Immer mischt sich etwas ein - und dennoch: Dienen

Predigt am 25.10.2018

Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein.

Ja, das haben wir in der Priesterausbildung, im Seminar, häufig gehört: Ihr seid immer im Dienst, sozusagen Tag und Nacht. Ihr habt nicht irgendeinen Job, den ihr an den Nagel hängt, wenn ihr nach Hause kommt. Ihr seid ganz da für eure Gemeinde, für die Menschen, die euch anvertraut sind.

Im Dienst sein - ganz-, ja, das wollten wir. Aber es mischte sich auch anderes ein. Manche sonnten sich in der sakralen Rolle: vorne stehen, im Messgewand, in eigener priesterlicher Kleidung, abgehoben von den Leuten. Nah dran am Heiligen - Mittler zwischen Gott und den Menschen. In der Aura des Zölibates: keine Liebesbeziehung. Nur Gott. Andere genossen das (damals noch vorhandene) gesellschaftliche Ansehen: dauernd in der Zeitung, der Pfarrer einer der großen Namen in der Stadt. Immer im Mittelpunkt. War er bei einer Veranstaltung nicht dabei, fehlte was. Wieder anderen gefiel die Chefrolle. Vorgesetzter, "Dienstherr" (nicht: Diener!), Arbeitgeber. Was er wollte, wurde gemacht. Und die allermeisten freuten sich auf die Seelsorge: Nah bei den Menschen sein, mit der Jugendarbeit beginnen. Kranke besuchen, Ratsuchende begleiten. Etwas tun und erleben, was Menschen miteinander verbindet - und hinführt zu Gott. Manche befürchteten allerdings, mit all dem überfordert zu sein. Immer im Dienst?

Ja, dienen. Aber in Reinform gibt es das kaum. Immer mischt sich etwas ein. Unser Menschsein, unsere eigenen inneren Bedürfnisse. Unser Drang, dem eigenen Leben eine Bedeutung zu geben. Sich selber zu verwirklichen. Wie geht's mir damit? Bleibe ich dabei auf der Strecke?

Immer mischt sich etwas ein. Auch bei den Jüngern. Bei Jakobus und Johannes. Die ziehen mit Jesus herum, teilen alle Anstrengungen des Weges und wollen dafür die ersten Plätze. "Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den anderen links neben dir sitzen!" Ja, so sind wir Menschen - gerne ganz vorn. In der Beliebtheits- und Wertschätzungsskala am liebsten ganz oben. Die anderen Jünger finden das peinlich. Peinlich, dass Jakobus und Johannes ihren Wunsch nach Glanz und Ehre so deutlich und offen aussprechen. Und die frühe Christenheit empfand das auch so. Das kann doch nicht sein! Im Matthäus-Evangelium (Mt 20), das etwas jünger ist als das Markus-Evangelium, wird die Peinlichkeit etwas geglättet und abgeschwächt. Da kommen nicht mehr die beiden Jünger selbst und bitten um die besten Plätze, sondern sie schicken ihre Mutter vor: Jesus, tu was für meine Jungs! Mütter, die ihre Söhne vergöttern, sind manchmal so.

Erstaunlich, wie Jesus nun auf die Jünger eingeht. Er nennt sie nicht Egoisten oder Karrieremacher. Stattdessen sagt er eher: Stellt euch das mit dem Reich Gottes bitte nicht so einfach vor. Das ist kein Reich der Macht, in dem gleich die Posten verteilt werden - wie jetzt bei der Regierungsbildung in Bayern. Das Reich ist ein Weg, der über das Kreuz führt: man muss den Kelch des Leidens trinken. Nur so geht es in Richtung Auferstehung und "Leben in Fülle". Man muss bereit sein, sein gewohntes und vertrautes Leben "hinzugeben"! Das Leben, das vor allem als Selbststeigerung und Selbstverwirklichung gelebt wurde. So kann man das neue Leben empfangen - als Gabe und Geschenk.

Jesus fügt noch an: Die besten Plätze im Reich Gottes habe nicht ich zu vergeben. Dort werden die sitzen, für die diese Plätze bestimmt sind. Und da kommt eigentlich nur einer in Frage - der einzige, dem Jesu einen Platz im Himmelreich garantiert und reserviert hat. Nur zu einem hat er gesagt: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein! Sie wissen, wer das war? Ein Räuber, der neben Jesus am Kreuz hängt. Der "gute Schächer", wie wir sagen, mit einem verpfuschten Leben. Also: sehr ungewohnte, sehr überraschende Platzverteilung. Rein aus Gnade.

Liebe Christen, immer mischt sich etwas ein. Ausnahme: Jesus selbst. Er ist die reine Selbstlosigkeit. Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld, als Erlösung für viele. So hat er sein Leben gelebt und verstanden: ganz in Verbundenheit mit Gott, ganz in Liebe zu den Menschen. Er wollte nichts für sich. Dietrich Bonhoeffer hat das so ausgedrückt: Jesus ist der Mensch-für-andere. An ihm kann man ablesen, wie vollkommenes Dienen aussieht. Geschichten wie die Fußwaschung machen das überaus anschaulich.

Immer mischt sich etwas ein. Wir sind nicht vollkommen. Aber je mehr man in die Jahre kommt, desto schwächer kann dieses Einmischen anderer Motive werden. War das so wichtig, fragen wir dann im Blick auf unsere Lebensbilanz. War das so wichtig: die materiellen Güter, der vermeintliche Erfolg, unser Image, was die anderen über uns sagen? Mir scheint, es zählt dann mehr und mehr, wie wir mit den anderen gelebt haben: in der Familie, im Bekannten- und Freundeskreis, im Beruf, in der Gemeinde. Es zählt, ob Dienen und Dienst und Füreinander-Dasein mehr waren als nur schöne Worte. Es zählen schon die kleinen Zeichen und Worte der Liebe. Und darin zählt Gott, der uns dafür geschaffen hat. Für einander.