Untergang meiner Welt?

Predigt am 18.11.2018

"Wir sind in der Endzeit angekommen", sagen mir einige fromme Leute. "Sehen Sie sich doch in der Welt um! Die Katastrophen, das Feuer in Kalifornien, die Erdbeben und Hurrikans und Überschwemmungen, der Klimawandel. Das wird doch immer heftiger! Die Bibel sagt doch ganz deutlich, dass das die Vorboten sind!" So bei manchen Protestanten. Bei manchen Katholiken heißt es: "Die Welt wird immer gottloser. Sie überhört die Warnungen, die die Muttergottes den Seherinnen an diesem oder jenem Ort offenbart hat. Die Menschen sind verstockt." Es sind nicht ganz wenige, die so reden und empfinden. Manche legen klammheimlich solche Botschaften in den Kirchen aus - auch in unseren. Was ist davon zu halten?

Ich höre eine große Angst heraus. Angst vor dem Leben. Angst vor der Zukunft. Vor allem aber: Angst vor Gott. Menschen spüren, dass etwas zu Ende geht. Die Art von Kirche, wie wir sie kennen, wie sie uns vertraut ist, geht wahrscheinlich bald zu Ende. Der Volkskirche, zu der die allermeisten Deutschen gehörten, geht es wie den Volksparteien: Sie zerfällt. Dass jemand bewusst zum christlichen Glauben steht, wird immer seltener. Am heutigen Diasporasonntag muss man es deutlich sagen: Wir sind fast überall Diaspora. Christen in der Minderheit. Eine "kleine Herde" - dazu noch stark überaltert. Das macht Angst. Mir auch.

Angst machen auch und vielleicht noch mehr die Krisenphänomene der Welt. Die meisten Menschen stehen weltweit auf der Verliererseite. Europa fürchtet um seinen Zusammenhalt. Die Regierungen driften in vielen Ländern ins rein Nationale: Nur wir! Wir zuerst! Propaganda macht es schwer, die Wahrheit zu erkennen. Das große Geld regiert. Menschen und Arbeitsplätze spielen nur eine Nebenrolle. Die Technik forscht in Richtung "künstliche Intelligenz" und Roboter - wer weiß, ob wir Menschen das alles noch beherrschen - oder dann von unseren Produkten beherrscht werden? Das alles macht Angst. Das alles lässt sich zu einem großen apokalyptischen Szenario aufbauen. Die eingangs zitierten "Frommen" haben gleich eine Deutung parat: Das ist die Strafe Gottes für den menschlichen Hochmut und für all den Unglauben.

Jede Zeit hat ihre apokalyptischen Ängste. Die Formen und Bilder früherer Zeiten, auch der Bibel, sind uns wohl sehr fremd geworden. Wie mögen die Menschen in den großen Kriegen empfunden haben, unter Hitler und Stalin, oder in den großen Umbruchzeiten, als kaum ein Stein auf dem anderen blieb? Immer geht dann eine vertraute Zeit zu Ende. "Nach der großen Not", sagt Jesus im Evangelium, und er benutzt Bilder, die damals üblich waren: "Die Sterne werden vom Himmel fallen." Die Leute von damals kannten das. Sie kannten das Gefühl, dass ihnen gleichsam der Boden unter den Füßen weggezogen wird, und dass wirklich kein Stein auf dem anderen bleibt. Als die verhassten Römer im Jahr 70 n.Chr. den Tempel in Jerusalem zerstörten und dem Erdboden gleich machten, also "die Wohnung, das Haus Gottes", da bebte für die Juden wirklich die Erde! Da stürzten ihre innere Beheimatung und Sicherheit zusammen. Was ist denn noch "fest";, wenn selbst der Tempel zerstört wird? Das "Erdbeben" ist ein apokalyptisches Bild, das ich gut nachvollziehen kann. Ich habe selber mal ein Erdbeben miterlebt, gottseidank ein kleineres, 1990 auf einer Reise in Ecuador, Lateinamerika. Ich wollte gerade ins Bett gehen, da fing das Zimmer an zu wackeln, die Bilder an der Wand schaukelten hin und her. Schreckliches Gefühl - wenn man sich der Erde nicht mehr sicher sein kann - des festen Grundes, auf dem wir stehen! Wir hören in der Leidensgeschichte Jesu, dass im Augenblick seines Todes am Kreuz "die Erde bebte": Eine alte Welt ging zu Ende, war erschüttert, wackelte und bebte. Und etwas Neues zog herauf. Etwas, das noch niemand erfassen konnte. Etwas, das wir mit den Worten "Auferstehung" und "Ostern" andeuten.

Im Evangelium benutzt Jesus alle diese Untergangsbilder ganz selbstverständlich. Aber er stellt sie in einen anderen Zusammenhang. Sie sind nicht mehr Drohbotschaft, sondern Zeichen der Hoffnung. Da lässt kein Gott es donnern und krachen, um die Menschen einzuschüchtern und wieder auf den rechten Weg zu bringen. Nein, für Jesus ist Hoffnung angesagt. Etwas Neues zieht herauf, schwer zu beschreiben, vielleicht mit Worten wie "Reich Gottes" oder "Auferstehung", oder "Wiederkunft Christi: bis du wiederkommst in Herrlichkeit". Die alte totgeweihte Welt geht zu Ende. Alles ist relativ. Alles ist vergänglich. Übrigens auch die Kirche! Alles ist dem Untergang geweiht, steht im Zeichen des Todes. "Wir sind nur Gast auf Erden"! Nur Gott allein lebt und stirbt nicht. "Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen!" Er allein lebt, er allein ist ewig. Und mit ihm leben alle, die an seinem Leben Anteil genommen haben - in der Taufe. "Doch den Tag und die Stunde kennt niemand", sagt Jesus gerade denen, die den Tag und die Stunde herbeireden wollen. Der Tag und die Stunde sind uns nicht verfügbar, liegen nicht in unserer Hand: Die Zeugen Jehovas z.B., die genau Bescheid wissen wollten, haben das schmerzlich erfahren. "Bleibt wach, seid wachsam", fügt Jesus noch an. Das ist vielleicht das entscheidende Wort: Wachsam sein, aufmerksam und geistesgegenwärtig sein für die "Zeichen der Zeit", für den Feigenbaum hier und jetzt. Für die Welt, wie sie ist und wie sie sein könnte, - für das Kommen und Anklopfen Gottes bei uns und bei mir, hier und heute.