Schulfrei beim Weltuntergang?

Predigt am 02.12.2018

Religionsunterricht in der vierten Klasse, Jahrzehnte zurück. Thema ist das Ende der Welt - zugegeben kein Lieblingsthema für Prediger, Lehrer und Schüler! Der Lehrer gibt sich alle Mühe, das Evangelium vom Weltuntergang eindringlich zu schildern. Zum Schluss meldet sich ein Schüler: "Ich wollte nur wissen, ob wir an dem Tag schulfrei haben!"

Ja, so sind wir Menschen. Wir wollen das Unbekannte, das Fremde, das Dramatische einordnen können in unser vertrautes Leben hinein. Die Routine hat uns fest im Griff. Haben wir dann schulfrei? Wird die Rente noch weitergezahlt? Haben die Behörden und Kirchen geschlossen? Putzen wir uns dann noch die Zähne?

Aber lösen wir uns mal von den kosmischen Katastrophenbildern - "Die Sterne werden vom Himmel fallen" - und achten auf das, was sich im Herzen der Menschen abspielt. "Die Menschen werden vor Angst vergehen." Das heißt: Die Angst beherrscht uns ganz und gar. Da ist nur noch Angst. Nichts sonst. Auch kein helfender Gott!

Im Krieg haben viele das erlebt. Angst vor Bomben, vor Zerstörungen, vor schlimmen Nachrichten von der Front. Dann war jahrzehntelang (70 Jahre!) Ruhe und Frieden - aber die Ängste gingen weiter: Angst vor dem Ostblock, Angst vorm Atomtod, Angst vorm Bankencrash, Angst vor den Fremden, den Flüchtlingen. Angst vor der Zukunft. Angst vor dem Tod. Heute vor allem: Angst vor der Klimakatastrophe. Gerade wir Deutschen setzen auf Sicherheit und neigen darum zur Angst; "German Angst", sagt man in der ganzen Welt.

Angst ist ein Alarmzeichen. Ein Warnsignal. Man muss es beachten. Man kann nicht einfach darüber hinweggehen. Man kann die Angst nicht einfach verdrängen und beschwichtigen. Aber sie sollte uns nicht beherrschen. Und so sagt Jesus im Evangelium: "Wenn das alles beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter. Denn eure Erlösung ist nahe." Ein gutes Wort Jesu: Richtet euch auf. Erhebt eure Häupter. Das heißt: Ändert eure Blickrichtung. Schaut auf, nach oben.

Der Evangelist Lukas, der dieses Wort überliefert hat, hat sicher nichts von unseren heutigen Ängsten im Jahr 2018 geahnt. Ihn trieben andere Sorgen um. Seine Generation hatte gerade miterlebt, wie die Römer im Jahr 70 den Tempel in Jerusalem zerstörten und die Juden in alle Welt vertrieben wurden - eine furchtbare Katastrophe für alle, eine Welt-Erschütterung. Wie konnte es weitergehen für die kleine christliche Gemeinde? Die sehnsüchtig erwartete Wiederkunft Christi war nicht eingetroffen. Niemand wusste die Zeit und die Stunde, wann Christus wiederkommen würde. Vielleicht, so fingen die Christen an zu denken, vielleicht kommt er immer und an jedem Tag, kommt in Menschen und Ereignissen, kommt jetzt, hier und heute! Kommt unerkannt, ohne Pauken und Trompeten, und ohne dass die Sterne vom Himmel fallen. Kommt still und unscheinbar, wie als Kind in Bethlehem. Kommt oft durch die Hintertür. Aber um das mitzukriegen, muss man wach und aufmerksam sein. Daher die Warnung im Evangelium, sich nicht durch Rausch und Trunkenheit "zuzudröhnen" und sich nicht einschläfern und einlullen zu lassen. Das Evangelium will hier wirken wie ein Wecker: Steh auf vom Schlaf! Sei wachsam! Leb nicht nur in den Tag hinein! Lass dich von den großen Hoffnungen des Glaubens bewegen, schieb sie nicht beiseite!

"Wachet und betet!" Diesen Appell richtet Lukas an seine Hörer, wir hören ihn jedes Jahr in der Adventszeit. Mit dieser Einladung zur Wachheit, zur Geistesgegenwart werden wir also in das neue Kirchenjahr geschickt. Und das ist gut so! Denn unsere Zeit braucht wache, "aufgeweckte" Christen und nicht den bequemen Schlaf, die oberflächliche Routine und das teilnahmslose Desinteresse, das oft so beherrschend ist.

"Richtet euch auf," sagt Jesus. Fixiert euch nicht auf das, was euch bedroht und Angst macht. Lasst euch nicht "nach unten" ziehen. Klagt nicht ständig darüber, wie es runtergeht mit der Welt, runtergeht mit der Kirche. Bleibt aufrecht! "Erhebt eure Häupter," sagt Jesus. Schaut nach oben, nach vorn. Vor allem: Schaut auf Jesus. Mitten im adventlichen Gerenne, dem Stress und der alljährlichen unbegreiflichen Hektik: Schaut auf Jesus. Ich meine das ganz wörtlich: Nehmt ein Bild, eine Karte von ihm oder ein Kreuz oder eine brennende Kerze und schaut sie an, ein paar Mi-nuten oder länger, eine kurze Auszeit - und der Advent wird eine "Seele" bekommen! Niemand wird zur Hektik gezwungen, man kann gegensteuern! Schaut auf Jesus, denn er ist das Gesicht Gottes, mitten in unserer Welt.

Der allseits bekannte Sänger Herbert Grönemeyer, immer nah am Puls der Zeit, hat vor kurzem ein neues Album herausgegeben; es endet mit einem adventlichen Text: Mut. Gar nicht schlecht, seine Worte für die kommende Zeit:

Es richten die Augen sich in die Stille ...
Ich rede einmal nicht
und lass mir erzähl'n
von einer ganz anderen Sicht.
Wie verbreitet sich der Mut des Herzens?
Wie enteilt man der Raserei?
Wie bring ich Ruhe in die Bewegung?
Wie steh ich auf für 'ne weite Zeit?
Rund um den geweihten Abend
zieht das Jahr Bilanz,
erlässt die Fehler und lehrt verzeih'n. Das Leben ist ein Seiltanz,
ein hauchzartes Porzellan
Doch der Funke glimmt
für einen Aufbruch,
der gegen alle Ströme schwimmt
Es eint der Wunsch
nach Heim und Hort,
nach sich'rem Halt und Unterstand.
Wie bring ich Ruhe in die Bewegung,
wie steh ich auf für 'ne weite Zeit?