Zum Wohl - aufs Gemeinwohl!

Gebet für die Stadt – Rathaus Lüdenscheid 16.01.2019

Im Jahr 1956 veröffentlichte ein junger amerikanischer Senator ein Buch, das ihn sehr bekannt machte - so sehr, dass er vier Jahre später Präsident der USA wurde. Der Autor hieß John F. Kennedy, und das Buch "Zivilcourage". Es erzählte von acht Politikern aus der Geschichte der USA, die in einer bestimmten Situation nicht der Linie ihrer Partei oder der öffentlichen Meinung folgten, sondern ihrer eigenen Überzeugung. Dazu gehörte Mut - "Zivilcourage". Die Porträts liefen später auch im deutschen Fernsehen, und mich - einen damals sehr jungen Zuschauer - hat das Leitmotiv der Sendungen beeindruckt: Frage dich nicht, was dein Land für dich tun kann - frage dich, was du für dein Land tun kannst!

Wenn ich das heute so höre, kommt mir das doch sehr pathetisch, sehr amerikanisch und irgendwie naiv vor. Wir von der Geschichte ernüchterten Deutschen wissen: Man kann es auch übertreiben mit der Hingabe an seine Nation. Was hatten die Kriegerwitwen vom "ehrenhaften Heldentod ihrer Männer fürs Vaterland"? Man muss sich die nationale Rhetorik, die ja in der ganzen Welt wieder mächtig aufblüht, schon sehr genau anschauen. Oft genug propagiert sie einen "Egoismus im Großformat". America first! Russland oder Polen oder Deutschland zuerst! Ich möchte mich schon gern fragen, was ich für mein Land tun kann - aber nicht so! Vielleicht ist das Andocken am Wort "Land" auch zu groß. Vielleicht ist ein fassbarerer Rahmen: Was kann ich tun für die Menschen in unserer Stadt, in unserem Stadtteil? Noch fassbarer: Für die Nachbarschaft. Für Gruppen und Menschen, die es hier schwer haben. Für die "anderen", die mir in meiner Lebenswelt begegnen. Für sie - und ganz wichtig: mit ihnen.

Da hängt dann unser Begriff "Gemeinwohl" nicht hoch über unseren Köpfen, sondern ist geerdet. Der heutige Abend wird zeigen, wie sehr das ehrenamtliche Engagement und die Orientierung am Gemeinwohl hier in Lüdenscheid geerdet sind.

Trotzdem Vorsicht! "Gemeinwohl" - das ist nichts für Sonntagsreden. Auch nichts für Sonntagspredigten. Nichts fürs Reden, sondern fürs Tun. Was könnte uns hindern am Tun? Ein paar Jahre nach dem Krieg schrieb die Dichterin Marie Luise Kaschnitz dieses Gedicht:

Aufzustellen wäre das Schuldregister.
Schuld unsere erste: Blindheit.
(Wir übersahen das Kommende).
Schuld unsere zweite: Taubheit
(Wir überhörten die Warnung).
Schuld unsere dritte: Stummheit
(Wir verschwiegen, was gesagt werden musste).
Warum?
Wir wollten uns nicht verlieren.


Statt Blind- und Taubsein: Genaues Hinsehen, genaues Hinhören - auch auf das, was zwischen den Zeilen steht. Manchmal aus den üblichen eingeschliffenen Seh- und Hörgewohnheiten aussteigen, die sagen: "Das geht mich nichts an!"

Kleine Anekdote dazu: Papst Franziskus sieht im Flur seines Gästehauses einen Schweizergardisten stehen. Der ist auf Wachposten und steht da reglos herum wie eine alte Truhe. So geht das immerzu, tagaus, tagein. Das ist sein Job, seine Rolle. Der Papst liebt ja die Überraschungen. Er bietet dem Gardisten erst einen Stuhl an, dann ein frisch geschmiertes Brötchen. Sein genaues Hinsehen sagt ihm: Das ist ein Mensch, dem nach fünf Stunden Stehen die Beine weh tun, und der inzwischen auch Hunger hat!

Blind- und Taubheit hört auf, wenn hinter den festen Gewohnheiten, hinter den eingespielten Rollen der Mensch erscheint: der Bruder, die Schwester im anderen.

Sodann Stummheit: Den Mund aufmachen, wo es nötig ist. Die Verrohung in der Sprache, die Bloßstellung von Menschen, den verächtlichen, respektlosen Umgang mit anderen niemals akzeptieren! Der Gemeinheit das Gemeinwohl entgegenstellen. Mögen wir alle in der "Zivilcourage" wachsen!

Wir sind hier als Christen versammelt. Christen können eigentlich nur in der Wir-Form denken. Im Alten Testament ist es ein Volk, das Volk Israel, das den Horizont bildet für Glauben und Leben. Im Neuen Testament ist es der Blick auf Jesus, den "Menschen-für-andere", wie Dietrich Bonhoeffer ihn genannt hat. Und es ist die kirchliche Gemeinschaft, die uns helfen kann, aus der Egozentrik herauszukommen. Das Interesse am Gemeinwohl ist uns wohl in die christlichen Gene gelegt! Als Impuls, die Blindheit, Taubheit und Stummheit zu erkennen - und mehr und mehr hinter uns zu lassen. So dass einer des anderen Last mittragen kann.