Gründonnerstag

Predigt am 18.04.2019

Eine Geschichte aus Indien erzählt:
Der Weise ließ sich am Dorfrand unter einem Baum nieder, als ein Bauer angerannt kam und sagte: "Der Stein! Der Stein! Gib mir den kostbaren Stein!" "Welchen Stein?", fragte der Weise. "Letzte Nacht hatte ich einen Traum," erwiderte der Bauer, "und darin wurde mir gesagt, ich würde am Dorfrand einen Weisen finden, der mir einen kostbaren Stein gibt, so dass ich für immer reich wäre!" Der Weise durchwühlte seinen Reisesack und zog einen Stein heraus. "Wahrscheinlich meinst du diesen hier," sagte er und gab dem Bauern den Stein. "Ich fand ihn vor ein paar Tagen auf einem Waldweg. Du kannst ihn natürlich haben." - Staunend betrachtete der Bauer den Stein. Es war ein Diamant - vielleicht einer der größten Diamanten der Welt. Der Bauer nahm ihn und ging weg. Die ganze Nacht wälzte er sich im Bett und konnte nicht schlafen. Am nächsten Tag weckte er den Weisen schon in der Morgendämmerung und sagte: "Gib mir den Reichtum, der es dir ermöglicht, diesen Diamanten so leichten Herzens wegzugeben."

Es gibt einen Reichtum, den man nicht sehen kann, nur spüren. In dem Märchen von den Sterntalern gibt ein Mädchen alles weg. "Und wie es so dastand und gar nichts mehr hatte, da fielen die Sterne vom Himmel, und das Mädchen sammelte sie und war reich für sein Lebtag."
Es gibt einen inneren Reichtum. Ein Mensch ist innerlich so reich, dass er alles weggeben kann, mehr als nur den großen Diamanten, selbst sein Leben.

Wir glauben an Jesus Christus, an einen Menschen, der innerlich unvergleichlich reich war. Äußerlich macht sein Leben nicht viel her, da gehört er eher der Welt der Armen an: Geburt in einem Stall. Flucht nach Ägypten. Jugend in Nazareth, das im Ruf eines "Kuhdorfs" stand. Wanderung auf staubigen Straßen, hin zu denen "an den Hecken und Zäunen". Aber innerlich: was für Schätze und Diamanten! Einen freieren Menschen hat es nie gegeben, einen großzügigeren, großherzigeren auch nicht. Ein glücklicherer Mensch hat nie gelebt, meint die Theologin Dorothee Sölle. Eine größere Liebe war nie da in der Welt, sagt eine Autorität allerersten Ranges, nämlich der Evangelist Johannes. So könnte man weiter aufzählen.

Der Apostel Paulus fasst gut zusammen:
Jesus Christus war wie Gott (d.h. er lebte in der Fülle, in der Gegenwart Gottes, er lebte wie "durchtränkt" von Gott) - und jetzt kommt ein Aber: Aber er hielt nicht daran fest, wie Gott zu sein (Er hielt nicht fest. Er konnte loslassen, er machte kein Privileg daraus, er zog sich nicht in Gott wie in eine Festung zurück); sondern er entäußerte sich (merkwürdiges Wort: sich entäußern. Wörtlich steht da in der Bibel: leer werden. Beraubt werden. Ablegen, nackt oder im ganzen kurzen Hemd dastehen: wie das Mädchen im Märchen von den Sterntalern).
Paulus weiter: Er wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Er wappnete sich nicht mit seinem göttlichen Reichtum. Er wollte damit nicht beeindrucken. Er trumpfte nicht auf damit. Auch mit seinen Wundern und Zeichen tat er das nicht; er verbot immer wieder allen, die dabei waren, darüber zu reden. Sensationen wollte Jesus nicht liefern. Am Schluss aber lieferte er sich selbst, sein Leben, und seine ganze Geschichte läuft auf den Schlusspunkt zu: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird! Hingegeben, weggeschenkt, los gelassen - nicht für sich selbst festgehalten.

Ist es verwunderlich, dass der Glaube an so einen freiwilligen Absteiger und Diener die Menschen von heute erst mal sehr irritiert und durcheinanderbringt? Sie suchen den Superstar, den Promi, und wollen "nach oben" schauen. Jesus aber bückt sich nach unten und wäscht seinen Jüngern die Füße. Verwundert es uns, dass die Fußwaschung auch nicht das ist, was alle möchten? Dass wir sozusagen erst mal tief "Luft holen" müssen bei diesem Zeichen?

Der Maler Siger Köder malt die Fußwaschung so: man sieht Jesus nur von hinten, vom Rücken her - er beugt sich über das Wasser - und sein Gesicht spiegelt sich darin. Wir finden Jesu Gesicht, wir finden Gott auch heute da, wo so etwas wie "Fußwaschung" geschieht. Da ist er dabei, da ist er drin, da spiegelt er sich - wenn wir so überrascht und erstaunt und absichtslos wie die Gerechten im Jüngsten Gericht fragen können: "Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder nackt oder gefangen gesehen und sind dir zu Hilfe gekommen?" Jesus wäscht den Jüngern die Füße. Er verschenkt sich an sie, an uns. Sein ganzes Leben ist zusammen gefasst in diesem Zeichen, genauso wie in den Worten der Wandlung über Brot und Wein.

Die Jünger, vor allem Petrus, haben damals dieses Zeichen abgewehrt. Vielleicht haben sie Gott nur im Großen und Erhabenen erwartet und nicht im Kleinen und Unscheinbaren. Nicht in der hungrigen Schwester und im durstigen Bruder und nicht im Sklavendienst der Fußwaschung. "Das ist doch das Letzte," dachten sie, "diese Fußwaschung". "Ja, das ist das Letzte, was ich euch zeigen kann", sagte Jesus. Er dient, er führt neue Tischsitten ein, er führt überhaupt neue Sitten ein. Seitdem ahnt unsereins zumindest, was das heißen könnte: Brüder und Schwestern zu sein, und Gott könnte da zu ahnen sein, wo zwei oder drei oder mehr in seinem Namen versammelt sind.

Lassen wir gleich das Zeichen der Fußwaschung auf uns wirken und danken Jesus für das, was er uns damit zeigen will.