Vergesst die Freude nicht!

Predigt am 03.03.2019

In Tirol hat man sie gesammelt: Grabkreuze aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Und was man auf diesen Friedhofskreuzen an Sprüchen lesen kann, verrät viel über das Leben. Da steht zum Beispiel auf einem Grabkreuz aus dem Jahre 1849:

Hier ruht Franz Josef Matt,
der sich zu Tod gesoffen hat.
Herr gib ihm die ewige Ruh
und ein Gläschen Schnaps dazu.


Und auf einem anderen kann man lesen:

Hier liegt begraben die ehrsame Jungfrau Notburga Nindl,
tief betrauert von ihrem einzigen Sohn.


Während über Adam Lentsch gesagt wird:

Hier liegt Adam Lentsch,
26 Jahre lebte er als Mensch,
37 Jahre als Ehemann.


Liebe Schwestern und Brüder,
was ist denn das für ein Friedhof? Friedhof und Humor, das passt für unsere Begriffe zusammen wie Faust auf Auge. Mit dem Sterben spaßt man schließlich nicht. Der Tod ist eine ernste Sache.

Und nicht nur der Tod - das ganze Leben ist für viele eine ernste Sache! Ganz besonders für Christen - zumindest hat es manchmal ganz stark den Anschein! Es sieht so aus, als würden sich Christsein und Humor nur ganz schlecht vertragen. Vor allem nicht in der Kirche! Da schien ja lachen geradezu verboten zu sein!

Ich habe vor kurzem in einem Handbuch für Prediger geblättert, das mehr als hundert Jahre alt ist. Wie hat man früher gepredigt? Das interessierte mich. Auf rund 500 Seiten fanden sich dort zig Predigtanregungen, sortiert nach Stichworten. Man fand alles zum Thema Gebot, Hölle, Tod; und die Sünde war gleich doppelt aufgeführt, nämlich als lässliche und tödliche Sünde. Aber die Stichworte Freude oder Fröhlichkeit, die fehlten völlig - geschweige denn Lachen. Ja, es gab nicht mal was zum Thema Erlösung! Nichts darüber, unbeschwert zu sein und sich seines Lebens zu freuen. Nichts in der Richtung: "Genießt jeden Tag, der Euch von Gott in Gesundheit geschenkt worden ist!"

Stattdessen fast nur: Hütet Euch vor der Sünde! Seid immer auf der Hut! Das Böse lauert überall! Fürchtet das Gericht und das Höllenfeuer! Das haben manche von Ihnen so aus ihrer Jugend mitbekommen.

Dass Jesus eine frohe Botschaft verkündet hat, dass er Menschen befreite und die Erlösung gebracht hat, das trat oft völlig in den Hintergrund. Vor lauter religiöser Pflichterfüllung blieb die Freude des Glaubens dann auf der Strecke.
Und manchmal wich sie ganz der Angst: Angst vor Gott, vor seinem Gericht und seiner Strafe. Und manchmal führte dies dann in Zwänge und Psychosen, in die Krankheit hinein.

Religiosität kann krank oder heil machen: je nachdem, ob es falsche oder befreiende Religiosität ist. Auch für Religion gilt, dass man sie an ihren Früchten erkennt - so wie es im heutigen Evangelium heißt: Ein guter Baum bringt seine gute Frucht.
Ich habe, Gott sei Dank, so viele Christen in meinem Leben kennengelernt, die gute Frucht brachten. Da war nichts Verklemmtes, Geducktes, krankhaft Ängstliches in ihnen. Sie wurzelten in Christus.

Christus aber hat Menschen befreit. Er hat uns endgültig die Angst vor Gott genommen; er hat uns die Erlösung geschenkt. Er hat uns Grund zur Freude gegeben und eine Freudenbotschaft gebracht: das Evangelium. Freude, Liebe, Versöhnung, innerer Frieden, Gelassenheit, Vertrauen - das sind Erkennungszeichen von Christen. Das sind die guten Früchte am Baum.

So könnte eine Kirche, die keine Freude ausstrahlt, und in der es nichts mehr zu lachen gibt, kaum Kirche Jesu Christi sein. Und ein Gottesdienst, der Trübsal bläst, dient nicht gerade dem Gott, den Jesus Christus verkündet hat.

Freude - und nicht Angst. Das heißt ganz gewiss nicht: einfach in den Tag hinein leben und Gott "einen guten Mann sein lassen". Das Bewusstsein, erlöst und befreit zu sein, weckt in einem die Dankbarkeit. Wer dankbar in sein Leben hineinschaut, erntet gute Früchte. Und teilt die Früchte aus, isst sie nicht allein.

In diesem Sinne schreibt der niederrheinische Christ und Kabarettist Hanns Dieter Hüsch in einem seiner schönsten Texte:

Ich bin vergnügt / erlöst / befreit,
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen/ Denken/ Hören/ Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit

Was macht, dass ich so fröhlich bin,
in meinem kleinen Reich?
Ich sing und tanze her und hin
vom Kindbett bis zur Leich

Was macht, dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen?
Es kommt ein Geist in meinen Sinn,
will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert
und mich kein Trübsinn hält?
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
wohl über alle Welt.