Meine Wahrheit - deine Wahrheit

Predigt am 25.11.2018

Was ist Wahrheit? So fragt Pilatus mit müder Skepsis. Was ist Wahrheit? Darüber kann man sich lange unterhalten - gerade heute, wo die Wahrheit hinter der Propaganda oft verschwindet, hinter fake news und offensichtlichen Lügen. Pilatus wird geahnt haben: Jesus und er werden in der Frage nach der Wahrheit nie zusammenkommen. Welten liegen dazwischen. Für Jesus ist Wahrheit kein abstraktes kompliziertes Gedankengebäude, keine Sache nur für Philosophen. Für Jesus ist Wahrheit etwas sehr Konkretes, etwa so: Zeige mir, wie du lebst, und ich sage dir, welcher Wahrheit du folgst. Meine Wahrheit ist anders als deine Wahrheit!

Ich höre Pilatus sagen:
"Jesus, was ist denn deine Wahrheit? Weißt du, was du morgen bist? Morgen bist du tot! Tot und begraben! Das ist deine Wahrheit! Aber hier geht alles weiter wie gehabt. Dein Tod interessiert niemanden. Die Welt geht zur Tagesordnung über. Der Kaiser bleibt Kaiser. Alles bleibt, wie es ist. Interessant ist doch nur die Macht. Das ist meine Wahrheit.

Du hast, wie ich höre, die Armen seliggepriesen. Leere Hände schrecken dich nicht. Du hast es wirklich mit den Armen! Dein Königtum baut nicht auf Macht auf, sondern auf Vertrauen. Und es sammelt die Habenichtse. Die an den Rändern, die von den Hecken und Zäunen - die hast du lieb. Das ist deine Wahrheit. Ich sage dir: Das sind doch nur Träume! Illusionen! Mach endlich die Augen auf. Sieh dir die Welt an. Geld und Macht - das zählt. Am besten beides zusammen! Das ist meine Wahrheit!

Du nennst die Sanftmütigen selig. Die, die nicht zuschlagen, die keine Gewalt anwenden, um einen Konflikt zu lösen. Du hast noch gestern Abend zu deinem Freund Petrus gesagt, er solle sein Schwert wegstecken. Das ist deine Wahrheit. Sieh dich hier mal um, im Hauptquartier der Römer: Hier steckt alles voll von Waffen. Sehr wirksam, wie du siehst! Wir haben euer Land und eure Leute fest im Griff. Sollen sie uns doch hassen - wenn sie uns nur fürchten. Und gehorchen. Ich sage dir: Nicht das Schwert wegstecken, sondern es schneller zücken als der andere - das bringt den Erfolg. Gewalt schafft Stärke, und Geduld ist Schwäche - das ist meine Wahrheit.

Jesus, du nennst die Barmherzigen selig - wie diesen Samariter, von dem ich dich erzählen hörte. Der bei der Pflege des Überfallenen seine Zeit verliert. Ich sage dir: Das sind Geschichten für Verrückte. Lieber ein Unrecht erleiden als ein Unrecht begehen? Dem anderen auch die andere Wange hinhalten? Wie verrückt ist das denn? Dass ich nicht lache! Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das Gesetz der Wüste, das passt in unsere Welt. Vergeltung beeindruckt. Der Barmherzige ist ein Trottel: Das ist meine Wahrheit.

Dein Königreich ist wirklich nicht von dieser Welt. Da hast du endlich mal recht in deiner Weltfremdheit. Vielleicht werden dir ja einige wenige folgen. Träumer gibt es halt immer. Aber was ist mit den anderen, mit der breiten Masse? Wir, die Machthaber, sind da ganz anders auf dem Teppich. Im Kleinen zeigen wir den Leuten Verständnis, im Großen geben wir ihnen eins auf die Finger. Das prägt sich ein. Wir belasten die Menschen nicht mit Freiheit und Gewissen - das liefern sie bei uns ab. Damit brauchen sie sich nicht herumzuschlagen – das tun wir für sie.

Jesus, du möchtest, dass die Menschen ungezwungen, aus freiem Herzen lieben? Das ist für dich das Größte? Blödsinn! Ich, Pilatus, sage dir: Die Liebe ist eine Sei-fenblase. Mehr nicht. Das ist meine Wahrheit.

Übrigens: Schon Hunderte von Leuten haben hier vor meinem Richterstuhl gestanden. So ein Typ wie du war noch nie dabei. So verrückt ist mir noch keiner gekommen: Die Letzten werden die ersten sein. Der Chef wäscht seinen Leuten die Füße. Wie blöd ist das denn! Entweder ist das wahr, was du sagst, dann habe ich mich selber ungemein geirrt. Oder es ist wahr, was ich sage, und dafür spricht eigentlich alles. Die Erfahrung. Und der gesunde Menschenverstand. Wir beide können nicht gleichzeitig Recht haben. Man muss sich entscheiden. Entweder du oder ich. Und ich entscheide die Wahrheitsfrage für mich. Meine Wahrheit gilt. Das bedeutet dein Ende. Und zum Ende muss ich mit dir kommen. Jetzt." Soweit Pilatus.

Pilatus hat das Todesurteil damals gesprochen. Aber zum Ende ist er mit Jesus nicht gekommen. So wenig wie wir mit ihm zu Ende kommen. Wahrscheinlich stehen wir dazwischen, irgendwo zwischen Jesus und Pilatus. Fasziniert und angezogen von der Kühnheit Jesu, von seiner ungewöhnlichen Sicht. Zugleich aber sehr geprägt von den Spielregeln dieser Welt, vom platten Realismus des Pilatus, für den nur Macht und Geld zählen. Da kommen wir nur schwer von los.
Niemand kann zwei Herren dienen. Das Fest Christkönig lockt uns hin zu einem "König", der mit den Machthabern und Machtspielen dieser Welt nichts zu tun hat. Zu einem, der uns hilft, nicht den Götzen von heute auf den Leim zu gehen. Nein zu sagen, wo das nötig ist: Nein, da mache ich nicht mit. Nein, das ist unmenschlich und ungerecht. Gar nicht so einfach, unser Standort als Christen: Wir sind hier, aber sein Königtum ist nicht von hier. Er kommt woanders her, von Gott. Er hat andere Maßstäbe. Wir können versuchen, dieses hier und heute und das Nicht-von-hier zusammen zu bringen, zumindest ins Gespräch zu bringen. Diesen Versuch könnte man "Christ sein" nennen, oder: Kirche.