Gespräche unterwegs

Predigt am 23.09.2018

Eine Frage aus dem Evangelium geht mir nach: "Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?" Die Antwort ist unglaublich: Jesus kündigt ihnen seinen Tod an - und was machen die Jünger? Sie reden darüber, wer von ihnen der Größte sei! Stellen Sie sich vor, ihre Mutter sagt Ihnen, sie sei sterbenskrank, sie mache es nicht mehr lange ... und Sie und Ihre Geschwister reden direkt anschließend über das Wetter oder über das Fernsehprogramm! Markus schreibt: Die Jünger verstanden Jesu Worte nicht. Sie scheuten sich, ihn nochmal zu fragen. Und auf seine Frage - worüber habt ihr euch unterhalten - schweigen sie. Denn ihr Gesprächsstoff, wer ist der Größte, ist ihnen nun peinlich. Das nennt man Aneinander vorbeireden!

Und das nennt man: Sich aneinander vorbei bewegen - Jesus so (Bewegung des Abstiegs), die Jünger so (Bewegung des Aufstiegs). Sie wollen sozusagen Karriere machen und sind auf dem Run nach dem ersten Platz: So eine Art Bundeskanzler im Reiche Gottes. Das ist menschlich. Macht, Ehre, Ansehen: das kriegen zu wollen ist menschlich.

Jesus dagegen ist auf einem anderen Weg. Er ist auf dem Weg zum letzten Platz der Welt. Das Kreuz ist wirklich das Letzte, was die Welt zu bieten hat. Da will keiner hin. Am letzten Platz zu sein, dem Kreuz, das ist - Dummheit? Pech? Das Markusevangelium will zeigen: Das ist göttlich! Die Szene am Kreuz: Jesus verreckt, gefoltert, erniedrigt, er ist blutendes Elend, kaum noch ein Mensch. Aber im Augenblick seines Todes schaut ein römischer - heidnischer - Hauptmann, der unter dem Kreuz steht, hoch und bekennt: "Wahrlich – dieser Mensch ist Gottes Sohn!" Der letzte Platz: göttlich! Hier ist das Evangelium so fremd und herausfordernd, dass man es kaum aushalten kann. Hier ist alles auf den Kopf gestellt! Hier streikt der "gesunde Menschenverstand", mit dem es sich ansonsten ja ganz gut leben lässt. Und ein Wort von Jesus, unterwegs, an seine Jünger kann uns in den Sinn kommen: "Ihr denkt, was die Menschen denken - und nicht, was Gott denkt!"

Wie sollten wir auch wissen, "was Gott denkt"? Wie kommen wir aus den menschlich-allzu menschlichen Gedanken heraus? Hier in diesem Evangelium ist so eine Spur, die uns die Gedanken Gottes ahnen lässt - oder z.B. die Geschichte von der Fußwaschung. Und dann: ein kleines Kind in der Mitte - und nicht ein König ... Wie wäre die Welt, wenn sie die "Gedanken Gottes" nachdenken und weiterdenken würde!

Worüber habt ihr unterwegs gesprochen? Ja, worüber sprechen wir, wenn wir unterwegs sind - oder mehr noch, wenn wir sitzen, auf Sitzungen, in Versammlungen, in den Gemeinden, um diverse Tische herum, mit Freunden oder Verwandten? Sicherlich müssen wir nicht ständig über Gott und über Glaubensfragen reden. Gott kann und muss nicht immer das Thema sein - das Dauerthema. Das würde uns nicht liegen, und Jesus hat das auch nicht erwartet und selber auch nicht getan. Er hat in seinen Gleichnissen von den alltäglichen Dingen erzählt: vom Sämann, vom Unkraut im Acker, oder vom Schatz im Acker, vom verlorenen Schaf. Und seine Hörer, die Menschen vom Lande, nickten dann mit dem Kopf und verstanden. Man könnte sagen: Jesus sprach nicht ständig über Gott, sondern er sprach vom Leben, aber im Lichte Gottes, aus dem Blickwinkel Gottes, in der Spur der göttlichen Gedanken.

Ja, so möchte ich auch, dass Christen unterwegs und zusammen sitzend miteinander sprechen. Nicht ständig direkt über Gott, sondern vom Leben, von der Wirklichkeit, aber so, dass man darin etwas von Gott spüren kann, von Gott erfahren kann - von seiner Sorge um den Menschen, von seinem Interesse an uns. Gottes Interesse kann unser Interesse werden - und das ist der Mensch! Gott ist leidenschaftlich am Leben, am Menschen interessiert. Das sind viele Menschen auch, aber sie zeigen das, indem sie übereinander herziehen, klatschen und tratschen, ohne jede Diskretion reden. Sie spießen auf, was am anderen stört und nicht gefällt. Das ist nicht der Blickwinkel Gottes! Über Menschen reden "im Lichte Gottes", das klingt anders: Menschen werden ermutigt, Gutes wird berichtet, Menschen sind hinterher stärker. Sie werden aufgebaut, nicht niedergemacht.

Deutschland mag den Superstar suchen. Gott sucht ihn nicht. Gott sucht Menschen, die dienen. Dienen heißt nicht, sich ausnutzen zu lassen und dabei immer "der Dumme" zu sein. Dienen im Sinne Jesu und im Lichte Gottes verstehe ich so: dass durch unsere Worte und Taten Menschen glücklicher, weiter, weniger belastet, befreiter sind. Dass sie aufatmen können. Das ist wirklich menschlich. Und das lässt uns ahnen, was göttlich sein könnte. In solcher Liebe kommen Gott und Mensch zusammen.

Und Jesus stellte ein Kind in ihre Mitte." Interessant zu sehen, wer oder was bei uns "in der Mitte steht". Der Fernseher vielleicht? Alles auf ihn gerichtet, im Wohnzimmer? Der Computer? Das Haus, das Auto, der Sport, das Geld? Hier bei Jesus ist es ein Kind. Also ein Mensch - und keine Sache, kein Ding, das ich besitze oder begehre. Sodann ein Mensch, der nicht auf seine Leistung pocht, sondern die anderen braucht, auf sie angewiesen ist. Ein Kind, das aufschaut, das vertraut, das spielt, das ganz lebt im Hier und Jetzt. Und so dem Herzen Gottes nah ist. Menschlich - und wenn nicht göttlich, so gottesnah - siehe Weihnachten!

So möchte ich denn auch die Mitte besetzen - auch meine eigene Mitte, in mir drin. Mit dem Kind in mir, mit dem Kind Gottes in mir, mit dem, was mich mit Gott und den anderen verbindet.