Feindesliebe?

Predigt am 24.02.2019

Haben Sie einen Feind? Oder eine Feindin? Jemanden, den Sie schon mal in Gedanken erwürgt haben? Jemanden, der für Sie wie ein rotes Tuch ist, um den Sie einen weiten Bogen machen, jemanden, mit dem Sie nie und nimmer im selben Raum sein wollen?
Wenn Sie keinen Feind haben, wird Ihnen das Wort Jesu von der Feindesliebe nicht viel ausmachen. Wenn Ihnen aber ein Feind einfällt, dann könnte es jetzt für Sie spannend werden.

Ja, das klingt ziemlich verrückt: den Feind lieben. Aber was heißt da "lieben"? Sicher nicht die Gefühle, die man für seine Familie oder seine Freunde hegt. Auch Jesus erwartet nicht, dass man dem Feind um den Hals fällt. So nah muss man nicht an ihn ran. Ein Sicherheitsabstand ist nicht verkehrt! Ein Abstand, um klar denken zu können. Und dann richtig, im Sinne Jesu, zu entscheiden. Den Feind lieben, das heißt nachdenken: Wie kann man sich "entfeinden"? Was kann ich tun, um die Feindschaft nicht höher zu treiben, sondern zu entschärfen?

Ein Schritt dahin ist, sich zu sagen: Wir sitzen alle im selben Boot der Schuld. Keiner kriegt sein Leben so hundertprozentig richtig hin. Eine Nonne, die in der Gefängnisseelsorge arbeitet, drückt das im Blick auf die Häftlinge so aus: "Ich bin nicht anders. Ich hatte es nur anders!" In Auschwitz sagte ein jüdischer Überlebender zu einem amerikanischen Touristen: "Auch du wärest vielleicht zu diesen Taten fähig, wenn Du damals im Nazi-Deutschland aufgewachsen wärest!"

In diesen Tagen ist der Missbrauchsskandal in unserer Kirche sehr im Fokus. Zu Recht werden die schlimmen Taten von Priestern angeprangert. Ich kenne einige von ihnen gut. Sie sind keine Monster. Ich sehe sie weiter als Mitbrüder. Als Mitbrüder mit einer dunklen Seite, mit einer verhängnisvollen Neigung, mit der sie ihre Opfer zum Teil schwer geschädigt haben. Das, was sie getan haben, ist schlimm. Aber ich möchte sie nicht nur der berechtigten öffentlichen Empörung überlassen, sondern auch der göttlichen Barmherzigkeit. In aller Demut können wir uns der vorhin zitierten Nonne anschließen: Ich bin nicht anders - ich hatte es nur anders! Eine andere, günstigere Veranlagung vielleicht, ein anderes Umfeld, viele kleine Faktoren, die den einen aus der Spur werfen und den anderen in der Spur lassen. Ja, wir sind alle Teil einer Kirche, die nicht nur heilig, sondern auch sündig ist. Einer Kirche, die nicht aus sich selbst heraus leuchten kann, sondern nur, wenn sie sich dem Licht Gottes aussetzt - gerade dem Licht seiner Barmherzigkeit: Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist! Ich meine, der demütige Blick auf uns selber und die Hoffnung auf göttliche - und menschliche - Barmherzigkeit können helfen, die Feindschaft unter Menschen zu entschärfen.

Liebet eure Feinde. Das könnte man übersetzen: Zügelt eure Aggression. Das ist eine Grundkraft in uns. Jeder hat sie - aber meist unter der Decke. Heute ist sie oft kaum zu stoppen - und entlädt sich als Gewalt. Gewalt schaukelt sich hoch, wie eine Spirale. Dem Schlag folgt der Gegenschlag. Aus kleinen Anlässen entsteht Familienstreit oder eine verkrachte Nachbarschaft. Lässt sich das unterbrechen?

Ja, sagt Jesus. Halte dem Schläger noch die andere Wange hin! Diese verrückte unerwartete Geste unterbricht den Schlagabtausch. Die Regeln für den Krach stimmen dann nicht mehr. Sie sind unterlaufen - durch Gewaltlosigkeit! Der Schläger wird möglicherweise sehr verdutzt und überrascht gucken. Der Geschlagene zeigt an: Ich mache dieses Spiel nicht mehr mit! Ich steige aus.

Das kann in großem Stil funktionieren. Der berühmte Inder Mahatma Gandhi hat auf diese Weise - mit einer Strategie der Gewaltlosigkeit - sein Heimatland Indien in die Unabhängigkeit geführt. Dazu gehört eine enorme innere Stärke. Und dazu gehört eine Riesenportion Vertrauen!

Selig die Friedensstifter, sagt Jesus. Selig, die sich an die eingefahrenen Konflikte und Feindschaften nicht gewöhnen wollen. Ich bin schwer beeindruckt von einem Schweizer Koch, David Höner, den ich in den letzten Jahren kennenlernen durfte. Er hat den Verein "Küchen ohne Grenzen" gegründet und glaubt, in guter christlicher Tradition, an die friedensstiftende Kraft des Mahles, des gemeinsamen Essens. Wenn Menschen zusammen essen, werden sie sich nicht so leicht in den Rücken fallen! So wurden in einem Dutzend verschiedener Länder mit starken inneren Konflikten Restaurants aufgebaut - eben "Küchen ohne Grenzen". Da treffen sich Israelis und Araber, Ukrainer und Russen oder Flüchtlinge und Einheimische, Und sie essen miteinander, reden miteinander und merken sehr schnell, dass das Miteinander schöner und menschlicher ist als das Gegeneinander. Das Fernsehen begleitete David Höner auf einer Flussfahrt über den Rio Napo, einen Nebenfluss des Amazonas. Dort hat er auf einem Schiff eine Kochschule aufgebaut, in der indianische Männer und Frauen sich für einen Beruf in der Gastronomie qualifizieren können: als Köche oder Küchenhilfen. In dem Fernsehfilm wurde gezeigt, wie die Angehörigen eines Stammes die Leute eines anderen Stammes aufs Schiff zum Essen einluden, mit dem sie seit ewigen Zeiten verfeindet sind - den Grund dafür weiß keiner mehr. David sagte mir: "Die Vorurteile sind weg, die der Feindschaft Nahrung geben. Die Leute merkten erstmals, dass die anderen normale Menschen sind."

So kann das Evangelium heute seinen Weg auch über eine Küche finden.