Manna und Brot

Predigt am 05.08.2018

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, liebe Gemeinde!

Manchmal bin ich richtig froh, Deutscher zu sein - z.B. was das Brot angeht. Ich bedauere die Amerikaner und die Franzosen ein bisschen, immer nur Weißbrot, nur Toastbrot, nur Baguettes! In Berlin dagegen soll es einen Bäckerladen mit rund zweihundert verschiedenen Brotarten geben: Brot mit Nüssen drin, Brot mit Zwiebeln, mit Pflaumen, Brot mit Speck - was Sie wollen! Ja, so viel Mühe macht man sich mit dem Brot bei uns, so elementar und wichtig ist das Brot für unsere Nahrung! Nicht umsonst beten wir im Vaterunser: Unser tägliches Brot gib uns heute!

"Schwarzbrotspiritualität", so heißt ein geistliches Buch mit stärkenden Beiträgen. Schwarzbrotfrömmigkeit! Was mag das sein? Jedenfalls alles andere als "Toastbrotspiritualität" - die wäre ohne Kruste, labberig, ohne deutlichen Geschmack. Für Schwarzbrot dagegen brauchst du Zeit. Du musst kauen, intensiv und ausgiebig. Dann erst kommst du auf den Geschmack! Schwarzbrotspiritualität hieße dann: Es gibt eine geistige Nahrung, die ist handfest und kräftig und nicht unbedingt gleich beim ersten Biss gefällig - kein Schnickschnack, kein süßes Törtchen, kein Sahnehäubchen, nichts Künstliches, keine Geschmacksverstärker, nicht so viel Zucker, eher Salz. Eine Nahrung, die meine Seele ernährt.

In unserer eigenen christlichen Tradition gibt es Schätze, die wie Schwarzbrot sind - ganz elementar. Ich nenne z.B.: das Vater unser. Oder das Glaubensbekenntnis. Die Psalmen. Alte Lieder. Eigentlich die ganze Messliturgie. Manche tun das alles schnell als "altbacken" ab. Es kommt ihnen vor wie Brot, das steinalt und hart geworden ist, dass man es nicht mehr essen mag. Ich meine, wir sollten an diesen Schätzen intensiv kauen, uns manchmal auch "die Zähne dran ausbeißen", - kauen, verarbeiten. Nicht um alles zu schlucken, nicht um gedankenlos wiederzukäuen, sondern um zu schmecken. Um den Glauben "zu schmecken", langsam und bedächtig, nicht hastig wie "fastfood", um dahinter zu kommen: Was für Erfahrungen stecken hinter den Worten? Was für eine Kraft? Vielleicht spüren wir hinter all diesen Worten nicht nur eine Kraft, sondern eine Person, die uns mehr geben will als 300 Kalorien für den Augenblick. Von ihr - von ihm, Jesus - kommen die Worte (Joh 6,27): "Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt."

Jede Speise, die wir essen, hat ihr Verfallsdatum und verdirbt einmal. Du kannst essen, was Du willst - und sei es täglich Kaviar - keine Speise der Welt kann verhindern, dass Du selber verdirbst : keine Speise verhindert den Tod. Und damit ist die Messlatte gelegt: Jesus bietet eine Speise an, die - so sagt er - "ewiges Leben schenkt", die sozusagen dem Tod gewachsen ist.

Die Speisung durch Jesus hat einen Vorläufer in der Bibel: das Manna in der Wüste. Wir hörten in der Lesung von dem murrenden, schimpfenden, fast immer unzufriedenen Volk Israel, das über dem knurrenden Magen ganz schnell vergisst, wie Gott es aus der Unterdrückung befreit und aus dem Sklavenhaus in Ägypten herausgeführt hat. Und da tut Gott mitten in der Wüste für das hungernde Volk ein Zeichen: Vogelschwärme von Wachteln fliegen ein und können gebraten werden. Wasser springt aus dem Felsen. Die Tamariskensträucher, die auch in der Wüste wachsen, schwitzen in der Morgenfrühe eine süße knusprige Substanz aus, die man wie Brot backen kann. "Manhu, was ist das?" fragten die Leute, daher kommt das Wort Manna. Und Mose gibt die Antwort auf die Frage, was das ist: "Das ist das Brot, das der Herr euch zu essen gibt." Alle Nahrung, gerade auch das in der Wüste geschenkte Manna, soll ein Zeichen sein für Gottes Güte und Sorge um den Menschen. "Aller Augen warten auf dich und du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit ...", so wird man später beten.

Hier jetzt, im Evangelium, hat Jesus es auch mit Leuten zu tun, die nur schwer begreifen. Sie sind satt geworden, wollen für immer satt bleiben und alles zur Verfügung haben und suchen nach einem Rezept dafür. Stattdessen hören sie von Jesus: "Ich bin das Brot des Lebens." Jesus sagt: So unersetzlich wie das Brot bin ich für das Leben - für das Leben in Fülle, für das ewige Leben, das kein Tod begrenzen kann. Jesus findet im Johannes-Evangelium dafür viele Bilder: Ich bin das lebendige Wasser. Ich bin das Licht der Welt. Ich bin das Weizenkorn, das reiche Frucht bringt. Wasser, Licht, Brot: Lässt es sich besser ausdrücken, was Jesus für uns sein will? Kein Stück Brot, kein Stück Fleisch, keine Süßigkeit und kein Ding dieser Welt kann uns wirklich zufrieden machen, wenn wir nicht einen Menschen haben, der uns wie Brot, wie Fleisch, wie das Licht ist. Das will dieser Jesus sein, für jeden von uns.

Die großartige jüdische Dichterin Hilde Domin, die hochbetagt mit 97 Jahren starb, schrieb diese Zeile: "Wir essen Brot, aber wir leben von Glanz" - Brot essen, konsumieren ist wichtig, aber reicht nicht. Wir leben von Glanz! Ich wünsche uns allen, dass der Glanz, dass das "Licht der Welt" uns leuchtet und erleuchtet. Brot und Glanz - das erst ist das Leben!