Barfuß vor dem Herrn

Predigt am 10.02.2019

Bekanntlich feiern die Eritreer jeden Sonntag hier in der Krypta (in St. Petrus und Paulus) ihren Gottesdienst. Wenn man sich der Krypta nähert, sieht es aus wie vor einer Moschee: Die jungen Leute haben ihre Schuhe ausgezogen und sind auf Strümpfen in die Kirche gekommen. Jetzt, in diesen kalten Tagen, frieren sie auf dem harten Betonboden. "Warum macht ihr das so?", frage ich sie. "Warum lasst ihr die Schuhe draußen?" "Weil Mose vor dem brennenden Dornbusch auch die Schuhe ausgezogen hat - weil da heiliger Boden ist", antworten sie, ganz bibeltreu. "Wenn Mose wüsste, dass Ihr mal nicht im heißen Wüstensand steht, sondern im kalten Sauerland, würde er euch bestimmt raten, die Schuhe anzulassen", gebe ich zurück, mit einem kleinen Augenzwinkern, das sie nicht mitbekommen. "Ach, Father", sagen sie ganz treuherzig, "wir bleiben dabei, wie wir es gelernt haben!"

Der religiöse Ernst dieser jungen orthodoxen Christen aus Eritrea rührt mich an. Das Gefühl der Ehrfurcht ist so stark in ihnen! Ähnlich der Respekt vor Menschen, vor allem vor älteren Leuten. Im Bus stehen sie sofort auf, wenn ein Älterer einen Sitzplatz sucht. Ihre Kultur hat sie das gelehrt, und sie leben danach - auch hier bei uns. Und sie wundern sich manchmal darüber, dass Ehrfurcht und Respekt bei uns Deutschen nicht gerade die stärkste Seite sind.

"Zieh deine Schuhe aus. Hier ist heiliger Boden", heißt es bei Mose. "Weh mir, ich bin verloren, ich, ein Mensch unreiner Lippen", heißt es in der Lesung bei Jesaja. "Jesus, geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch", heißt es im Evangelium bei Petrus. Er ist voller Schrecken über das, was er da gerade beim Fischfang erlebt hat: So volle Netze!

Was ist das für eine Erfahrung - dieses Erschrecken, diese Überwältigung, dieses unglaubliche Staunen? Die Gelehrten der Religionen sagen: Es ist "das Heilige", das da in das Leben einbricht. Das Heilige! Und weil das im Lateinischen besonders gut klingt, fügen sie zwei Worte hinzu: Das Heilige ist tremendum und fascinosum. Tremendum heißt: Es lässt erzittern. (In der Lesung "erbeben die Türzapfen des Tempels".) Es haut einen um! Es löst Furcht aus, oder besser: Ehrfurcht. Und ähnlich fascinosum: Es fasziniert, es schlägt uns in Bann, die Zeit bleibt förmlich stehen, es guckt keiner mehr auf die Uhr. Das Heilige ist das "Ganz andere", das uns geradezu auf die Kniee zwingt und uns aus dem Alltäglichen hervorholt.

Kennen wir das noch? Oder haben wir es verlernt? Wir sind vielleicht bewegt von der Natur, von einem Sonnenaufgang im Gebirge, von der Weite des Meers, und ahnen in der Schöpfung den Schöpfer. Die Musik von Mozart oder ein neugeborenes Baby kann uns zu Tränen rühren, der Kölner Dom in seiner Höhe uns begeistern, die lange Stille in den Taize-Gebeten uns tief bewegen. Wir sind damit sozusagen im "Vorhof" des Heiligen. Das Heilige selbst verbirgt sich, es ist ein Geheimnis, ist erstmal fremd, ist ein Wunder. Man kann es nicht abrufen, nicht fotografieren, nicht darüber verfügen. Manchmal zeigt es sich, manchmal schenkt es sich - im brennenden Dornbusch, wie bei Mose. Im Traum, in einer Vision, wie bei Jesaja. In den Taten Jesu, wie bei Petrus.

Vielleicht ist es zu laut, zu stressig, zu abgelenkt, auch zu "gesellig" in unseren Breiten. Was man früher "Inbrunst" nannte, ist uns abhandengekommen. Was ich in ostkirchlichen Gottesdiensten erlebt habe, ist unserer eigenen Tradition eher fremd: das heilige Geschehen hinter der Ikonostase, der Bilderwand. Die tiefen Verbeugungen. Die gesammelten Gesichter der Gläubigen, in Armenien, in Rumänien. Niemand sieht sich nach mir um, dem Touristen mit der Kamera in der Hand. Wir wollen alles sichtbar, greifbar, verständlich machen. Wir reden das Geheimnis, das Mysterium kaputt. Oft unterhalten wir uns laut in den Kirchen, nach der Messe. Die barfüßigen Eritreer unten in der Krypta wären sehr erstaunt.

Hier ist heiliger Boden. In den biblischen Texten sprechen der Prophet Jesaja und der Apostel Petrus fast mit einer Zunge. "Weh mir, ich bin verloren, bin ein Mensch mit unreinen Lippen, mit unreinem Herzen", so Jesaja. "Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch!" So Petrus. Vor dem heiligen Gott wird die eigene menschliche Schwäche und Kleinheit bewusst. Demut wächst im Herzen. Ehrfurcht auch. Der Abstand wird sichtbar.

Ein Kirchenlehrer hat das Fegefeuer einmal so erklärt: Im Tod begegnen wir Gott. Er ist im Licht, er allein ist der Heilige. In seinem Licht sehen wir die eigenen Dunkelheiten, erfahren den Abstand. Das ist eine schmerzhafte Erfahrung - das Bild des Feuers macht das deutlich. Aber sie läutert, sie reinigt uns. Und Gott überwindet den Abstand - er zieht uns an sich.

Die beiden biblischen Gestalten, Jesaja und Petrus werden vom heiligen Gott nicht zurückgewiesen, nicht klein gemacht. Jesaja kann schließlich sagen: Hier bin ich. Sende mich! Hier bin ich, hier stehe ich, mit meinen Fehlern und Sünden. Aber: Ich bin bereit. Du kannst mich brauchen. Und Petrus hört die Worte Jesu: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.

Fürchte dich nicht. Aber gib der Ehrfurcht Raum - der tiefen Ehrfurcht vor dem heiligen Gott und seinen Geschöpfen. Zu ihnen bist du gesandt.