Heute - die Befreiung

Predigt am 27.01.2019

Vor Tagen hatte ich ein Gespräch mit einem mir bis dahin fremden Menschen, der in seinen jungen Jahren von einer strengen Freikirche geprägt war. Alles, was er da mitbekam, hatte sich in ihm festgesetzt und zu einem unglücklichen Menschen gemacht: Du bist nichts wert. Du bist ein Sünder. Du wirst niemals den Ansprüchen Gottes genügen. Du musst dich tausendprozentig zu Jesus bekennen: Du musst ..., du musst ... Es war dieses krank machende, alles fordernde Gottesbild, von dem er kaum loskam: Du, auf dich wartet die Hölle! So wuchs er immer mehr hinein in eine seelische Dunkelheit.

Es war nicht leicht, mit ihm zu sprechen. An einen barmherzigen Gott hätte er gern geglaubt, aber er konnte nicht. Er fühlte ihn nicht. Ihm fehlte, bei all seinen psychischen Problemen, die Kraft, sich anders auszurichten.

Irgendwann im Gespräch zitierte der Besucher aber eine lange Passage von Reinhard Mey, dem Liedermacher und Sänger. Er tat das nicht beiläufig und nebenbei, sondern so, als wären die Worte wie eine Rettungsplanke, an der er sich festhalten konnte. Das Lied erzählt in fünf Strophen von Menschen, die übersehen werden, die einsam und unglücklich sind - und irgendwo, in kleinen Fluchten, z.B. in der Liebe zu ihrem Hund, ihrer Sehnsucht ein wenig näherkommen. Den Refrain sprach mein Besucher so ernsthaft und so berührt aus, als wenn es das Evangelium wäre:

Selig, die Abgebrochenen,
die Verwirrten, die in sich Verkrochenen.
Die Ausgegrenzten, die Gebückten,
die an die Wand Gedrückten.
Selig sind die Verrückten!


Als wenn es das Evangelium wäre. Ich weiß nicht, ob Reinhard Mey ein Christ ist. Aber diese Seligpreisung ist ganz sicher nah am Evangelium. Selig die an die Wand Gedrückten! Der Besucher fühlte sich in diesen Worten verstanden. Keine Verdammung, kein Niedermachen, wie die Welt gewöhnlich die Abgebrochenen, die Gebückten behandelt. Nein, eine Seligpreisung, wie bei Jesus in der Bergpredigt!

In diesem Gespräch vor ein paar Tagen wurde mir überdeutlich, dass viele Menschen mit jeder Faser ihres Lebens, mit ganzem Herzen den Befreier brauchen - auf den Befreier, den Erlöser warten. Heute! Auf einen, der ihnen die Würde, die Selbstachtung und Selbstliebe wiedergibt. Selbst wenn die Nöte weitergehen, die Armut und Einsamkeit: einer ist da, der die in sich Verkrochenen herausholen kann aus ihrer Verlorenheit. Wenn sie sich denn darauf einlassen können, dass sie geliebt sind - Kinder Gottes, Menschen Gottes sind. Gerade sie - seliggepriesen!

Denken wir uns in die Szene in Nazaret hinein, die das Evangelium erzählt. Die Leute in der Synagoge singen Psalmen und hören einen Text, von Jesaja, der etwa 600 Jahre alt ist. Einige hören wohl mit brennendem Herzen, andere sind eher gelangweilt und denken an was anderes. Manche denken: "Schön wäre es, dieser Befreier" - und rechnen nicht im Ernst mit ihm. Alte Worte, so empfinden sie: was hilft's uns heute?

Und dann kommt im Text eine Kunstpause. Jesus, der Vorleser, klappt das Buch zu. Alle gucken gespannt. Die Zuhörer hatten schon gemerkt: aus Jesu Mund klang das anders als sonst. Das war kein toter Buchstabe - das war Leben! Der Vorleser lebte in diesem Text. Der stand dahinter, der identifizierte sich ganz und gar damit. So sehr, dass er sagen konnte: Heute, jetzt in diesem Augenblick, geht das Wort in Erfüllung. In mir wird es wahr. Das ist mein göttlicher Auftrag: Ich, Jesus, bin der Befreier, der Messias!

Heute. Was für ein Heute ist das? Nicht irgendein Tag im Jahr 28, in einer fernen Vergangenheit, als Jesus einen noch 600 Jahre älteren Text verlas. Der Glauben sagt uns: Dieses Heute ist jetzt, der 26. / 27. Januar 2019, jetzt und hier in Lüdenscheid. Es geht um den Jesus heute - dass er uns aufgeht als der "Befreier" für uns. Dieser Jesus gibt uns Christen seinen Geist und seine Gaben, damit die Armen aufatmen und die an die Wand Gedrückten freikommen. Damit die Blinden (auch wir selbst in unserer Blindheit) sehen und alle ein Gnadenjahr erleben, eine Zeit, die uns und ihnen gnädig ist. Er gibt seine Gaben, damit der Gott, der im alten überholten Gottesbild viele an die Wand gedrückt hat, sein menschenfreundliches Bild zeigt und wir selber menschenfreundlich werden. Die Armen heute sollen es erfahren, die vom Leben Zerschlagenen sollen es erfahren, deren Lebensentwürfe gescheitert sind, und die Gefangenen, die in sich selbst und in den Zwängen dieser Welt oder in ihrer Schuld gefangen und befangen sind. Die "Blinden" sollen es erfahren, die keinen Weg sehen zu einem geglückten Leben, zu einem "Leben in Fülle".

So kommt Jesus heute. Er ist immer noch der Befreier, der Christus. Er lädt uns ein, dass wir uns selbst erst mal befreien lassen - zur Würde der Kinder Gottes. Und er ermutigt uns, unsere Gaben zu entdecken und einzusetzen, den Leib Christi mitaufzubauen und dem Herrn bei seinem Weg der Befreiung Hand und Fuß zu sein.