Die Liebe rechnet nicht.
Verlorene Söhne und gute Väter

Predigt am 31.03.2019

Ich möchte mit einer Geschichte beginnen, die viele Menschen in aller Welt bewegt hat. Guy Gilbert hat sie erzählt, ein in Frankreich sehr bekannter Priester. "Rocker-Pfarrer" sagt man über ihn, weil er sehr mit schwierigen Jugendlichen und mit Strafgefangenen verbunden ist. Verbunden ist er aber auch mit dem belgischen Königshaus, das ihn in seiner sozialen Arbeit unterstützt. Bei der Hochzeit des belgischen Prinzen Laurent 2003 hat er die Predigt gehalten – und da hieß es sinngemäß:

Es ist die Geschichte der weißen Halstücher. Ein junger Mann, dreiundzwanzig Jahre alt, hatte auf unglaubliche Weise seine Eltern beleidigt. Die Familie kam nicht darüber hinweg. Der Vater sagte: "Jean, mach dass du wegkommst! Und lass dich hier niemals mehr blicken!"
Jean ging fort, todunglücklich. Er dachte immerzu: "Ich habe mich wie ein Schuft benommen! Ich muss das wieder in Ordnung bringen!" Aber er hatte Angst vor einem erneuten Rauswurf - und so schrieb er seinem Vater einen Brief: "Papa, ich bin wirklich ein Schurke gewesen! Kannst du mir verzeihen? Ich schreibe keinen Absender auf den Umschlag, nein ... Aber wenn du mir verzeihen kannst, hänge bitte an einen der vielen Apfelbäume vor unserem Haus ein weißes Halstuch. Dadurch weiß ich, dass ich wieder nach Hause kommen darf."
Einen Tag später telefonierte Jean mit seinem Freund Marc und sagte: "Marc, ich bitte dich, begleite mich. Wir fahren zu meinem Elternhaus. Fahre du den Wagen, ich bin zu aufgeregt. Lass uns sehen, ob da ein weißes Halstuch hängt. Wenn nicht, fahren wir wieder um. Dann ist der Bruch da. Aber wenn ja, dann bin ich der glücklichste Mensch auf Erden!"
Und so machten sie es. Mit vielen Ängsten und sehr beklommen saß Jean auf dem Beifahrersitz. Er hielt die Augen geschlossen, als sie in die Nähe seines Elternhauses kamen, und fragte seinen Freund: "Marc, sag, hat mein Vater das weiße Halstuch an einen Baum gehängt?" Marc antwortete: ";Nein, es hängt nicht ein weißes Tuch am Baum - Es hängen Hunderte Tücher an allen Apfelbäumen, die zum Haus führen!"

Das ist die Geschichte. Hunderte Tücher! Was für Eltern! Was für ein Vater! Wir erfahren in der Geschichte wenig über ihn. Dass er den Sohn aus dem Haus wirft, können wir wahrscheinlich gut verstehen. Die Verletzung war zu groß! Aber die Heilung, die Vergebung ist noch größer! Hunderte Tücher, die das anzeigen! Was für ein Überschwang, was für eine großzügige Barmherzigkeit!

Der Prediger Guy Gilbert hat damals seine Hörer und Hörerinnen, darunter das belgische Königspaar, zu Tränen gerührt. Viele Leute in der Kirche, so ahnte er, leben in gespannten Verhältnissen. Viele kaputte Ehen und Partnerschaften, viel erlebte Lieblosigkeit, viele berufliche und gesellschaftliche Konflikte bringen sie mit. Auch Königsfamilien und die "Upper class" sind keine heile Welt - im Gegenteil! "Seid barmherzig", wiederholte Guy Gilbert immer wieder. "Bringt Barmherzigkeit in eine unbarmherzige Welt!"

Davon spricht auch unser Gleichnis. Auch hier ein Überschwang an Freude und Versöhnung beim Vater! "Steckt dem Sohn einen Ring an den Finger! Schlachtet ein Mastkalb! Bereitet ein Fest vor!", ruft der Vater im Gleichnis aus. Die Zuhörenden wussten: Da wird von Gott erzählt. Der ist kein Richtertyp, kein Diktator, keiner, der "Heulen und Zähneknirschen" verbreitet! Und darum heißt das Gleichnis heute meistens nicht mehr: "Geschichte vom verlorenen Sohn", sondern "Geschichte vom barmherzigen Vater". Denn auf den - auf den Vater - kommt es in diesem Gleichnis an. Die Zuhörenden spürten: Gott ist so anders! Er hat andere Maßstäbe als wir! Wir, die wir vielleicht zu den "Verlorenen" gehören, wir rechnen. Rechnen wie der jüngere Sohn: Das Erbe geht hauptsächlich an den älteren Bruder. Für mich bleibt nicht viel. Den Hof kriege ich nicht. Ich habe da keine Zukunft! Dann lass ich mich lieber ausbezahlen. Oder rechnen wie der ältere Sohn: Was ist das denn? Ringe und Mastkalb und Fete für den Taugenichts? Der Alte fängt langsam an zu spinnen! Mir hat er das nie gegeben! Aber Leistung zählt wohl nicht mehr.

Ja, so rechnen die Söhne. Ziehen Bilanzen, finden sich ungerecht behandelt. Sehen den Vater nicht mehr richtig. Und sind darum "verloren". Warum hilft mir Gott nicht? Was hat er gegen mich? Anderen geht es gut. Und wo bleibe ich?

Wir rechnen oft unser Leben aus. Aber die Liebe rechnet nicht.

Eine junge Frau erzählte mir: "Ich habe in meinem Leben nur Pech gehabt. Alkoholismus im Elternhaus, viele Todesfälle in der Familie, mehrere gescheiterte Beziehungen. Ich bin immer an den falschen Mann geraten. Mit 30 hatte ich eigentlich schon mit meinem Leben abgeschlossen. Aber dann kam bald durch eine Kette von glücklichen Fügungen der Richtige! Wir haben sofort gespürt, dass wir zusammengehören. Sie können mir glauben: Mein Freund ist für mich wie ein Beweis, dass es Gott gibt!"

Ja, so zeigt sich wohl die Barmherzigkeit Gottes: durch gute barmherzige Menschen. Die zwei verlorenen Söhne - der eine verloren in der Fremde, der andere verloren und hart geworden zuhause - müssen das noch lernen. Müssen noch mehr auf den Vater schauen, müssen es "abgucken", was sie am Vater haben. Für ihn sind beide - und alle Menschen - wertvoll. Von ihm wird keiner abgeschrieben. Wer das spürt und erfährt, ist bereit für das Fest.