Osterpredigt

Predigt am 21.04.2019

Vor kurzem, es war ein warmer Tag, ging ich trotz der Fastenzeit ein Eis essen. Die Kellnerin im italienischen Eissalon kannte mich und flüsterte dem Kollegen hinter der Theke zu: "il prete, der Priester, ist gekommen." Den ließ das ziemlich kalt, er musterte mich kurz, und dann hörte ich ihn antworten: "Weißt du, der Glaube ist eine Sache, aber die Kirche ist eine andere Sache!"

Ja, das sagen viele, vor allem in diesen Zeiten. Bei den kirchlichen Nachrichten der letzten Monate möchte man am liebsten in Deckung gehen! Die Kirche steckt fest in einer tiefen Krise der Glaubwürdigkeit und des Vertrauens. Das geht wirklich ans Herz der Kirche! Ich erlebe diese Zeit oft wie ein Fegefeuer. Ich frage mich, was Gott uns damit sagen will. Sicher will er Wahrhaftigkeit und keine Verschleierung, sicher will er Heilung für die Opfer und Umkehr der Täter und eine "Reinigung" und Erneuerung der Kirche. Er will wohl eine Kirche, die in tiefer Demut sagt: Ja, wir sind auch eine sündige Kirche - heilig und sündig zugleich. Und eine ratlose Kirche dazu, die ihren Weg in der heutigen Zeit ernsthaft und radikal bedenken will und noch besser herausfinden muss, wie sie Gott treu bleiben und den Menschen zugewandt und hilfreich sein kann.

"Der Glaube ist eine Sache, aber die Kirche ist eine andere Sache!" Ich werde dem Kellner im Eissalon dennoch niemals Recht geben! Der christliche Glaube, der Glaube an den Gott der Bibel "schreit" geradezu nach der Kirche. Er will gelebt und bezeugt werden, er will gefeiert werden. Er hält sich an einen Gott, der "süchtig", ja wirklich sehnsüchtig ist nach Beziehung, nach Gemeinschaft. Einen Gott, der darum Mensch wird in Jesus Christus, und der über den Karfreitag hinaus, über die Todesschwelle hinaus, Leben gibt. Neues ewiges Leben in Fülle - die Gemeinschaft hat kein Ende.

Und wie glaubt man daran? Jeder nur für sich, im stillen Kämmerlein? Der Kellner einsam hinter seiner Theke? Ich garantiere Ihnen: Der Glaube hat eine sehr kurze Verfallsdauer, wenn er nicht genährt und gestützt wird! Wenn er nicht geteilt und gefeiert wird! Wie feiert man den christlichen Glauben? Jeder für sich in seiner Ecke? Jeder nur im Selbstgespräch mit seinem selbst gestrickten Privatglauben? Jeder allein, hinter der Theke, hinter seinen Mauern? Glaube "schreit" nach Zusammenkommen, nach gemeinsamen Ausdrucksformen, Festen und Ritualen.

Wir können fürwahr "im Clinch sein" mit den "Herren des Glaubens" und den kirchlichen Strukturen, die sich oft so aufplustern und wichtigtun. Wir können lauter Erneuerungsvorschläge haben für das kirchliche Leben (wenn wir denn auch bereit sind, uns selbst zu erneuern). Wir können die gravierenden Mängel deutlich kritisieren, und den Hinweis, dass wir eben alle nur schwache halbherzige Menschen sind, können wir auch als Ausflucht und billige Entschuldigung abtun. Wir können die Kirche beim Wort nehmen und von ihr mehr erwarten, als sie tatsächlich lebt. Mehr erwarten auch, als was sonst in der Gesellschaft üblich ist. Denn sie kommt mit einem hohen Anspruch daher! Aber wenn es uns wirklich um den Glauben geht, können wir das alles nicht "von außen". Wir sind Teil eines "Gesprächs", Teil einer Gemeinschaft. Teil einer Geschichte, in der Menschen um den Glauben ringen, in ihm ihre Sehnsucht und ihre Hoffnung ausdrücken und sich stärken für den Weg der Liebe. Nicht immer, aber immer wieder!

Ich denke, darum kommen wir zusammen - jetzt, zu Ostern. Glaube lebt vom Feiern. Glaube lebt von der Auferstehung her. Besonders freue ich mich auf die Feier der Osternacht. Ich brauche in dieser Lage der Kirche das Licht. Das Licht der Auferstehung.

