der ganze Farbkasten. Vielleicht ist unser persönliches Gottesbild nicht so vielfarbig, sondern mit dem Goldstift der Macht und des Glanzes gemalt oder in Schwarz-Weiß gehalten. Aber der Geist der Wahrheit hat seine Wege, uns "in die ganze Wahrheit zu führen".