Den Weg bereiten
- auf krummen Zeilen und krummen Straßen

Predigt am 09.12.2018

"Tröste dich, tröste dich, mein Volk," so beginnt der Komponist Georg Friedrich Händel sein Oratorium "Der Messias". Diese Worte wurden ihm selbst zum Trost. Er war damals schwer krank und hing fest in tiefen Depressionen. Ausgerechnet in dieser schwierigen Lage machte er sich daran, den "Messias" zu komponieren. Die ersten Worte "Tröste dich" waren für ihn wie ein Zauber! Der Trost kam zu ihm, zog in ihn selbst ein. Drei Wochen arbeitete Händel am Messias. Es war wie in einem Rausch. Das Werk verwandelte ihn selbst. Aus tiefer Niedergeschlagenheit und Depression stand er wie neugeboren auf. Und so hat er der Nachwelt ein Werk hinterlassen, das immer wieder neu wie ein Echo auf Gottes Trost ist.

Tröstet mein Volk. Das ist bei Jesaja, dem großen Adventspropheten, "die Stimme eines Rufers in der Wüste" - die Stimme ruft den Trost aus. Die lange Gefangenschaft des Volkes in Babylon ist zu Ende, die Juden dürfen heimkehren nach Jerusalem, Gott selbst wird sie führen. Später haben die Evangelisten diese Stimme dem Täufer Johannes in den Mund gelegt - er wird zur neuen Stimme in der Wüste, und er ruft: Kehrt um!

Umkehr - in den Bildern der Propheten heißt das: Die Straßen sind schon da, sind von Gott angelegt, er kommt auf ihnen. Aber wir sollen sie ebnen, gerade und begehbar machen. Jesaja hat die großen Prachtstraßen Babylons gekannt, wo das Volk ja in der Verbannung lebte. Durch diese breiten und geraden Straßen, wahre Boulevards, wurden in einer festlichen Prozession die Götterbilder Babylons getragen. Jahwe, der Gott Israels, braucht dagegen keine Bilder und keine Prozessionen. Er macht es ganz anders: Jahwe führt sein Volk durch die Wüste und bringt es zurück in die alte Heimat, nach Jerusalem.

Die Wüste wird heute oft als ein Bild empfunden für unsere Zeit, für die Beton- und Asphaltwüste der großen Städte, für die Anonymität, Isolation und Einsamkeit, an der viele Menschen leiden. In alten Zeiten war die Wüste ein Ort der Angst, da hausten und spukten die Dämonen herum! Im Bild der Wüste toben sich auch heute die Dämonen aus: Gewalt, Misstrauen, Lüge, Ausbeutung, Zerstörung. All das macht aus fruchtbarem, bewohnbarem Land eine Wüste, eine "seelische Wüste". In ihr kann man nicht gut leben, man muss sich betäuben, um sie auszuhalten: Mit Konsum vollstopfen, mit Medien ablenken, mit Alkohol oder Drogen zudröhnen - irgendwie will man dieser Wüste entgehen.

Wüste und Steppe sind ganz sicher auch Bilder für uns selbst. Die Wüste ist für die frühen Mönche in Ägypten, für die "Wüstenväter" ein harter Ort. Sie kämpften dort mit den inneren Feinden: mit der Langeweile oder der Geltungssucht. Aber die Wüste war auch der Ort, wo man sich ganz ehrlich selbst begegnen konnte und sich ziemlich schonungslos wie in einem Spiegel sah. "Das also bin ich, das also steckt in mir", so erfuhren es die Mönche in der Wüste. Und darum nennt man heute die Tage des Rückzugs und der Besinnung z.B. in Klöstern auch gerne Wüstentage, weil sie uns helfen, tiefer zu Gott und zu uns selbst zu finden.

Gott möchte sich auch heute in der Wüste und in der Steppe unserer Zeit einen Weg bereiten. Aber er braucht uns dabei als seine "Bauleute", indem wir das Hügelige eben machen, verbogene Maßstäbe zurechtrücken, verwilderte Sitten wieder kultivieren, mitten durch die Dürre und Wildnis eine Schneise schlagen.

Advent, Ankommen Gottes im Jahr 2018. In der Welt von heute. Sie braucht Menschen wie Johannes den Täufer, der sich hinstellt und das sagt, was von Gott her zu sagen ist. Der sich mit den wichtigen Leuten anlegt und sie nicht gerade schmeichlerisch als "Schlangenbrut" betitelt. Der den Leuten nicht nach dem Mund redet, sondern ihnen Umkehr zumutet. Denkt anders, seht anders hin, handelt anders! Solche Leute wie der Täufer Johannes bereiten dem Herrn den Weg. Den Weg zu den Herzen der Menschen.

"Den Weg bereiten" - das meint nicht, wir könnten selbst alle Hindernisse aus dem Weg schaffen. Aber wir müssen unsere Wüste, unsere Verwüstungen wahrnehmen und so mitnehmen zu Gott. Gott schreibt uns nicht ab wegen der Verschandelung und Verwüstungen unserer Seelenlandschaft. Vielleicht kommt er uns gerade da entgegen, wo wir ihn gar nicht erwarten! In dem, was wir verdrängt haben und nicht mehr in den Blick nehmen wollen. In unseren Ängsten, in unserer Unruhe, Rastlosigkeit oder inneren Leere. Er kann kommen, um die Leere zu füllen. Er kommt, um Schuld zu vergeben.

Allerdings möchten wir Gott lieber auf den Prachtstraßen begegnen, außerhalb von uns, in Feierlichkeit, in Festen, zu Weihnachten. Dort ist Gott sicher auch gegenwärtig. Aber begegnen, uns naherücken wird er wohl erst dann, wenn wir ihn in unsere ganz persönliche Wüste eintreten lassen, in unser oft so bedrängtes Herz. Ich kann vor Gott meine Empfindlichkeit und Unruhe nicht verbergen, meine Wut oder Eifersucht, meine Schattenseiten - alles, was mir an mir selber nicht gefällt. Nicht an mir vorbei, sondern gerade in meiner wirklichen Lage und in meinem inneren Chaos möchte mir Gott begegnen. Ich muss ihm nicht ein geschöntes Bild präsentieren. Ich kann mich ihm so zeigen, wie ich wirklich bin. Nur so kann er mir wirksam helfen - mir: wie ich bin -, so kann er mich verwandeln, die Berge und Täler und Abgründe ausgleichen, die mich auseinanderbringen. Dort, in meinem Herzen, kann er auf krummen Zeilen gerade schreiben.