Vielleicht tun wir uns schwer damit zu verstehen, was dieses Wort meint: Auferstehung. Aber sicher verbinden die meisten von uns damit eine starke und unbedingte Hoffnung. Wir sind eingeladen zur Hoffnung - nicht zur Lähmung, nicht zur Resignation!

Am Anfang der Osternachtfeier liegt die Kirche in tiefem Dunkel. Das ist ein Zeichen für die Nacht, durch die wir hindurchmüssen. Nacht des Todes, aber auch Nacht der Schuld, der Enttäuschungen, der Ohnmacht. Nacht, in der alles nur denkbare Negative losgelassen wird auf uns - wie wir es manchmal erleben, wenn wir nicht schlafen können und schwere Träume haben. Die Nacht ist mächtig: Wir stolpern herum, wir sehen nicht klar in der Dunkelheit, sie trickst und täuscht und verschleiert. Der Dichter Matthias Claudius schreibt in seinem wunderbaren Nachtlied "Der Mond ist aufgegangen":

"Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel.
Wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
und kommen weiter ab vom Ziel."


Auch das ist die Nacht: "Luftgespinste zu spinnen", d.h. Illusionen zu nähren, Täuschungen aufzusitzen, der öffentlichen Meinung und den populistischen Strömungen blind zu verfallen. "Wir suchen viele Künste", werden schier erdrückt von der Flut der Informationen, aber vom Leben wissen wir - vielleicht - immer weniger und "kommen weiter ab vom Ziel". Wir kommen weiter ab von Gott, kommen weiter ab auch von den Menschen, die wir oft genug nur "gebrauchen" und für unsere eigenen Zwecke einspannen. "Die Wüste wächst", die Beziehungslosigkeit wächst und die Vereinzelung. Es ist wie in der Geschichte vom verlorenen Sohn: Er lebt in der Fremde. Freunde sind nur da, solange sie von ihm profitieren können. Schließlich landet er bei den Schweinen. Das ist kein Leben, das ist allertiefste Nacht. Und darum sagt der Vater hinterher, nach der Heimkehr des Sohnes: "Siehe, mein Sohn war tot - und ist wieder lebendig geworden!"

Die Finsternis ist mächtig. Auch in der Osternacht. Aber dann wird ins Dunkle ein Licht hineingetragen, die Osterkerze. Und immer mehr brennende Kerzen kommen dazu, immer mehr Licht: Christus lebt! Der Auferstandene geht auf wie der Morgenstern. Und gibt Licht, freie Sicht, einen neuen Ausblick - und Hoffnung.

Die Osternacht ist ein Ende, aber mehr noch ist sie ein Anfang. Anfang einer neuen Weise zu leben, in den Spuren Jesu. "Jesus hat sterbend seinen Verfolgern vergeben," sagt ganz am Schluss der Held im Film "Ben Hur". "Und auch ich werde jetzt das Schwert der Rache aus der Hand legen!" Und so wird die Nacht entschärft. "Tod, wo ist dein Stachel?", fragt Paulus. Denn die Nacht des Todes hält den toten Jesus nicht. Er ist nicht zum ewigen Tod, sondern zur ewigen Liebe bestimmt. Und wir mit ihm!

Aber die Nacht bleibt mächtig. Das Tödliche und zutiefst Böse kann weiter über uns zusammenschlagen, das Kreuz wirft einen langen Schatten. Aber eines ändert sich auf jeden Fall: In die Nacht scheint ein Licht. Die reine Dunkelheit ist gespenstisch und unheimlich. Das Licht Christi lässt uns neue Wege sehen, es ist wie ein Kompass der Hoffnung. Das Unheimliche weicht dem Geheimnis Gottes, in dem wir "wohnen dürfen - wie in einer Heimat" (Paul M. Zulehner).

Um das Licht einer Glühbirne, draußen in der Nacht, sammeln sich die Motten. Um das Licht Jesu Christi sammeln sich die Christen. Wir empfangen das österliche Licht und geben es weiter an andere. So ist es gedacht. So ist Kirche gedacht: wie eine Lichterkette. Was ist da mit dem Licht in unsere Hand gegeben! Wir können das Licht verdunkeln und auslöschen - und wir können es strahlen lassen. Das Licht ist wirklich "in unserer Hand". Gebe Gott, dass die Strahlkraft des Glaubens jetzt zu Ostern neu gestärkt wird! Gebe Gott, dass unser Kellner hinter seiner Eistheke beim nächsten Mal sagen kann: "Glaube und Kirche - das gehört doch zusammen!"