Das Feuer von Notre Dame

Predigt am 19.04.2019

Zu Karfreitag habe ich in den letzten Jahren öfter Aktuelles aus Frankreich erzählt, so im letzten Jahr von einem französischen Polizisten, der bei einem terroristischen Anschlag freiwillig für andere Geiseln in den Tod gegangen war.

Heute wieder Frankreich: der Brand von Notre Dame in Paris, ausgerechnet zu Beginn der Karwoche! Wie so viele Menschen in aller Welt war ich sehr bewegt von dieser Zerstörung, die in den Fernsehbildern apokalyptische Formen annahm. Ich hatte Notre Dame schon so oft besucht, diese großartige Kathedrale, das Herz von Paris. Gottseidank kein Terroranschlag, dachte ich, aber das war nur ein schwacher Trost. Das Herz der Stadt, das Herz Frankreichs zerstört? Vielleicht durch eine läppische Nachlässigkeit bei der Renovierung? Wie sinnlos das alles schien.

Aber dann sah man die Menschen von Paris. Den Präsidenten, der mit großer Bestimmtheit sagte: "Wir werden die Kirche wiederaufbauen!" Ergriffene junge Leute auf den Brücken, die Lieder der Hoffnung sangen. Eines hörte ich heraus: "Celeste Jerusalem", himmlisches Jerusalem, in dir ist die Hoffnung! So viel Energie wurde da erkennbar, so viel Liebe zu dieser Kirche Notre Dame, soviel Zusammenstehen in dieser Katastrophe.

Und ich dachte: Ja, das passt in die Karwoche! Wir Christen gedenken des Todes Jesu Christi - der Zerstörung seines Leibes und seines Lebens. Es heißt bei Johannes: Aus seiner geöffneten Seite strömen Blut und Wasser. Aus seinem Tod fließt neues Leben. Das Wasser lässt an die Taufe denken, und das Blut an die Eucharistie. Dieses Wasser und dieses Blut nähren und markieren unser Leben als Christen.

Und Notre Dame? Die Zerstörung dieser tief ins Herz geschriebenen Kirche setzt auch neues Leben frei. Die Franzosen, sonst so polarisiert, sind in dem Schmerz des Verlustes sich wieder nähergekommen. Der Präsident der laizistischen Nation, der von Amts wegen Abstand halten muss von jeder Religion, verkündet den Aufbauwillen seines Volkes. Und so mancher, der Notre Dame oder andere Kirchen niemals mehr zum Gottesdienst besucht hat, mag darüber nachdenken, was ihm das christliche Erbe, verkörpert in Notre Dame, noch bedeutet. Offensichtlich ist noch einiges an "Berührungspunkten" da.

Bei den Bildern aus dem schwer beschädigten Kircheninnern fällt mir das große goldene Kreuz auf. Unversehrt! Und das große Loch im Deckengewölbe, in das der Himmel hineinscheint, der blaue Himmel dieser Tage. Spontan dachte ich: Man sollte es nicht wieder zumauern, sondern Glas darüberlegen. In der Kirche soll der Ausblick auf den Himmel frei bleiben. Die Kirche ist Zeichen der Transzendenz. Irgendwie scheinen das ganz viele noch zu spüren. Und so wird vielleicht - auch im übertragenen Sinn - unsere Kirche, die darniederliegt, wieder aufgerichtet, wiederaufgebaut. Durch Gott, durch seine Zeichen, die uns verändern.