Walter Wortberg: Zwischen Himmel und Erde.

2000 km auf Schusters Rappen

Vorwort zu seinem neuen Buch über den Pilgerweg nach Santiago

Walter Wortberg ist in unserer Stadt Lüdenscheid im Sauerland (die zugegebenermaßen nicht allzu groß ist - weniger als 80.000 Einwohner) "bekannt wie ein bunter Hund"! Mit seinen 80 Jahren wirkt er geistig jünger und auch körperlich vitaler als so mancher heutige 30- oder 40-jährige. Wie sonst hätte er den Weg nach Santiago geschafft? Sein Alter hat diese Präsenz im Leben unserer Stadt kaum gemindert, sondern ihn eher in die Riege der "elder statesmen" gebracht, die vom Tagesjob nicht mehr aufgehalten werden und sich nun mit großer Intensität für ein Anliegen einsetzen - ihr Anliegen. Das danach drängt, zum Anliegen vieler zu werden.

Wer Walter Wortberg aus der Nähe kennt, spürt eine ungebrochene Passion in seinen Worten und Taten. Passion - das bedeutet zweierlei: Leiden (die Passion Christi!) und Leidenschaft. Beides hängt eng zusammen. Wer am Zustand der Welt leidet, mitleidet, der entwickelt oft eine große Leidenschaft, diesen Zustand zu ändern. Und der kann dann vieles nicht leiden, an das sich andere schon längst gewöhnt haben. "Zorn aus Liebe" - dieser Titel eines Buches, das 1983 erschien und rebellische altgewordene Männer der Kirche darstellt, passt auch zu Walter Wortberg.

Von einem solchen Menschen ist oft ein kräftiges Nein zu hören. Dieses Nein setzt ein noch kräftigeres Ja voraus - ein Ja zu Gott, zu seiner Schöpfung, zu den Werten des Christseins, zur Würde des Menschen. Das Nein setzt da ein, wo diese Werte bedroht sind von mächtigen Interessen (meist wirtschaftlicher Art: Profit und Ökonomisierung aller Lebensbereiche). Man kann solche deutlichen Ja- und Nein-Sager auch prophetische Menschen nennen. Walter Wortberg macht seinem Hausnamen alle Ehre: Er ist ein Mann des Wortes, eine prophetische Stimme in unserer Stadt - respektiert und durchaus umstritten. Wer Nein sagt, kann anderen Leuten, die sich behäbig in ihrem Leben eingerichtet haben und nicht mehr von der Stelle kommen, schnell lästig werden und "auf die Nerven gehen".

Konkret:
Unser Autor ist Arzt, niedergelassener Hausarzt, der mit seinen 80 Jahren immer noch Patienten hat. Interessant sind seine Spezialitäten: Tropen- und Umweltmedizin. Die Tropen beschäftigen ihn, seit er als jüngerer Mediziner drei Jahre lang in einem Buschkrankenhaus in Nigeria gearbeitet hat. Diese Zeit war für ihn sehr nachhaltig! So kennt er Afrika und weiß, was Armut bedeutet. Aber er weiß auch, dass diese Armut kein schicksalhaftes Verhängnis ist. In Lüdenscheid, in seiner Gemeinde St. Petrus und Paulus, hat er vor 34 Jahren ein Projekt mit auf den Weg gebracht, das ein "Lieblingskind" von MISEREOR geworden ist: Dori. Das ist eine Stadt in dem bitterarmen Land Burkina Faso in Westafrika, in der Sahelzone, wo die Menschen - die muslimische Mehrheit und die christliche Minderheit - gemeinsam versuchen, die extrem kargen Lebensverhältnisse zu verbessern: Wasserreservoirs anzulegen, das Vordringen der Wüste aufzuhalten, die Landwirtschaft zu fördern. Mehrfach ist er mit seiner Frau Monika dorthin gereist. Und er brachte innere Bilder mit, wie "es gehen könnte".

