Selig ihr Armen

Predigt am 17.02.2019

In den letzten Wochen war ich öfter im Jobcenter, um Flüchtlinge zu begleiten. Da saß ich dann im Warteraum zwischen Leuten, die wir hier in unseren doch eher bürgerlichen Gottesdienstgemeinden nicht so oft sehen. Ganz junge, allein erziehende Mütter mit ihren Kleinkindern, Ausländer aus den verschiedensten Gegenden der Welt, etwas Ältere, die sich nur schwer in eine Arbeit vermitteln lassen. Fast alle in Jogginganzügen. Alle arm oder arm dran. Viele müde, enttäuscht, ausgelaugt vom Leben. Nicht immer ein schöner Anblick.

Ja, Armut hat erstmal nichts Schönes an sich, nichts Anziehendes. Sie kommt oft deprimierend daher. Darum wird sie gerne versteckt. Darum verdrängen viele sie aus ihrem Blickwinkel. Niemand will arm sein -; wenn man es aber ist, will man das nicht unbedingt zeigen. Armut bleibt oft im Verborgenen. Wer gibt schon gerne zu, auf soziale Unterstützung angewiesen zu sein?

Noch häufiger wird die innere, die seelische Armut hinter Masken versteckt. Man spielt Stärke vor, man spielt "Mir geht es gut". Wie's drinnen aussieht, geht niemand was an. Hauptsache: die Fassade bewahren.

Im Evangelium, in der "Feldrede" bei Lukas, vor unzähligen Zuhörern aus allen Teilen Israels, schaut Jesus hinter die Fassaden. Die Leute bekommen zu hören: Selig ihr Armen - euch gehört das Reich Gottes! Merkwürdige Worte Jesu! Den Armen gehört doch etwas? Das Reich Gottes? Ja, sagt Jesus. Wir müssen gar nicht so tun, als wären wir gut dran und gut drauf. Wir müssen das Versteckspiel nicht mitmachen. Wir dürfen ehrlich sein. Und wenn wir uns so richtig verloren und überflüssig und mies vorkommen, dann, so sagt Jesus, kann Gott unser Reichtum sein. Er steht zu uns - nicht, weil wir so toll und so gut sind, sondern weil er so gut ist. Wenn uns das aufgeht, dann geht uns das Reich Gottes auf.

Selig, die ihr jetzt hungert, ihr werdet satt werden! Auch dieses Wort kann uns Mut machen. Hunger - das heißt Sehnsucht. Sehnsucht nach Zuwendung und Ge-borgenheit, ja oft nur nach einem guten Wort, nach kleinen Zeichen des Wohlwollens. Jesus sagt: "Ihr werdet satt werden!" Das ist kein leeres Versprechen. In Gott kommt unsere Sehnsucht zur Ruhe. Er gibt uns unseren Wert. Er ist da für uns - das ist es, was Jesus versprechen kann.

Selig, die ihr jetzt weint, ihr werdet lachen! Wenn jetzt Enttäuschungen, Verletzungen, Trauer uns die Tränen in die Augen treiben, lasst sie zu, unterdrückt sie nicht! Aber seid offen für die Freude, für das Lachen, für die Weite Gottes, der uns niemals ausschließt, der uns seine Gemeinschaft schenkt und der der Trauer nicht das letzte Wort lässt.

Solange wir hinter einer Maske leben, verwenden wir viel Energie darauf, ein Bild von uns zu zeigen, das wir gar nicht sind. Ihr braucht, sagt Jesus, euch selbst und den anderen gar nichts vorzumachen. Ihr könnt hinter der Fassade hervorkommen. Ihr braucht euch nicht selber zu belügen.

Wohlgemerkt: Nicht die Armut erklärt Jesus zum Ideal, nicht den Hunger und nicht die Trauer. Das wäre ja auch zynisch: die dunklen Seiten des Lebens schön zu reden und hell zu streichen. Jesus preist die Armen und Trauernden selig - also nicht die Zustände, sondern die Menschen, die davon betroffen sind! Die dunklen und wunden Stellen im Leben sollen uns nicht beherrschen, und wir müssen uns nicht auf sie fixieren und festlegen. Ein Mensch ist nicht nur der Hartz4-Empfänger, oder der depressive oder schwule oder ausländische Mensch. Immer ist das nur eine Seite an ihm. Immer sind wir mehr. Die wunden Stellen und die Narben sind nicht das "dicke Fell";, mit dem wir uns panzern und abschirmen. Sie sind im Gegenteil die offenen Furchen, die in unser Leben hineingepflügt sind. Sie können eine neue Saat empfangen. Hier kann unser Leben wachsen, auch auf Gott zu. Armut, Tränen und Sehnsucht sind die Stellen, wo Neues bei uns durchbrechen kann - auch die Hoffnung, dass Gott "alle Tränen abwischen wird von unseren Augen" (Apk 21).

In scharfem Kontrast zu diesen Seligpreisungen stehen die Wehe-Rufe. Wehe den Reichen und Satten und immer nur Spaßhabenden und immer nur mit Beifall und Applaus Bedachten auf der Siegerspur! Das soll bei Jesus nun keine einschüchternde Drohgebärde sein. Erst durch diese Warnungen stellt Jesus seine Hörer vor die Frage: Welchen Weg wollt ihr gehen? Das Wehe wird denen zugerufen, die das Reichsein jetzt, das Satt-Sein jetzt, das Lachen jetzt, das schöne Gerede der anderen jetzt, für das Ganze und für das Entscheidende halten und sich darin sonnen und sich daran klammern. Passt auf, meint Jesus, dass euer Besitz nicht zu innerer Leere und Langeweile führt. Dass euer Satt-Sein euch nicht abstumpfen lässt und empfindungslos macht. Dass ihr vom Applaus der anderen nicht abhängig werdet und euch selbst verliert. Ihr habt euren Trost schon weg, sagt Jesus. Sie haben ihren Trost schon weg, weil sie vom Menschen viel zu klein gedacht haben. Als wenn es mit dickem Bankkonto, mit reichlichem Essen, mit Bettaffären und dauerndem Spaßhaben schon genug sei für ihn.

Wo doch Gott den Menschen so sehr viel größer gewollt, ihm so viel mehr an Sehnsucht und Hoffnung in die Seele gelegt hat. Wer sich arm und bedürftig fühlt oder wer trauert, ist diesem größeren Bild des Menschen auf der Spur - mehr als der Satte, der glaubt, er hätte schon alles. Und darum sind wir hier und bestärken uns im Gottesdienst, von uns Menschen selber nicht zu klein zu denken.