Dass alle eins sind

Predigt am 02.06.2019

Stellen Sie sich vor, Sie wüssten: Morgen bin ich tot. Wie sähe dann Ihr Abendgebet aus? Da würden Sie wohl kaum beten um gutes Wetter für den nächsten Ausflug. Da ginge es wohl nur noch um die Dinge, die einem ganz wichtig sind. Da erzählt man keine Belanglosigkeiten mehr.

Genau so ist das bei Jesus. Das Evangelium von heute (Joh 17,20-26) ist Teil eines langen Gebetes Jesu im Abendmahlssaal. Da weiß er: Morgen um diese Zeit lieg ich schon im Grab. Das Ende ist nah. Und so redet Jesus in seinem Abschiedsgebet nicht irgendetwas, sondern spricht aus, was ihm wirklich am Herzen liegt. Und das ist: "Vater, lass sie eins sein. So wie du in mir bist, so sollen sie eins sein: Ich in Ihnen und du in mir". Das ist also sein letzter Wunsch. Und warum? Damit die Welt glauben kann! Die Welt, die Außenstehenden erfahren Glauben nicht durch eine Predigt. Sie müssen spüren können, dass wir, die Christen, die Kirche, die Gemeinde eins sind. Das ist das stärkste Glaubenszeugnis für die Welt, die solche Einheit nicht kennt, sondern von Spaltung und Polarisierungen geprägt ist. Und darum ist die Einheit ein so unglaubliches Zeichen.

Als die frühen Christen den Glauben im Mittelmeerraum ausbreiteten, half ihnen eines: die Einheit. Da saßen z.B. Sklaven und Herren am gleichen Tisch - wie Brüder und Schwestern. Zwar blieb der Herr Herr und der Sklave blieb Sklave. Die Klassenunterschiede wurden nicht einfach aufgelöst. Und dennoch waren sie auf einer anderen Ebene Brüder und Schwestern und saßen am gleichen Tisch. Das hat damals überzeugt. Vielleicht ist das die größte Schwäche in der heutigen Christenheit, dass wir Kirchenspaltung hinnehmen und es oft nicht gelingt, Uneinigkeit und Polarisierungen in unseren Gemeinden zu bearbeiten. Es müsste unser erstes Anliegen sein, im Gespräch zu bleiben und Einheit zu leben.

Damit wir Jesus nicht missverstehen mit seinem Anliegen der Einheit: Einheit bedeutet nicht Gleichmacherei. Einheit bedeutet nicht, dass jetzt alle eine Uniform anziehen: Im Gleichschritt Marsch, römisches Tempo. So nicht! In der Einheit, die Jesus meint, kann jeder unverwechselbar er selbst bleiben. Aber er ist eingeladen, "einmütig" mit den anderen zu leben. Vielleicht können wir das mit einem Chor vergleichen. Die Leute im Chor singen ihre Stimme - singen Sopran oder Alt oder Tenor oder Bass. Und als Ganzes kommt ein Wohlklang dabei heraus, eine Harmonie, die die Menschen erfreut. Es klingt gut.

Man könnte es auch so sagen: Die Einheit der Kirche im Sinne Jesu ist vergleichbar mit einem großen Sinfonieorchester. Da sitzen in einem großen Orchester sechzig oder hundert Musiker, und es klingt! Wenn das ganze Orchester vorher dabei ist, die Instrumente zu stimmen, jeder seine eigene Stimme, dann klingt das wie das Gejaule von Hunden. Aber in dem Augenblick, wo der Dirigent seinen Taktstock hebt und den Einsatz gibt, da kommt auf einmal ein Zusammenklang heraus, eine Harmonie - und alle freuen sich.

Natürlich gibt es auch in jedem Orchester einen, der die erste Geige spielt, und welche, die immer auf die Pauke hauen. Die sind auch in Gemeinden zur Stelle. Aber derjenige, der die Pauke schlägt, muss genau wissen, wann ein starker Paukenwirbel dran ist und wann er nur zart und leise der Pauke einen Ton entlockt. Und wer im Orchester die erste Geige spielt, muss wissen, wann er dran ist und wann für ihn Pause ist.

Im Orchester mit den vielen Instrumenten ist es so: Alle schauen auf Einen, auf den Dirigenten. Und der hat das Ganze im Blick, und der gibt jeder Stimme den Einsatz, der entscheidet über das Tempo, über den Takt. Und so einen Dirigenten gibt es in der Kirche auch. Nicht der Pfarrer, auch nicht der Papst! Dieser Dirigent ist Jesus Christus, der das Tempo festlegt, der die Einsätze gibt, jedem so wie es für ihn notwendig ist.

Und noch etwas ist wichtig, damit dieses Ganze, diese Einheit gelingen kann - genau wie bei einem großen Orchesterwerk. Das ist im Konzertsaal eine Selbstverständlichkeit, aber in den Gemeinden nicht immer: nämlich, dass alle das gleiche Stück spielen. Stellen Sie sich vor, die ersten Geigen würden sagen: wir spielen die "Kleine Nachtmusik" von Mozart, die Trompeten würden beschließen: wir spielen die 5. Sinfonie von Beethoven, und die Holzbläser hätten die Noten der "Unvollendeten" von Schubert dabei. Was soll dabei rauskommen? Aber in unseren Kirchen und Gemeinden, da spielt gern jeder sein eigenes Stück: A ist katholisch-modern, B ist konservativ, C ist charismatisch, D ist polnisch-marianisch geprägt. Und so hat jeder seine Richtung, die er vertritt. Jeder spielt sein eigenes Stück, ohne größere Rücksicht darauf, was die anderen machen. Wie soll denn dabei eine wirkliche Einheit herauskommen? Nein, es ist wichtig, dass wir uns gemeinsam als Kirche und Gemeinde darauf einigen: Es gilt, ein Stück zu spielen. Übrigens heißt dieses Stück ganz schlicht: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen." Das ist das Stück, das wir zu spielen haben. Und wenn wir so Gott ehren und dadurch beitragen zum Frieden in dieser Welt, dann haben wir die richtige Partitur! Und dann kann es durchaus sein, dass der eine die 'Melodie' spielt "Geheiligt werde dein Name", und der andere spielt die 'Melodie' "Dein Reich komme", ein dritter spielt: "Vergib uns unsere Schuld". Und ein Vierter spielt vielleicht die 'Melodie' "Unser tägliches Brot gib uns heute", die Sorge auch um den vollen Magen für die Menschen, die Hunger leiden. Es kann durchaus sein, dass in der Kirche verschiedene 'Melodien' gespielt werden, aber wir haben alle dieses eine im Blick, worum es geht: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen". Und wo wir uns darauf geeinigt haben und nicht mehr nur eine Clübchenwirtschaft betreiben, da sind wir ein Zeugnis für die Welt.

Diese Einheit kann man im Letzten nicht machen. Um diese Einheit muss man beten. Und darum nennt man diese Tage zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten auch Bitt-Tage, wo wir in der Kirche z.B. um die Einheit der Christen beten - und um das Kommen des Heiligen Geistes, weil er allein uns zusammenbinden kann.

Gebunden im Heiligen Geist, den Blick gerichtet auf den 'Dirigenten', auf Christus - und alle spielen das gleiche Stück "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen".

Es kann sein, dass die Welt dann eher glauben kann.