Umweltmedizin - das andere Stichwort aus Walter Wortbergs beruflichem Umfeld. Auch hier ist er ein ausgewiesener, gut vernetzter Experte, der aus ganz praktischem, patientenorientiertem Interesse seit vielen Jahren forscht, Langzeitstudien angelegt hat und viel veröffentlicht. Auch in zahlreichen Leserbriefen in der Orts-presse ("Lüdenscheider Nachrichten") kämpft er unentwegt und oft heftig an gegen die Gedanken- und Verantwortungslosigkeit, mit der der Medizinbetrieb, weithin unbeeindruckt von umweltmedizinischen Aspekten, den Patienten schadet (z.B. Amalgamfüllungen der Zähne). Hier wird Wortbergs Empathie und Passion am deutlichsten sichtbar.

Und dann ist da sein kirchliches Engagement, ganz bodenständig und greifbar in seiner Gemeinde. Jahrzehnte im Kirchenvorstand und im Familienkreis hat er hinter sich: immer anregend, manchmal aufregend - auch hier ein "Querdenker", der die kirchlichen Entwicklungen (so z.B. die aktuellen Großraumpläne für die Pfarreien und die Kirchenschließungen) kritisch sichtet und begleitet. Und sie durchsichtig macht für das Wesentliche, das in den Strukturdebatten oft nicht mehr thematisiert wird: die Sehnsucht nach Spiritualität, der Weg zu Gott.


Und das ist nun das Thema des vorliegenden Buchs. Oben in diesem Vorwort wird erwähnt, dass viele Christen "nicht mehr von der Stelle kommen", sondern sich auf ihren Standpunkten ausruhen. Walter Wortberg dagegen ist "ein Christ in Bewegung", ein Mensch im Aufbruch. Noch vor ein paar Jahren, in den hohen 70ern, hat er sich auf den Pilgerweg nach Santiago de Compostela gemacht. In verschiedenen Etappen hat er eine Wallfahrt vom Sauerland aus bis nach Nordspanien unternommen - auf dem "camino", der so geschichtsträchtig für Europa wurde. Walter Wortberg ist nicht der erste, der darüber schreibt. Hape Kerkeling hat mit seinem Buch "Ich bin dann mal weg" mehr als anderthalb Millionen Leser gefunden. Es könnte sein, dass Walter Wortberg dahinter zurückbleibt! Auch bei ihm finden sich die typischen Beschreibungen eines Reiseberichts: Was ist zu sehen? Welche Geschichte haben die Orte? Welche interessanten Leute sind mit auf dem Weg? Wo kann man übernachten? Aber sein roter Faden liegt woanders. Der Arzt, Naturwissenschaftler und Christ fragt nach dem Schöpfer, nach Gott und erkennt ihn in der Wirklichkeit. Dabei wird ihm der Begriff "Intuition" wichtig. Da ist er in guter Gesellschaft: Auch Albert Einstein hat die Intuition als göttlich bezeichnet und den Verstand als deren Diener. Der Pilgerweg ist kein Ergebnis genauer Planung und Berechnung, sondern viel eher dieser Intuition, dieses Sinns für das Ungeplante, Überraschende, das einem auf dem Camino begegnet. Die Intuition ist verschwistert mit dem Gottvertrauen. Unser wandernder Autor hat unterwegs "gespürt", wie der Schöpfer in seiner Schöpfung wirkt. Eine solche Pilgerreise - das ist Beten mit allen Sinnen - und Beten mit den Füßen. Manche spirituellen Autoren in Frankreich und Deutschland sagen, dass der "Pilger", der "pélerin" die Gestalt des Christen des 21. Jahrhunderts ist - in seiner Suche, seinen Aufbrüchen, seinen Irr- und Umwegen, seinem Unterwegssein. Das vorliegende Buch zeigt, dass Walter Wortberg mit seinen 80 Jahren "un vrai pélerin", ein wahrer Pilger ist. Nicht nur nach Santiago hin. Sondern auch in seiner Stadt, in Lüdenscheid.