Jesus in der Wüste

Predigt am 10.03.2019

Das heutige Evangelium führt uns in die Wüste. Bei "Wüste" muss man nicht gleich an die Sahara denken. Für uns könnte Wüste heute heißen: nicht da sein können, wo man hinmöchte. Eingeschränkt sein, oft allein, einsam, in trostlosen Verhältnissen. Kein menschenfreundlicher Ort, kein Ort, der einem zur Heimat wird. Wüste - das sind schwierige Wegstrecken, und man hofft, dass sie schnell zu Ende gehen.

Aber "Wüste" ist nicht "Hölle". Wüste ist nicht hoffnungslos. In all den Schwierigkeiten, Härten und Versuchungen des Wüstenlebens kann man doch spüren: Die Wüste lebt und blüht sogar - und sie kann heilsam sein: ein Ort, der einen reifen lässt.

Ich finde es ermutigend, dass Jesus seinen öffentlichen Weg in der Wüste beginnt. Er flieht die Wüste nicht. Er sucht sie auf. Er strebt nicht die Idylle an, das schöne Paradies. Er geht auf Gott zu - auch in der Wüste.

Die Hörer von damals, die sich in der Bibel (AT) gut auskannten, erinnerten sich bei diesem Evangelium ganz sicher an die Wüstenzeit des Volkes Israel. Jesus brauchte 40 Tage - das Volk dagegen 40 Jahre! Das Ziel war klar: das Gelobte Land. Das Land Israel. Aber das Ziel war so fern und nicht in Sicht! 40 Jahre, da kann einem schon die Puste ausgehen. Und so wurde das Ziel immer blasser, so geriet der mitgehende Gott aus dem Blick. Gottvergessen irrte das Volk herum, es murrte und schimpfte und sehnte sich zurück nach Ägypten. Dort war zwar Sklaverei und keinerlei Freiheit, aber die Kochtöpfe waren voll: es gab genug zu essen. Die Wüstenzeit war für Israel wirklich eine harte Erfahrung.

Lukas beschreibt nun die Wüste, in die Jesus hineingeht, als Ort der Versuchung. Aber wie er das macht! Das letzte Wort direkt vor unserem Text ist der Name "Adam". Der Stammbaum Jesu ist da aufgeführt, er geht immer mehr zurück in die Vergangenheit und landet schließlich bei Adam und Eva. Adam, der erste Mensch, der Mensch schlechthin, gerät auch schon in die Versuchung - und erliegt ihr. Er ist ihr nicht gewachsen. Den verbotenen Apfel muss er essen. Und Jesus? Er steht da als der zweite Adam. Als der neue Mensch, mit dem es Gott noch einmal probiert. Die neue endgültige Chance! Und Jesus besteht die Versuchungen. Er hält stand.

Zwei Kräfte wirken in der Wüste, beide sind als Personen beschrieben: der Heilige Geist auf der einen und der Teufel auf der anderen Seite. Man mag diese Gegenspieler auch anders nennen, aber ihre Kräfte sind bis heute am Werk - auch in uns. Sie ziehen uns hin und her, wenn wir uns entscheiden müssen und es um wichtige Dinge geht. Der Geist lässt uns aufschauen, richtet uns auf, zieht uns "nach oben", ermutigt uns und macht uns gerade. Die Gegenkraft zieht uns herunter, macht uns nieder, nimmt uns die Zuversicht und heißt darum in der Bibel "diabolos", Teufel, diabolische Macht: Der, der alles verwirrt und durcheinanderbringt. Der, der unsere Herzen spaltet, so dass wir kaum noch mit "ganzem Herzen" handeln.

Dreifach wird Jesus von diesem tückischen und listigen Gegner versucht. Bedrängend ist vor allem die zweite Versuchung. Der Teufel bietet Jesus wie auf einem Silbertablett alle Reiche dieser Welt dar. Der Preis dafür: "Falle vor mir nieder, bete mich an!"

Die Frage an uns heißt: Wer ist der Herr meines Lebens? Wie brisant diese Frage ist, habe ich am deutlichsten erlebt in Sizilien, bei einer Reise der Dechanten mit unserem damaligen Bischof Genn vor zwölf Jahren. Wir besuchten Palermo und dort den armen Stadtteil Brancaccio. Dort hatte früher ein mutiger Pfarrer gewirkt, Pino Puglisi. Er war 1993 ermordet worden, von der Mafia, die den Stadtteil beherrschte. Man erzählte uns dort, wie Don Pino Kommunionunterricht gegeben hatte. Auch die Kinder der Mafiosi waren dabei, als der Priester ihnen sagte: "Ihr müsst euch entscheiden - entweder Gott oder Mafia! Entweder - oder! Beides zusammen geht nicht! Man kann nicht zwei Herren dienen!" Eine brisantere und eindringlichere Kommunionvorbereitung kann man sich kaum vorstellen! Das war wie Sprengstoff in Brancaccio, das war Christentum in einem Satz - und das war gefährlich, lebensgefährlich. Wegen solcher Sätze und wegen entsprechender Taten wurde der Pfarrer im Auftrag der Mafia erschossen. Vor sechs Jahren hat die Kirche Pino Puglisi seliggesprochen - als Märtyrer.

Ja, so sind Märtyrer: Das erste Gebot (Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!) ist für sie wirklich das Gebot Nummer eins. Da kennen sie keine Abschwächungen oder Kompromisse, auch nicht mit einem so mächtigen Gegner wie der Mafia! Sie wissen und leben es vor: Gott ist der Herr! Gott ist in der Mitte und rangiert nicht unter "ferner liefen". Er ist kein unverbindliches Überbleibsel der Vergangenheit. Er, Gott, stellt uns vor die Frage: Vor wem gehen wir auf die Knie? Wen oder was stellen wir ganz nach oben? Wen oder was beten wir an? Vielleicht eine neue Variante des "Goldenen Kalbs", das die alten Israeliten einmal verehrten - Symbol des Wohlstands, des Konsums und der Macht? Wo stehen heute unsere Goldenen Kälber? Und wo steht Gott in meinem Leben? Ganz am Rand?

Nehmen wir die drei Bibelworte mit, mit denen Jesus auf den Teufel reagiert. Nehmen wir sie mit in die Fastenzeit:

Das erste Wort: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!" Am Brot allein, am Wohlstand allein und an der Welt des Habens kann man auch "ersticken" und sterben - wenn nicht dazukommt "das Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht." Wie höre ich es, dieses Wort, wie sehr lasse ich es an mich heran?

Das zweite Wort - von ihm war schon die Rede: "Du sollst Gott allein anbeten und ihm dienen!" Wie kommt das zum Ausdruck, dass Gott der Herr meines Lebens ist? Habe ich schon einen Weg gefunden, oder suche ich ihn wenigstens?

Das dritte Wort: "Du sollst Gott nicht auf die Probe stellen!" Da ist ein Ortswechsel passiert. Der Teufel nimmt Jesus mit, aus der Wüste heraus, hin auf die Zinne des Tempels in Jerusalem. Jetzt sind wir also im Heiligtum, "bei den Frommen". Ist das nicht manchmal die Versuchung der Religion, Gott "auf die Probe zu stellen" - ihn in der Hand haben zu wollen, im Griff haben zu wollen, ihn für unsere eigenen Absichten einzuspannen? Wir können uns Gottes nicht "bemächtigen"!

Drei Worte also als Impulse für die Fastenzeit - und nicht nur für sie!